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02.06.2019
Dietmar Hamann im Mein-Werder-Interview

„Werder war eine der Storys der Saison“

© dpa


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Herr Hamann, die abgelaufene Saison war auch für Sie persönlich turbulent. Mit Ihrer Kritik an Robert Lewandowski zogen Sie den Zorn der Bayern-Bosse auf sich. Wochenlang dominierte das Thema die Schlagzeilen. Hat das bei Ihnen etwas verändert? Können Sie solch ein Interview wie heute ganz unbeschwert angehen?

Ich habe eine Meinung zu gewissen Dingen, und es ist meine Aufgabe, diese auch kundzutun. Es sollte sich nur immer um den Fußball drehen. Dass man auch mal unterschiedlicher Meinung ist, gehört dazu. Wenn alles auf einer gewissen Ebene abläuft, ist das absolut okay. Ich verstehe natürlich, dass von Vereinsseite die Spieler geschützt werden. Ich gehe auch nicht in eine Sendung rein und habe den Plan, etwas zu sagen, was eine Lawine auslöst. Das hat sich damals einfach so ergeben. Aber wenn man kritisiert, muss man selbst auch in der Lage sein, Kritik einzustecken. Ich nehme das nicht persönlich und werde weiterhin sagen, was ich denke.

Anders als in München sind Ihre Äußerungen in Bremen zumeist positiv aufgenommen worden. Sie haben schon mehrmals lobend über Werders Entwicklung gesprochen. Jetzt sind die Bremer Achter geworden. War es eine gute Saison?

Werder hat mehrere Jahre lang immer gegen den Abstieg gespielt, die erste komplette Saison unter Florian Kohfeldt war jetzt ein Riesenschritt nach vorne. Sie haben tollen, erfrischenden Fußball gespielt, haben sich allerdings in der einen oder anderen Situation zu naiv verhalten, was sie ein paar Punkte gekostet hat. Das sind eben Lernphasen. Werder war dennoch eine der Storys der Saison. Daher kann ich nichts Negatives sagen, auch wenn es mit Europa nicht geklappt hat.

Kann es für die Entwicklung der Mannschaft sogar gut sein, dass es noch nicht für die Europa League gereicht hat? Freiburg, Augsburg oder Köln bekamen zum Beispiel große Probleme in der Liga, nachdem sie sich für Europa qualifiziert hatten.

Europa kann in der Tat schnell zum Fluch werden. Da sollten wir uns nicht von den Frankfurtern blenden lassen, die uns in Europa und in der Liga verzaubert haben. Wenn du keinen gefestigten Kader hast, kann es auch in die andere Richtung gehen. Trotzdem gilt: Um die Mannschaft voranzubringen, musst du irgendwann nach Europa. Diese Erfahrungen kannst du durch nichts ersetzen. Wenn Werder also den nächsten Schritt gehen will, muss das früher oder später gelingen. In dieser Saison war es aber vielleicht sogar besser für die Bremer, dass es nicht mit Europa geklappt hat. Als Tabellensiebter hätte die Europa-League-Quali schon Ende Juli begonnen. Der Spagat zwischen der Saisonvorbereitung und den Quali-Spielen wäre nicht einfach geworden.

Werder wird in der neuen Saison den nächsten Anlauf in Richtung Europa nehmen. Dann muss es die Mannschaft allerdings ohne Kapitän Max Kruse schaffen. Ist sein Abgang aufzufangen?

Max Kruse ist kaum zu ersetzen. Er war eine Identifikationsfigur und hat der ganzen Mannschaft Halt gegeben. Bei Mannschaften wie Stuttgart und Schalke fehlen zum Beispiel solche Leute wie Kruse, die sich zeigen, wenn es nicht läuft. Er war immer anspielbar, hat immer den Ball gefordert und ist als Leader vorangegangen. Vor solch einem Spieler hat natürlich auch der Gegner Respekt. Wenn der Kruse vorm Spiel im Tunnel steht, dann schaust du schon mal. Dieser Verlust kann sicher nicht von einem Spieler alleine aufgefangen werden. Man muss sehen, ob Werder das im Kollektiv schafft.

Werder hat bereits Niclas Füllkrug verpflichtet. Braucht die Mannschaft noch weitere Verstärkungen, um den Verlust von Kruse zu kompensieren?

Milot Rashica hat sich super entwickelt. Maximilian Eggestein hat es schon in den Kader der Nationalmannschaft geschafft. Johannes Eggestein kann der nächste Kandidat sein für das Nationalteam. Ich halte große Stücke auf den kleinen Eggestein. Er ist wie sein Bruder zu Höherem berufen und ist jemand, der zum Teil die Kruse-Rolle übernehmen kann. Trotzdem musst du noch einen erfahrenen Spieler dazuholen, was bei den heutigen Ablösesummen aber nicht einfach wird.

Sie haben Maximilian Eggestein erwähnt. Kann er nach Kruses Abschied in die Rolle eines Anführers hineinwachsen?

Ja, absolut. Mit Niklas Moisander und Jiri Pavlenka gibt es schon Spieler, die vorangehen und Charakter haben. Maxi Eggestein hat auch jetzt bereits Verantwortung übernommen, hat wichtige Tore geschossen und gute Leistungen gezeigt, wenn es wirklich darauf ankam. Man darf in seinem jungen Alter aber auch nicht zu viel von ihm erwarten. Wenn Kruse in der Mannschaft steht, ist es einfacher zu glänzen, weil er viel von dem Druck wegnimmt. Maxi Eggestein hat vom Charakter und vom spielerischen Potenzial her das Zeug dazu, ein Anführer zu werden, aber ich wäre vorsichtig damit, ihn zu schnell in diese Rolle zu drängen.

Schon deutlich mehr Erfahrung hat Davy Klaassen. Seine erste Saison bei Werder war insgesamt gut, aber nicht überragend. Ist er in Zukunft noch mehr gefordert?

Er hat ein Riesenpotenzial. Vor zwei Jahren war Everton nicht umsonst bereit, fast 30 Millionen Euro für ihn zu bezahlen. Er hat sich jetzt an die Bundesliga gewöhnt und ist ein Spieler, der viel Zuspruch benötigt, um die beste Leistung abzurufen. Er braucht eine Oase, und die hat er in Bremen.

Beim FC Everton konnte Klaassen sich nicht durchsetzen. Sie sind ein Kenner der Premier League. Fehlte ihm dort dieser Zuspruch?

In England werden die Spieler geholt und müssen funktionieren. Da kriegen sie die Zeit nicht. Dazu kam der Trainerwechsel bei Everton. Von den Anlagen her ist Davy Klaassen aber ein Spieler mit Riesenmöglichkeiten.

Schier unbegrenzt scheinen die Möglichkeiten von Claudio Pizarro zu sein. Mit 40 Jahren hat er seinen Vertrag bei Werder gerade noch einmal um ein Jahr verlängert und kann immer noch mithalten in der Bundesliga. Wie macht der das?

Das ist wirklich phänomenal. Als Offensivspieler mit 40 noch diesen Impact zu haben und sich gegen junge Innenverteidiger zu behaupten, ist überragend. Wenn er reinkommt, macht er nicht nur Tore, sondern hält auch die Bälle. Fußball wird immer mehr zum Spiel für junge Männer. Zu meiner Zeit war man mit 34 oder 35 alt, heute ist man es schon mit 30. Daher freue ich mich umso mehr, dass Claudio noch ein Jahr weitermacht. Und ich wüsste nicht, warum er in der neuen Saison nicht einen ähnlichen Einfluss auf die Mannschaft haben sollte wie bisher. Sein Wille ist beachtlich, und er hat einen Ausnahmekörper. Viele würden das mit 40 nicht mehr schaffen, selbst wenn sie wollten.

Wir müssen natürlich auch noch über Florian Kohfeldt sprechen, den Sie gerne loben. Schon im März 2018 haben Sie im Mein-Werder-Interview gesagt, Kohfeldt sei ein besserer Trainer als Domenico Tedesco, der damals mit Schalke auf Platz zwei lag. Inzwischen wurde Tedesco entlassen und Kohfeldt zum „Trainer des Jahres 2018“ gewählt. Ihre Einschätzung war also richtig.

Kohfeldt und Nagelsmann sind für mich weiterhin die zwei interessantesten Trainer der Liga. Es erfordert Mut und innere Überzeugung, zu sagen: Wir kämpfen uns nicht da unten raus, sondern wir spielen uns da raus. In der Bundesliga gibt es viele Mannschaften, deren Hauptprämisse es ist, den Gegner nicht zur Entfaltung kommen zu lassen. Es ist eben einfacher, ein Tor zu erzielen, wenn du den Ball 30 Meter vor dem gegnerischen Tor erkämpfst, als wenn du mit einem eigenen Torabstoß anfängst und fast 100 Meter überbrücken musst. Werder Bremen hat diese Lösungen mit dem Ball. Es geht darum, mutig zu sein, auch in Drucksituationen am eigenen Strafraum. Die Bremer haben in dieser Saison den nächsten Schritt gemacht, und Kohfeldt hat das fortgeführt, was er in der Vorsaison angefangen hat. Dass sie immer probieren, Fußball zu spielen, gefällt mir. Ich würde mir aber wünschen, dass sie auch mal einen langen Ball spielen, wenn sie vorne liegen, um sich nicht in brenzlige Situationen vor dem eigenen Tor zu bringen. Jetzt muss man schauen, was in der kommenden Saison passiert. Die ersten vier, fünf Plätze in der Bundesliga sind mehr oder weniger reserviert.

Sind die Chancen auf längerfristigen Erfolg größer, wenn ein Trainer eine klare Spielphilosophie hat wie Kohfeldt oder Nagelsmann?

Ich denke schon. Am einfachsten ist im Fußball das Verteidigen. Die Stürmer verdienen in der Regel mehr als die Verteidiger, weil es das Schwierigste im Fußball ist, Tore zu erzielen und Chancen zu kreieren. Wenn du nicht in der Lage bist, mit dem Ball ein Spiel zu kontrollieren, wirst du nie konstant Erfolg haben. Das kann mal ein Jahr lang klappen, so wie bei Schalke in der Saison 2017/18. Irgendwann merken die Gegner aber, was sie tun müssen, um dich zu stoppen. Wenn du das Spiel mit dem Ball kontrollierst, ist das dagegen unheimlich schwer zu verteidigen. Du erspielst dir immer wieder Chancen und machst den Gegner müde. Das sieht man bei den Bayern. Wenn du 60, 70 Prozent Ballbesitz hast, wird der Gegner in den letzten 10, 15 Minuten müde. Dann reicht ein Fehler, um ein Tor zu erzielen. Deshalb ist Kohfeldts Ansatz genau richtig.

Kohfeldt wird nicht nur von Ihnen, sondern fast überall gelobt. Glauben Sie, dass er irgendwann zu einem Topklub wechselt?

Ich hoffe für die Bremer, dass er noch lange bleibt. Es kommt natürlich auf seine Karriereplanung an. Für die Bremer ist es aber ein schönes Problem. Schalke oder Stuttgart müssen drei oder vier Trainer bezahlen. Da ist es mir doch lieber, dass ich nur einen bezahle und andere Vereine auf ihn aufmerksam werden. Das heißt nämlich, dass gute Arbeit geleistet wird. Was Florian Kohfeldt bei Werder in kurzer Zeit erreicht hat, ist beeindruckend. Ich traue ihm den Schritt zu einem Topklub absolut zu. Wie er aus Kruse das Maximum herausgeholt hat, zeigt, dass er auch mit Typen umgehen kann, die einen eigenen Kopf haben. Das ist eine Grundvoraussetzung für einen Trainer, der ganz oben arbeiten will. Wenn du nicht in der Lage bist, mit schwierigen Charakteren klarzukommen, kriegst du ein Problem bei den großen Vereinen, denn die Ausnahmespieler sind oft anders.

slash1965 am 02.06.2019, 12:44
Und genau da ist meine Hoffnung, das Wir wieder einen bekommen, der schwierig ist, aber der Mannschaft auf ein anderes Level setzt.....wir brauchen einen spielstarken 10er!
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SohleKegel am 02.06.2019, 12:51
Le Chef 2.0
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susanneundjens am 02.06.2019, 14:20
Gebt dem Didi einen Job bei Werder. Der Mann hat Ahnung:-).
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Marko am 02.06.2019, 18:10
Ich gebe meine Stimme das Didi in Bremen einem Job bekommt.
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Frank1969 am 02.06.2019, 18:53
Habe Didi Hamann schon als Spieler geschätzt.... Was er sagt hat Hand und Fuß
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oldkarzwortel am 03.06.2019, 15:14
Didi Hamann und ich sind bei disskutierten Entscheidungen auf dem Feld und bei der Beurteilung von Spielen immer zu 99% einer Meinung, mir möchte hier aber keine einen Job bei Werder geben, wie unfair.
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