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26.03.2019
Kapino im Mein-Werder-Interview

„Werder war meine beste Entscheidung“

© nordphoto


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Lieben Sie eigentlich das Risiko?

Ja, mag ich (lacht). Warum?

Sie sind in Piräus aufgewachsen, haben dann aber nicht bei Olympiakos, sondern ausgerechnet beim Erzrivalen Panathinaikos Athen ihre fußballerische Ausbildung genossen. Das klingt erst einmal verrückt…

Nein, das ist nicht verrückt. Damals musste ich mich zwischen beiden Vereinen entscheiden. Panathinaikos hatte mir die Chance gegeben zu spielen, deshalb habe ich mich damals dafür entschieden. Später habe ich dann auch noch für Piräus gespielt. So ist eben das Fußballer-Leben.

Sie haben damals einen sehr guten Start bei Panathinaikos hingelegt, mit nur 17 Jahren debütierten Sie in der ersten Liga und kurz darauf auch im Nationalteam. Damit sind Sie griechischer Rekordhalter. Machen Sie solche Bestmarken stolz?

Natürlich bin ich stolz. Es ist schön, dass mein Name damit verbunden ist.

Erhöht sich dadurch in Ihrer Heimat aber nicht automatisch auch der Druck auf Ihre Person?

Wenn man so jung so weit oben war, dann erwartet man vielleicht, dass alles schneller geht. Aber das ist eben nicht so einfach. Es geht ja auch nicht nur um dich, sondern du brauchst immer auch die Hilfe des Teams und der Trainer. In diesem Alter können immer noch viele Fehler passieren, man ist eben noch nicht richtig erwachsen.

Inwiefern ist es als Torhüter vielleicht sogar besonders schwierig? Ist man beispielsweise die Nummer zwei, hat man nicht so viele Möglichkeiten zu spielen wie vielleicht ein normaler Feldspieler, der auch mal auf einer anderen Position eingewechselt werden kann.

Es ist natürlich anders. Wenn man Torhüter ist, muss man zu 100 Prozent fokussiert sein, denn vielleicht bekommt man seine Chance nur ein einziges Mal. Manchmal muss man warten, bis sich die Nummer eins verletzt oder eine Rote Karte sieht. Deshalb musst du in jedem Training das Maximum geben, um zu zeigen, dass du da bist und das Team dir vertrauen kann. Und wenn dann etwas passiert, musst du natürlich auch allen anderen Leuten zeigen, dass du gut genug bist.

Das klingt so, als wäre Geduld Ihre große Stärke. Täuscht der Eindruck?

War es nicht (schmunzelt). Es ist aber etwas, an dem ich viel arbeite. Die Ungeduld war einer der größten Fehler, den ich in den letzten Jahren gemacht habe. Mittlerweile fühle ich mich reifer und kann mit manchen Situationen viel besser umgehen. Inzwischen bin ich wirklich geduldig, ich kann warten (lacht). 

Wie schwierig war trotzdem der Wechsel nach Bremen für Sie? Normalerweise kommt doch auch ein Torhüter zu einem Verein, um die Nummer eins zu sein. Bei Ihnen war aber direkt klar, dass Sie hinter Jiri Pavlenka die Nummer zwei sind.

Das stimmt, aber das ist hier ein richtig gutes Projekt. Florian Kohfeldt, Christian Vander und Frank Baumann haben mir direkt gezeigt, dass sie mich wollen. Ich wollte zudem unbedingt in eine gesunde Umgebung wechseln und ich denke – Gott sei Dank –, dass dies eine meiner besten Entscheidungen war. Es ist ein toller Klub. In der Kabine herrscht mit diesen Jungs die beste Atmosphäre, die ich je hatte. Das ist der Grund dafür, warum wir dieses gute Jahr spielen. Wir sind im Pokal im Viertelfinale, Achter in der Liga. Es ist ein gutes Jahr, wenn man noch an das letzte zurückdenkt. 

Als Sie nach Bremen kamen, haben Sie sich dann auch noch direkt verletzt und waren außen vor. Wie hart war diese Zeit für Sie?

Es war sehr hart, weil ich hier einen guten Start hatte. Ich hatte solch eine Verletzung schon einmal, als ich noch bei Olympiakos war. Damals hatte ich aber keine gute Reha, weil ich unbedingt schnell wieder spielen wollte. Dieses Mal war ich geduldiger.

Trotz des langen Ausfalls zu Beginn hat man das Gefühl, dass Sie richtig gut in der Mannschaft angekommen sind. Es wird viel gelacht, jeder scheint Sie zu mögen. Wie haben Sie das hinbekommen?

Das weiß ich auch nicht (lacht). Es ist einfach mein Naturell. Wie ich schon gesagt habe: Diese Verbindung zwischen den Jungs ist besonders, die war von meinem ersten Tag an da. Ich wollte aber auch nicht der traurige Typ sein, der sich nach seiner Verletzung zurückzieht und mit keinem mehr spricht. Solche Dinge passieren eben, und Christian Vander und Florian Kohfeldt haben mir in dieser Situation sehr geholfen. Besonders Christian hat mir oft gesagt, dass er an mich glaubt. 

Haben Sie eine vergleichbare Atmosphäre jemals in Griechenland erlebt?

Es ist komplett anders. Wenn man in den Topteams dort spielt, ist der Druck riesengroß. Du darfst eigentlich kein Spiel verlieren. Wenn es derart viel Druck gibt, dann ist es auch nicht so einfach, damit in der Kabine umzugehen. Hier in Bremen gibt es auch Druck, aber das ist ein positiver.

Nach Ihrer Zeit bei Panathinaikos haben Sie ein Jahr in Mainz gespielt, ehe sie dann ausgerechnet nach Piräus wechselten. Zwischen beiden Vereinen gibt es eine große Rivalität, erst kürzlich wurde wieder ein Spiel abgebrochen. Wie haben Sie diese Derbys als Spieler erlebt, hatten Sie Angst vor den Ausschreitungen?

Ich habe für beide Mannschaft gespielt und weiß deshalb, wie es sich für die jeweilige Seite anfühlt. Als Grieche hatte ich aber keine Angst zu spielen. Es ist natürlich nicht gut, dass solche Dinge passieren. Man kann diese Nebenschauplätze nicht mögen, wenn man nicht weiß, ob das Spiel wirklich zu Ende gespielt werden kann. Wenn sie es hinbekommen, dass es dieses Problem nicht mehr gibt, dann ist es für mich eines der Spiele mit der allerbesten Atmosphäre überhaupt. Es ist unglaublich, ein Teil solcher Derbys zu sein. 

Haben Sie denn schon von der Rivalität zwischen Werder und dem Hamburger SV gehört?

Auf jeden Fall, da freue ich mich schon drauf – gern im Halbfinale oder Endspiel des Pokals (lacht). Das würde ich sehr gerne sehen.

Zuschauer waren Sie bislang auch im Weserstadion. Es ist doch bestimmt schwierig, immer dabei zu sein, aber trotzdem nur auf der Bank zu sitzen.

Jeder möchte natürlich spielen. Aber ich kannte die Situation vorher und kann deshalb jetzt nichts fordern. Jiri spielt – und er macht das gut. Und ich möchte auch, dass er gut spielt, denn ich möchte, dass das Team gewinnt. Deshalb ist das in Ordnung für mich.

Was glauben Sie, wie lange Sie noch warten müssen?

Das weiß ich auch nicht. Es hängt viel von ihm ab, ob er bleiben möchte oder nicht und was auf dem Markt so passiert. Das kann ich jetzt nicht sagen. Momentan fokussieren wir uns einfach auf den Rest der Saison und dann sehen wir weiter.

Nehmen  wir mal an, Jiri Pavlenka wechselt tatsächlich im Sommer: Wären Sie enttäuscht, wenn Werder eine neue Nummer eins verpflichten würde und nicht Ihnen den Platz gibt?

Sie sehen jeden Tag im Training, was ich mache und können sich dann entscheiden. Ich kann nicht viel tun, sondern gebe immer meine 100 Prozent. Ich möchte natürlich die Nummer eins werden, falls Jiri den Verein verlassen sollte. Das ist mein Ziel, deshalb bin ich gekommen.

Wie wichtig ist in dieser ungewissen Situation Ihre Familie?

Ich versuche immer jemanden hier bei mir zu haben. Meine Freundin oder meine Eltern sind häufig hier, Freunde auch. Ich probiere, nicht zu viel allein zu sein. Aber ich bin jetzt auch 25 Jahre alt und habe seitdem ich 17 war auf Topniveau und mit viel Druck gespielt. Ich glaube, dass ich mittlerweile mit vielen Situationen besser umgehen kann als früher.

Welche Bedeutung hatten ganz speziell Ihre Eltern für Ihre eigene Entwicklung?

Sie waren sehr wichtig für mich und haben mir eine Menge beigebracht. Sie waren harte Arbeiter, wir hatten nicht viel Geld. Wir waren einfach eine ganz normale griechische Familie. Aber auch die Menschen in der Akademie bei Panathinaikos waren sehr wichtig damals für mich. Sie waren sehr respektvoll, da konnte ich viel mitnehmen.

In Deutschland wurde in den vergangenen Jahren viel über die finanziellen Probleme in Griechenland berichtet. Nutzen Sie das Geld, das Sie mit dem Fußball verdienen, um das Leben für Ihre Familie erträglicher zu machen?

Natürlich. Das ist eines meiner wichtigsten Ziele. Als ich mein erstes Geld verdient habe, habe ich versucht, meine Mutter aus ihrem Job zu holen. Sie war eine einfache Putzfrau und hat das für 20 Jahre gemacht. Ich wollte ihr ein besseres Leben bescheren, denn sie und mein Vater haben vorher den ganzen Tag gearbeitet, um uns alles zu geben. Uns hat nichts gefehlt, aber sie haben auf viel verzichtet. Mit meinem Geld wollte ich ihnen die Freiheit geben, nicht nur zu arbeiten, sondern auch zu leben.

Im nächsten Spiel trifft Werder auf Mainz 05 – jenen Klub, für den Sie in der Saison 2014/2015 zwei Bundesligaspiele gemacht haben. Hat die Partie eine besondere Bedeutung für Sie?

Es ist kein spezielles Spiel für mich. Ich war nur ein Jahr dort, sehr jung und noch nicht so fokussiert, wie ich es jetzt bin. Ich bin jetzt zwar erst sechs, sieben Monate hier, aber schon deutlich mehr Bremer als ich damals Mainzer war.

Das Gespräch führte Malte Bürger.

Stefanos Kapino (25)

wechselte im vergangenen Sommer von Nottingham Forest zu Werder, wo er sich im August jedoch direkt eine Muskel-Sehnen-Verletzung zuzog und mehrere Monate ausfiel. Erst im Januar 2019 stand der Grieche erstmals im Bundesligakader und wartet seither auf sein Debüt für die Bremer.

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