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Rasenreport
15.02.2019
Bargfrede im Mein-Werder-Interview

„Wehwehchen gehören zum Fußball dazu“

© nordphoto


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Herr Bargfrede, die Woche des 120. Vereinsgeburtstages liegt hinter Ihnen. Es gab einen sensationellen Pokalerfolg in Dortmund und einen deutlichen Heimsieg gegen Augsburg. Schöner hätte man es sich nicht erträumen können, oder?

Philipp Bargfrede: In den beiden Spielen haben wir das Maximum herausgeholt. Ich hatte allerdings sogar nach dem Sieg in Dortmund immer noch die Spiele gegen Frankfurt und in Nürnberg (2:2 und 1:1, Anm. d. Red.) im Hinterkopf. Gegen Frankfurt haben wir sehr gut gespielt, aber uns nicht mit drei Punkten belohnt. In Nürnberg war die Leistung nicht überzeugend, aber selbst da hätten wir als Sieger vom Platz gehen können.

Das klingt ja kein bisschen euphorisch.

Das Pokalspiel in Dortmund war natürlich ein tolles Erlebnis für alle Bremer. Aber: Wir sind eine Runde weitergekommen. Mehr haben wir nicht erreicht. Auch in der Liga haben wir noch ein paar Spiele vor uns, und wir stehen noch nicht da, wo wir stehen wollen.

Am Sonnabend geht es nun gegen Hertha BSC. Ihr Teamkollege Davy Klaassen hat gesagt, die Partie sei „extra wichtig“, weil es gegen einen Konkurrenten im Kampf um die internationalen Plätze geht. Sehen Sie das genauso?

Das kann man so sagen. Wir können einem direkten Konkurrenten die Punkte nehmen, Hertha überholen und den europäischen Plätzen wieder einen Schritt näherkommen. Es ist ein Abendspiel, und ich freue mich darauf. In Berlin haben wir in den vergangenen Jahren immer ganz gut ausgesehen.

Werder hat 2013 zuletzt in Berlin verloren, doch aktuell hat Hertha einen Punkt mehr auf dem Konto. Wie stark sind die Berliner?

Natürlich habe ich den 3:0-Sieg der Berliner in Gladbach verfolgt. Es war erstaunlich, in welcher Höhe sie dort gewonnen haben. Sie haben Qualität, die haben wir aber auch. Ich hoffe, dass wir einen guten Tag erwischen.

Wenn Sie gegen Hertha mitspielen, stehen die Bremer Chancen jedenfalls nicht schlecht. Ohne Sie hat Werder in der laufenden Saison im Durchschnitt einen Punkt pro Spiel geholt. Mit Ihnen waren es dagegen 1,75 Zähler pro Partie. Haben Sie eine Erklärung dafür?

Nein, ich bin kein Typ, der sich selbst in den Vordergrund stellt. Ich versuche, für das Team zu spielen. Ich glaube aber schon, dass ich als zentrale Figur vor der Abwehr der Mannschaft eine gewisse Stabilität verleihe.

Die Saison geht jetzt in die entscheidende Phase. Sie trainieren regelmäßig nicht mit der Mannschaft, sondern individuell. Belastungssteuerung nennt man das bei Werder. Wie schaffen Sie es, trotzdem bis zum Ende der Spielzeit nicht an Fitness zu verlieren?

Es ist ja nicht so, dass ich im Kraftraum gar nichts tue. Dazu habe ich auch mal individuelle Einheiten draußen, in denen ich an der Fitness arbeite. Wir haben genügend Leute, die darauf achten, dass ich fit genug bleibe.

Ihr Teamkollege Yuya Osako hat für Japan beim Asien-Cup gespielt, obwohl er nicht ganz fit war. Nun fällt er verletzt aus. Laufen Profis öfter auf, obwohl sie Schmerzen haben?

Das macht jeder mal. Das gehört einfach dazu. Man muss immer gucken, was vernünftig ist und wie hoch das Risiko ist. Das ein oder andere Wehwehchen gehört zum Fußball dazu. Es gibt genügend Zweikämpfe im Spiel. Da kriegt man eben mal etwas ab.

Florian Kohfeldt hat zuletzt viel Lob erhalten. Der Ex-Bremer Jaroslav Drobny und Ihr Mitspieler Theodor Gebre Selassie bezeichneten ihn als den besten Trainer, den sie bisher hatten. Was macht Kohfeldt so stark?

Er hat eine unheimlich große Fußball-Expertise und stellt uns sehr gut auf den jeweiligen Gegner ein. Im Vergleich mit anderen Trainern zeichnet ihn seine außerordentlich klare Ansprache aus. Du weißt nach der Besprechung genau, was er von dir erwartet. Er bringt außerdem eine gute Mischung aus Ernsthaftigkeit und Lockerheit mit.

Sie haben bei Werder auch Thomas Schaaf als Trainer erlebt. Er ist inzwischen Technischer Direktor und tauscht sich regelmäßig mit Florian Kohfeldt aus. Stellen Sie gewisse Parallelen zwischen den beiden fest?

Thomas Schaaf ist Thomas Schaaf. Er hat hier große Erfolge gefeiert, und von seiner Erfahrung kann jeder andere Trainer nur profitieren. Thomas Schaafs Offensivspiel mit der Mittelfeld-Raute ist jedem sicherlich noch bekannt. Florian stellt an uns auch die Anforderung, immer spielerische Lösungen zu finden.

Unter Schaaf ist Werder 2009 Pokalsieger geworden. Sie standen schon im Profi-Kader. Ein Jahr später spielten Sie 54 Minuten lang, als das Finale gegen die Bayern mit 0:4 endete. War das dennoch ein besonderes Erlebnis?

Absolut. Die Stimmung war gigantisch. Die eine Hälfte des Stadions war grün, die andere rot. Natürlich lief das Spiel nicht so prickelnd für uns. Trotzdem war es ein wirklich schönes Erlebnis, gleich in meiner ersten richtigen Saison bei den Profis im Finale zu stehen.

Jetzt hat Werder das Pokal-Viertelfinale erreicht. Wie sind die Chancen, es erstmals seit 2010 wieder nach Berlin zu schaffen?

Wir haben im Pokal Schalke vor der Brust. Wer in Dortmund gewinnen kann, der kann auch auf Schalke gewinnen. Es wird nicht leicht, aber wir gehen sehr optimistisch an diese Aufgabe heran. Mal gucken, was noch geht.

Noch ein Pokalfinale mit Werder wäre für Sie auch eine Belohnung für Ihre Vereinstreue. Im vergangenen Jahr haben Sie Ihren Vertrag bis 2022 verlängert. Sie bleiben lebenslang grün-weiß, das steht fest, oder?

Man weiß im Fußball nie, was in den nächsten Jahren passiert. Ich freue mich einfach, dass ich hier bin, dass es mir nach all den Verletzungen, die ich hatte, so gut geht, und dass ich hier in der Bundesliga spielen darf. Meine Gedanken sind fokussiert auf die Ziele, die wir in dieser Saison erreichen wollen. Aber natürlich ist es immer noch etwas Besonderes, bei Werder zu spielen, weil ich aus der Werder-Jugend komme und in der Nähe geboren und aufgewachsen bin.

Frank Baumann hat gesagt, er könnte sich vorstellen, dass Sie einmal sein Nachfolger als Sportchef werden. Haben Sie derartige Pläne?

Das ist noch sehr weit weg. Natürlich mache ich mir hin und wieder Gedanken über die Zeit nach der Karriere, aber ich schlage da noch keine Richtung ein. Ich bin 29 Jahre alt und möchte noch ein paar Jahre Fußball spielen.

Können Sie sich denn vorstellen, Ihre Karriere irgendwann bei Ihrem Heimatklub Heeslinger SC ausklingen zu lassen?

Ich hoffe, auch dieses Thema ist noch ein Stück weit entfernt. Die Verbindungen dorthin sind sehr gut. Mein bester Kumpel spielt bei Heeslingen in der ersten Mannschaft, auch andere Spieler kenne ich gut. Mal gucken.

Heeslingen ist eine Gemeinde zwischen Bremen und Hamburg mit nicht ganz 5000 Einwohnern. Wie war es, in diesem dörflichen, beschaulichen Umfeld aufzuwachsen?

Das war überragend. Eine schönere Kindheit könnte ich mir nicht vorstellen. Ich bin direkt gegenüber vom Sportplatz aufgewachsen. Nach der Schule habe ich den Tornister in die Ecke gestellt und dann hieß es: Ab auf den Bolzplatz, bis es dunkel wurde.

Ihr Vater Hansi Bargfrede war Fußball-Profi bei Werder und beim FC St. Pauli. War es schon als Kind Ihr Ziel, ihm nachzueifern?

Mein Vater hat früher auch schon Heeslingen trainiert, und ich bin mitgefahren zu den Spielen. Dann war er mein Jugendtrainer. Ein bisschen Ahnung vom Fußball hat er (lacht), daher konnte er mir sehr viel beibringen in jungen Jahren. Irgendwann kommt man an den Punkt, an dem man Profi werden möchte.

Sie sind dann mit 15 Jahren zu Werder gewechselt, haben später aber noch Ihre Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann im Sportgeschäft Ihres Vaters gemacht. War er ein strenger Chef?

Nein, das war okay. Ich habe während der Ausbildung schon bei den Profis gespielt und noch zu Hause gewohnt. Daher war es für mich am besten, die Ausbildung im Geschäft meines Vaters zu machen. Meine Eltern haben Wert darauf gelegt, dass ich erst eine Ausbildung abschließe, bevor ich mich ganz auf den Fußball konzentriere. Ich würde das auch immer wieder so machen, aber ich bin ganz froh, dass ich Fußballer geworden bin. Mein Bruder hat den Betrieb inzwischen übernommen, das ist die bessere Lösung.

Sie haben einmal erzählt, dass Sie im Garten Ihrer Eltern regelmäßig „Zwei gegen zwei“ mit Ihrem Vater und Ihren beiden Brüdern spielen. Gibt es diese Wettkämpfe noch?

Das ist mittlerweile vorbei. Es gibt immer noch Wettkämpfe, aber nicht mehr im Fußball. Mein Vater wird ja auch älter. Wir spielen jetzt eher Karten oder Tennis.

Das schont immerhin den Rasen im Garten.

Das stimmt. Mit dem Garten ist es ohnehin so eine Sache. Obwohl der Fußballplatz auf der anderen Straßenseite liegt, haben wir früher oftmals mit Freunden im Garten gespielt. Wir haben zwei Wasserflaschen als Pfosten aufgestellt. Im Sommer haben wir barfuß gespielt mit einem kleinen Ball. Dabei haben wir den Rasen und die Blumen ziemlich kaputt geschossen. Meine Mama bedankt sich heute noch dafür, dass der Rasen so hinüber ist und dort nichts mehr wächst.

Zur Person

Philipp Bargfrede (29) wechselte 2004 aus seinem Heimatort Heeslingen (Landkreis Rotenburg) in die Werder-Jugend. Über die U 23 schaffte der defensive Mittelfeldspieler den Sprung zu den Profis. Im August 2009 gab er sein Bundesliga-Debüt. In der laufenden Saison kommt der ehemalige U 21-Nationalspieler bislang auf zwölf Einsätze in der Liga und zwei Einsätze im Pokal.

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