News
Latest News
Rasenreport
23.01.2019
Werders Problem mit Standardsituationen

Zu viel Ruhe nach ruhenden Bällen

© nordphoto


  • 7
  • 96

Es war nicht weniger als der perfekte Freistoß. Aus rund 30 Metern zog Andreas Herzog mit seinem starken linken Fuß ab, ließ den Ball dabei gekonnt über den Spann rutschen, und die Kugel flog wie an der Schnur gezogen in den Torwinkel. Dass der Ball dabei den Pfosten und die Latte leicht touchierte, zeigte eindrucksvoll, wie genau der Werder-Spielmacher beim 5:1-Sieg über Bochum im September 1996 Maß genommen hatte. In seiner Zeit bei Werder erzielte Herzog noch viele weitere Freistoßtreffer, bereitete zahlreiche Tore durch Eckbälle vor und verwandelte im Uefa-Cup gegen Marseille sogar eine Ecke direkt. „Es geht um Millimeter, wo und wie man den Ball treffen muss. Sie entscheiden darüber, wie der Ball kommt“, verdeutlicht Herzog im Gespräch mit Mein Werder.

Der Österreicher weiß genau, wovon er spricht. Herzog war zweifelsohne das, was man einen Standardspezialisten nennt. Ein Spieler, wie ihn Werder derzeit nicht hat, denn die ruhenden Bälle sind weiter ein Problem der Bremer, das hat das Hannover-Spiel einmal mehr verdeutlicht. „Wir können bei Standards sicherlich gefährlicher werden“, gibt Sportchef Frank Baumann zu. Die entscheidende Frage lautet nur: Wie lassen sich die Standardsituationen verbessern? Werder trainiert sie ja regelmäßig, zum Beispiel im Südafrika-Trainingslager.

Herzog müsste es doch wissen. Schließlich hat es bei ihm früher überdurchschnittlich oft geklappt mit den ruhenden Bällen. Allerdings winkt der 50-Jährige bei dieser Frage ab: „Es gibt keine Gesetzmäßigkeiten. Im Training habe ich wie ein Wahnsinniger Standards geübt, da hat alles super geklappt. Im Spiel sind die Bälle trotzdem nicht immer wie geplant gekommen. Es ist wie bei Stürmern: Mal hast du eine Phase, da geht jeder Ball rein. Dann triffst du wieder nichts. Und niemand kann das erklären.“

Eigene Standards sorgen hinten für Gefahr

Der Schütze ärgere sich am meisten darüber, wenn der Ball nach einer Ecke nur kniehoch in den Strafraum fliege, betont Herzog. Bei Werders 1:0-Sieg in Hannover gab es derartige Szenen mehrfach zu sehen, von den insgesamt acht Bremer Ecken misslangen die meisten. Die fehlende Torgefahr war aber nur ein Aspekt, fast noch schlimmer war, dass die Standardsituationen in der Schlussphase Gefahr vor dem Werder-Tor heraufbeschworen. Zweimal konterten die Hannoveraner nach schwachen ruhenden Bällen vielversprechend, und die Bremer retteten ihren knappen Vorsprung nur mit großer Mühe über die Zeit. „Die Absicherung am Strafraum war schlecht“, kritisiert Trainer Florian Kohfeldt, als er auf diese Szenen angesprochen wird.

Gegen den Abstiegskandidaten Hannover ging trotzdem alles gut. Wie Spitzenteams schlechte Standards des Gegners für sich zu nutzen wissen, zeigte allerdings die Partie zwischen Hoffenheim und Bayern (1:3). Sowohl die Münchener als auch die Hoffenheimer erzielten durch einen blitzschnellen Konter einen Treffer direkt im Anschluss an einen gegnerischen Eckball. Kohfeldt betont daher, dass in dieser Woche Gesprächsbedarf herrsche. Gegen die offensivstarken Frankfurter (Sonnabend, 18.30 Uhr) könnten schwache Standardsituationen nämlich böse Folgen haben. Manchmal geht dann eben auch die Sicherheit vor, wie Kohfeldt verdeutlicht. „Zweimal holen wir uns in Hannover den Ball nach einem Standard zurück und wollen es spielerisch lösen. Da müssen wir dann auch mal kühl bleiben. Wir müssen lernen, den Ball einfach nach rechts vorne zu hauen.“

Während des Winter-Trainingslagers in Südafrika haben die Werder-Profis mit den Co-Trainern Tim Borowski und Thomas Horsch am Verhalten bei ruhenden Bällen gefeilt. Kohfeldt überlässt diese Arbeit in der Regel seinen Assistenten, nahm die entsprechenden Einheiten aber genau unter die Lupe. Auffällig gegen Hannover: Trat ansonsten Max Kruse die meisten Ecken, waren nun Nuri Sahin und Milot Rashica als Schützen vorgesehen. Es herrschte also offensichtlich Veränderungsbedarf. Sahin sollte den Ball mit seinem linken Fuß von der rechten Seite scharf vor das Tor bringen, Rashica war der Gegenpart. Wirklich gut klappte das allerdings nicht. Dass es zweimal gefährlich wurde, hatte eher mit Glück zu tun. Einmal klärte Hannovers Hendrik Weydandt nach einer Ecke nicht richtig, und Kruse kam zum Schuss. Einmal unterlief Torwart Michael Esser eine zu kurze Faustabwehr, und Sahin zielte knapp vorbei.

Erst drei Werder-Tore nach Ecken

Insgesamt aber brachte es das Fazit von Sebastian Langkamp auf den Punkt: „Ich hatte nicht das Gefühl, dass unsere Standards dementsprechend gefährlich waren. Das müssen wir uns noch einmal angucken“, sagte der 1,91 Meter große Verteidiger, der seine Kopfballstärke wieder nicht einbringen konnte und weiter auf sein erstes Werder-Tor wartet. Angst und Schrecken verbreiten die Bremer also nach ruhenden Bällen wahrlich nicht. „Es liegt am Schützen und wie er den Ball hereinbringt. Und an den Spielern, die sich im Strafraum bewegen. Da haben wir in beiden Bereichen Luft nach oben. Wir müssen die Bälle besser hereinbringen, aber wir haben eben auch keine Kerzen in der Mannschaft wie früher Naldo oder Mertesacker“, sagt Baumann.

Die Statistik untermauert die Aussage des Sportchefs. In der gesamten vergangenen Spielzeit fielen elf der insgesamt 37 Bremer Treffer nach Standards. Mit dieser Quote von rund 30 Prozent lag Werder im Ligavergleich im unteren Drittel. In der laufenden Saison entstanden sechs der insgesamt 29 Saisontore durch ruhende Bälle, die Quote liegt also sogar nur bei 21 Prozent. Erst drei Tore fielen nach Ecken. Aber es gibt noch Hoffnung. Mit den Standardsituationen ist es wie mit so vielen Dingen im Fußball. Eine gelungene Aktion reicht aus, und plötzlich läuft es wie von selbst. Das weiß natürlich auch der frühere Kunstschütze Andreas Herzog, der beim Thema Standards offen einräumt: „Ich kann nicht sagen, warum es manchmal klappt und manchmal eben nicht.“

WERDER2016 am 23.01.2019, 22:34
Wenn es diese Probleme schon gibt, kann man gegen Ende des Spiels die Standards auch kurz ausführen, um einem gefährlichen Konter aus dem Weg zu gehen.

Ansonsten sehe ich in Standards eher das Zufallsprinzip. Juno hatte phasenweise sensationell getroffen, dann auf einmal nicht mehr. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er plötzlich alles verlernt hatte. Wichtig ist die Flexibilität der Schützen, für den Gegner nur schwer einschätzbar, was jetzt kommen wird.
6
1
Herzraute am 24.01.2019, 08:07
Ich sehe es wie Werder2016, wenn ich weiß, dass meine Mannschaft anfällig für Konter nach Ecken ist, dann spiele ich diese Kurz und versuche wieder mit spielerischen Lösungen vor das Tor zu kommen. Hat Barcelona unter Pep Jahre lang so gemacht. Und das sehr erfolgreich. Warum also nicht mal etwas Neues ausprobieren? Eine Ecke hoch rein zu schlagen ist eine 50/50 Chance überhaupt in Ballbrsitz zu gelangen. Die kurze Variante jedoch eine 100% sichere Methode den Ball in der Gegnerischen Hälfte zu halten, die Uhr runter spielen zu können und jederzeit die Möglichkeit haben erneut Druck auf zu bauen.
Gleiches gilt für Freistöße. Man muss nicht jeden Freistoß direkt aufs Tor knallen, oder in die Mauer oder die Oberränge.
2
1
susanneundjens am 24.01.2019, 19:40
Wenn man bedenkt, dass heutzutage manchmal ein Drittel der Tore durch Standards fällt, liegt bei Werder einiges im Argen. Gegen Hannover jede Menge halbhohe Ecken und Freistöße über die sich jede Abwehr freut. Diese Bälle müssen hoch und scharf kommen und das kann und muss man trainieren. Vorschläge für kurze Ecken um ja keine Konter zu kriegen, sehe ich als Bankrotterklärung an. Mögliche eigene Chancen von vornherein aufgeben nur um keine Gegentore bekommen? Dann kann Werder einpacken.
1
1
WERDER2016 am 24.01.2019, 20:45
Wenn Sie mich richtig verstanden hätten, wäre Ihnen aufgefallen, dass ich kurze Ecken als eine mögliche Variante sehe, v.a. gegen Ende des Spiels, wenn der Gegner Druck macht und alles oder nichts spielt. Durch eine kurze Ecke kann man das Spiel beruhigen, was Werder im Eifer der Gefechte manchmal gut tun würde. Da Werder den größten Teil seiner Tore eben nicht über Standards erzielt, sehe ich gerade in der spielerischen Lösung einer kurzen Ecke keine Bankrotterklärung. Sollte die Chancenverwertung der herausgespielten Möglichkeiten effektiver werden, ist Werder ein Beispiel dafür, dass es nicht über die Standards allein gehen muss.

Dass man in der Hauptsache dennoch weiter auf direkt ausgeführte Standards setzen sollte, sehe ich genauso und bei der derzeitigen Ausbeute bedarf es eben des intensiven Trainings. Den hohen statistischen Wert der Standards sehe ich darin begründet, dass manche Teams, wie Sie selbst vor einiger Zeit treffend festgestellt haben, nicht über ausreichend spielerische Mittel verfügen und verstärkt über ruhende Bälle oder destruktiver Spielweise den Erfolg suchen. Das hat aus meiner Sicht auch die WM gezeigt: von spielerischer Klasse war das Turnier doch um einiges entfernt.
1
0

Kostenlos in der gesamten Saison 2017/2018!

Download