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16.05.2018
Rasenreport
Kohfeldt im MEIN-WERDER-Interview – Teil 2

"Mein Image? Egal ist mir das nicht"



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dpa

 

Herr Kohfeldt, bis vor einem halben Jahr waren Sie nur Bundesliga-Insidern ein Begriff. Jetzt waren Sie Gast im „Aktuellen Sportstudio“. Wie wichtig ist so ein Auftritt für Sie als Trainer?

Mir persönlich, also als Person Florian Kohfeldt, war er nicht so wichtig. Aber so ein Termin ist ja immer auch eine gute Plattform, um den Verein zu repräsentieren. Deshalb ist es aus meiner Sicht auch wichtig, dass man dort einen ordentlichen Auftritt hinlegt.

Ist das jetzt die Zeit der vermehrten öffentlichen Auftritte? Bis zu diesem Gespräch jetzt hier hat es ja auch ein halbes Jahr gedauert. Warum?

(lacht) Es hat nichts damit zu tun, dass ich euch nicht mag. Im Ernst: Ich wollte erstens erst wieder länger reden, wenn wir wirklich etwas geschafft haben. Ich will nicht sagen, dass der Klassenerhalt ein riesiger Erfolg ist, aber bei der Ausgangssituation im Herbst (Werder war bei Kohfeldts Amtsantritt Vorletzter, Anm. d. Red.) ist es schon eine gute Sache. Das wollte ich erledigt haben. Und was mir noch wichtiger war: Ich will, dass immer die Mannschaft im Fokus steht, dass die Jungs die Bühne bekommen. Die Spieler sind schließlich diejenigen, die am Ende auf dem Platz liefern müssen. Deshalb war es mir viel wichtiger, dass vor mir zum Beispiel Max Kruse ins Sportstudio gefahren ist oder die Jungs größere Interviews geben. Gerade in Zeiten, in denen es gut läuft. Wenn wir in eine richtige Krise geraten wären, wäre das eher der Moment gewesen, in dem ich bestimmt auch früher gesprochen hätte.

Weil die Spieler sehr genau hinschauen, wie sich ein Trainer darstellt?

Es geht darum, eine Balance zu finden. Das ist meine Überzeugung, das ist kein Taktieren vor der Mannschaft. Mein Trainerteam und ich sind die letzten Helfer und Wegbereiter, bis es ins Spiel geht. Aber dann sind die Spieler dran. Und für das, was sie leisten, sollen sie dann auch im Fokus stehen.

Bleiben wir trotzdem bei Ihnen. Wie wichtig ist Ihnen Image? Viktor Skripnik, damals Ihr Cheftrainer, hat sie zum Beispiel mal „unseren Studenten“ genannt, sie werden als sehr bodenständig beschrieben. Wie wichtig ist Ihnen das?

Egal ist mir das nicht. Wenn man als Person öffentlich wahrgenommen wird, und das wird man als Bundesliga-Trainer und Trainer von Werder Bremen, dann gibt es ein, zwei Dinge, die mir wichtig sind.

Und zwar?

Eine Sache ist Höflichkeit, das ist für mich total wichtig. Es ist wichtig, „Danke“ und „Bitte“ zu sagen, egal, mit wem ich rede. Wenn das so wahrgenommen wird, ja, dann gefällt mir das. Und bodenständig? (überlegt) Ja, ist auch ein Attribut, das ich gerne über mich lese. Ich freue mich einfach, diesen Job zu machen, in meiner Stadt, in meinen Tennisverein gehen zu können. Wenn jemand über mich sagen würde, das ist ein arroganter Schnösel, das würde mir nicht gefallen.

Gibt es im Umgang mit und innerhalb der Mannschaft auch so eine Art Kodex?

Wir versuchen schon, bewusst Zeiträume zu schaffen, in denen wir zusammensitzen. Fehlender Teamgeist war bei dieser Mannschaft nie das Problem, die Jungs hängen privat schon recht viel zusammen. Ich finde es aber schon relativ wichtig, zusammen zu essen. Ein Beispiel: Wenn wir vor einem Heimspiel im Hotel um 19 Uhr Abendessen haben und anschließend hätten alle frei, dann ist der Tisch nach zehn Minuten leer. Deshalb haben wir um 19.45 Uhr immer die Gegneranalyse. Und schon bleibt jeder automatisch eine Dreiviertelstunde sitzen, weil es sich nicht lohnt, erst wieder aufs Zimmer zu gehen.

Sie haben oft betont, dass Werder für Sie anfassbar sein soll und familiär – was heißt das konkret?

Anfassbar bedeutet, dass jeder in der Stadt das Gefühl hat, dass er jeden von Werder ansprechen kann, dass wir nicht aus einer anderen Welt kommen. Der Werder-Profi gehört zu Bremen wie jeder andere, mit dem Unterschied, dass er am Wochenende im Stadion zur Arbeit auf den Rasen geht. Das finde ich wichtig, genau wie das Training. Inhaltlich würde es am meisten Sinn machen, immer abgeschottet von der Öffentlichkeit zu trainieren. Aber das kann nicht unser Weg sein. Wir müssen raus, Kontakt zu den Fans haben.


Familiär ist aus unserer Sicht ein zweischneidiger Begriff. Man liest und hört es im Fall von Luca Caldirola gerade zum Beispiel in den Sozialen Netzwerken: Da heißt es, dass ein so verdienter Spieler Abschiedsminuten bekommen müsse, denn so behandelt man sich in einer Familie. Ist das mit familiär gemeint?

Man muss das Wort Familie im richtigen Sinne deuten. Wenn Familie heißt, sich gegenseitig zu unterstützen, sich kritisch zu hinterfragen, weil man Vertrauen zueinander hat, dann ist Familie gut. Aber Familie darf nicht dazu führen, dass man sich aus der Emotion heraus zu Entscheidungen lenken lässt. Die einzige Maßgabe für meine Entscheidungen ist der sportliche Erfolg. Als Mensch hätte ich Luca Caldirola am liebsten 34 Spiele auf dem Platz gesehen. Aber ich kann mich nicht hinstellen, sagen, dass wir leistungsorientiert sind, und dann stelle ich nach Sympathie auf. Das geht nicht. Wir müssen ein gutes Verhältnis untereinander haben, aber das darf nicht dazu führen, dass wir nicht mehr an die Leistungsgrenze gehen.

Stichwort Komfortzone oder Wohlfühloase?

Es gibt schon Bereiche, wo man sich wohlfühlen muss. Erfolg entsteht ja auch über Vertrauen, gute Leistungen über Sicherheit und nicht über Druck. Aber man muss wissen, warum man hier ist, und dem muss man alles unterordnen. Und wir arbeiten nur an einer Sache: dass wir hier samstags erfolgreich sind. Wir müssen erfolgshungrig sein. Erfolgsorientierung ist nichts Schlechtes. Wir müssen uns nicht schämen, wenn wir sagen: Wir wollen gewinnen, dafür sind wir hier.

Wenn man Sie an der Linie beobachtet, ist dieser Wille fast spürbar. Sie scheinen dann ein anderer Mensch zu sein als jetzt hier im Gespräch.

(lacht) Das kann man so sagen. Ist auch besser für alle Beteiligten, dass ich davor und danach anders bin.

Also die 90 Minuten am Rand wie im Tunnel?

Ja, absolut. Da ist es dann mit „Bitte“ und „Danke“ vorbei (lacht). Aber ich kann ganz gut zwischen Lockerheit und Fokussierung switchen. Das war ein Lernprozess, das gebe ich zu. Früher habe ich mich dazu gezwungen, eineinhalb Tage vor dem Spiel alles aufs Spiel auszurichten. Jetzt geht das erst so dreieinhalb Stunden vor dem Spiel los. Bis dahin sitze ich zum Beispiel ganz entspannt beim Frühstück und nicht Nägel kauend vor Aufregung. Das kommt erst mittags. Wenn ich im Stadion bin, vergesse ich, was um mich herum ist. Neulich habe ich Aufnahmen von unserem Schalke-Spiel gesehen, da merkst du dann überhaupt erstmal, in welchem Stadion du stehst.

Und wie fühlt sich das an, wenn man sich dann so in Aktion an der Linie sieht?

Es sind nicht die schönsten Fotos, die man von sich sehen will. Aber es gehört dazu.


Sie haben klare Vorstellungen davon, wer spielen soll und wer nicht weiterhilft. Wie geht man mit solchen Spielern um?

Das ist ein schmaler Grat. Zum Beispiel Yuning Zhang am Samstag. Der hat ein Jahr hart gearbeitet, wirklich hart gearbeitet. Jetzt sitzt er im letzten Spiel zum zweiten Mal auf der Bank. Und dann wechsle ich in der Schlussphase Zladdi ein, weil ich dieses Spiel gewinnen wollte und mir dieser Wechsel sinnvoller erschien. Und dann guckt mich Yuning nach dem Spiel mit traurigen Augen an, in solchen Momenten helfen auch keine Worte. Robert Bauer hat eine ähnlich schwierige Situation. Aber das sind auch Momente, in denen ich den Spielern zeigen will: Ich verstehe dich, du bist mir nicht egal. Du musst mich auch nicht mögen, aber ich versuche menschlich korrekt mit ihnen umzugehen.

Gibt es eigentlich jemanden, bei dem Sie sich Rat holen für solche oder ähnliche Situationen?

Ich habe drei Personen, mit denen ich in den letzten Jahren intensiv im Austausch war. Das ist Björn Schierenbeck (Leiter von Werders Leistungszentrum, Anm. d. Red.), mit dem ich viel darüber diskutiere, welche Folgen gewisse Entscheidungen haben, die ich treffe. Der Zweite ist Jan de Witt (ein Profi-Tennis-Trainer, Anm. d. Red.), mit dem ich vor zwei, drei Jahren sehr viel darüber geredet habe, was es bedeutet, Profitrainer zu sein. Denn das ist ja auch ein gewisses Risiko. Es kann ja auch schiefgehen. Ich hätte vermutlich noch sehr lange als U19- oder U23-Trainer bei Werder arbeiten können. Aber wenn du als Bundesliga-Trainer unterschreibst, setzt du alles auf eine Karte. Da hat mir Jan in vielen Gesprächen sehr geholfen.

Und der Dritte?

Ich weiß, dass ich das schon oft gesagt habe, und vielleicht kann man es auch nicht mehr hören, aber das ist Frank Baumann. Mit ihm kann ich mich über Fußball, über Ideen bis hin zur Trainingsgestaltung austauschen, Frank Baumann denkt fast wie ein Trainer. Das ist ein großer Wert für mich. Und natürlich mein Trainerteam mit Tim Borowski, Thomas Horsch und Christian Vander. Da ist vollstes Vertrauen auf allen Seiten vorhanden. 


  

Das Gespräch führten Christoph Sonnenberg und Marc Hagedorn.

 
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