News
Latest News
Rasenreport
04.12.2018
Werder in der „Expected Goals“-Analyse

Was die Statistik über das Bremer Tief verrät

© nordphoto


  • 24
  • 57

Der Fußball ist ein floskelreicher Sport. Weisheiten wie „das Runde muss ins Eckige“ haben die Zeit überdauert. Mittlerweile geht der Trend in der Berichterstattung allerdings auch in Deutschland hin zu mehr Tiefe: Die „Expected Goals“ (xG), bei Zuschauern der englischen Premier League etwa durch die BBC-Sendung „Match of the Day“ längst etabliert, fassen nach und nach auch hierzulande Fuß. Die „zu erwartenden Tore“ messen die Chancenqualität – und können dabei helfen, Werders aktuelle Probleme einzuordnen.

Auf den ersten Blick kommt die Statistik etwas sperrig daher: Das xG-Resultat der Partie gegen die Bayern etwa lautete nicht 1:2, sondern 0,66 zu 3.37 (Quelle: „Understat.com“). Übersetzt heißt das: Werder spielte sich Chancen heraus, die im statistischen Durchschnitt nur in zwei von drei Fällen auch wirklich zu einem Treffer gereicht hätten. Die Bayern hingegen hätten gut und gerne mehr als zwei Tore erzielen können – Nachlässigkeiten im Abschluss und eine gute Leistung von Jiri Pavlenka im Bremer Tor verhinderten Schlimmeres.

Abwehr im Abwärtstrend

Mit „Expected Goals“ lassen sich nicht nur Spielverläufe nachvollziehen, sondern auch der Bremer Saisonverlauf. Dessen am häufigsten erzählte Geschichte geht so: Werder startet furios in die Saison, untermauert die Ambitionen auf Europa mit starken Leistungen. Dann kommen angeschlagene Leverkusener ins Weserstadion, fügen dem Tabellendritten Werder am 9. Spieltag eine 2:6-Niederlage zu – und auf einmal fehlt die spielerische Linie, die einst so sattelfeste Defensive macht leichte Fehler, und aus dem Beinahe-Spitzenteam wird eine Mannschaft, die sich wieder nach unten orientieren muss.

So weit, so nachvollziehbar. Auch die „Expected Goals“ stützen etwa die These vom Bruch nach dem Leverkusen-Spiel: Stellte Werder noch während der ersten acht Spieltage die viertbeste Abwehr der Liga, die nur 9,68 xG zuließ, sind die Bremer mittlerweile defensiv das viertschlechteste Team. In nur fünf Spielen konnte sich der Wert der gegnerischen Chancen auf 23,54 xG mehr als verdoppeln.

Interpretieren und erklären kann man diese Entwicklung in mehr als eine Richtung. Ein Ansatz ist es, sich die Gegner der vergangenen Wochen anzuschauen: Die Bayern stehen hinsichtlich der „Expected Goals“ an der Spitze der Liga, auch Borussia Mönchengladbach weist Spitzenwerte sowie eine überdurchschnittliche Chancenverwertung auf. Dass Werder das Niveau des eher gnädigen Auftaktprogramms nicht halten können würde, war also abzusehen.

Allerdings erklärt der rein gegnerfixierte Ansatz nicht, warum auch der SC Freiburg, in Sachen Offensivkraft wahrlich kein Gradmesser, auf den hohen Wert von 2,94 xG kommen konnte und Werder Glück hatte, dass die Breisgauer nur einmal trafen. Hier zeigen sich zwei Probleme: einerseits der Umstand, dass Werder in den vergangenen fünf Spielen nie ein Führungstor erzielte. Gerade in den späten Spielphasen löste Werder-Coach Florian Kohfeldt deswegen oft die Ordnung im defensiven Mittelfeld auf. Ohne diese Absicherung erspielten sich die Bremer Gegner so mehr Konterchancen.

Von Schlüsselspielern abhängig

Andererseits zeigt sich die Wichtigkeit der Personalien Philipp Bargfrede und Niklas Moisander: Letzterer verpasste das Leverkusen-Spiel mit muskulären Problemen und sucht seitdem seine Form. Statistisch auffälliger ist das Fehlen von Bargfrede: Der Sechser verpasste die Spiele gegen Leverkusen (3,11 xG), Freiburg (2,94 xG) und Bayern (3,37 xG) ganz, in der zweiten Halbzeit gegen Gladbach (1,96 xG in 45 Minuten) und in der Schlussphase gegen den VfB Stuttgart (1,51 xG in 23 Minuten) saß Bargfrede bereits auf der Bank. Während der fünf statistisch schlechtesten Abwehrleistungen der Saison stand der Zweikampfspezialist also nicht auf dem Platz.

Im Bremer Kader findet sich weder eine gleichwertige Alternative zu Moisander noch ein ähnlicher Spielertyp wie Bargfrede. Der fällt noch dazu mit Achillessehnenproblemen bis zum Januar aus. Bis zum Winter muss Werder also versuchen, an die guten Defensivleistungen ohne Bargfrede wie etwa im Heimspiel gegen die Hertha (0,94 xG zugelassen) anzuknüpfen. Danach könnte es sogar eine Überlegung wert sein, sich defensiv noch einmal zu verstärken.

Kein Knipser, aber ein Hoffnungsträger

Ähnliches gilt für den Angriff. Einen Unterschied gibt es offensiv aber: Dass Werder hier nicht zur Ligaspitze zu zählen ist, zeichnete sich bereits während des Saisonstarts ab. Mit 17,35 xG liegt der Werder-Angriff auf dem zwölften Platz im Ligavergleich. Vor dem Leverkusen-Spiel waren die Bremer Elfter (10,15 xG). Dass dennoch genug Treffer gelangen, hängt auch damit zusammen, dass Maximilian Eggestein mit vier Distanzschüssen erfolgreich war – Treffer, die schwer zu erzielen sind und die mit einem geringen xG-Wert zu Buche schlagen.

Wenn Werder in der Rückrunde noch einen Angriff auf die europäischen Plätze wagen möchte, könnte man sich im Verein im Januar überlegen, doch noch einen Stafraumstürmer zu verpflichten. Am ehesten erfüllt Claudio Pizarro derzeit dieses Kriterium, der hochgerechnet auf 90 Minuten zu Chancen in Höhe von 0,59 xG kommt. Das Problem: Mit 40 Jahren kann der Peruaner nicht mehr als Stammkraft eingeplant werden und weniger Laufarbeit verrichten als seine Kollegen.

Martin Harnik sorgt mit hochgerechneten 0.49 xG alle 90 Minuten zumindest für gefährliche Situationen, lässt bislang jedoch die Kaltschnäuzigkeit vermissen. Max Kruse ist derweil an den meisten Bremer Abschlüssen beteiligt, aber mit 0,25 xG pro 90 Minuten und Torschussvorlagen im Wert von lediglich 0,15 xG im gleichen Zeitraum geht den Offensivaktionen von Werders Kapitän die Torgefahr ab.

In einer Statistik ist ein Werderaner dafür Liga-Spitze: Milot Rashica kommt auf 0,9 xG als Vorbereiter – aufgrund der geringen Stichprobengröße von lediglich 115 Einsatzminuten zwar kein belastbarer Wert, aber zumindest ein Hoffnungsschimmer. Zuletzt hatte Rashica wegen defensiver Nachlässigkeiten kaum gespielt – Kohfeldt zufolge sei der Flügelstürmer jedoch „sehr gut aus dieser Phase herausgekommen“ und habe zeitnah die Chance auf weitere Einsätze.

Mehr zum Thema:

Was sind „Expected Goals“?

Seit im Fußball großflächig Daten erfasst werden, sind Hunderttausende Torschüsse abgegeben worden. Statistiker können anhand dieser Informationsmenge die Wahrscheinlichkeit berechnen, mit der einem Abschluss auch ein Tor folgt. Dieser statistische Durchschnitt, der sich hinter „Expected Goals“ (xG) verbirgt, liegt zwischen 0 (nie ein Tor) und 1 (immer ein Tor) und ist von Parametern wie der Position des Balles und der Spieler zueinander abhängig. Ein Beispiel: Elfmeter führen in 76 Prozent aller Fälle zum Torerfolg – ihr xG-Wert beträgt somit 0,76.

Wofür sind „Expected Goals“ nützlich?

Verglichen mit Sportarten wie Handball oder Basketball fallen im Fußball kaum Treffer. Das bedeutet auch, dass etwa Glück und Pech im Torabschluss das Endergebnis stark beeinflussen können. Manche „Krise“ geschieht etwa trotz guter Leistungen. Um diese Leistungen quantifizierbar zu machen, wurden „Expected Goals“ entwickelt: Mit dem Fokus auf Chancen statt Tore kann sich der Leistung von Mannschaften und Spielern noch detaillierter angenähert werden.

Wo liegen die Schwächen der Statistik?

„Immer Glück ist Können“, sagte einst Hermann Gerland, Co-Trainer des FC Bayern München. Ähnliches gilt für die „Expected Goals“: Lucien Favres Teams etwa schießen seit Jahren deutlich mehr Tore, als ihr xG-Wert vermuten ließe, und kassieren auch weniger Gegentreffer. Der die Statistik überlistende Spielstil des Dortmund-Trainers ist allerdings eine Ausnahme. Außerdem ein blinder Fleck: gute Gelegenheiten, die nicht zum Abschluss kommen. Denn: Die „Expected Goals“ werten nur Schüsse.

Wo finde ich die xG-Werte?

Offizielle xG-Werte gibt es nicht – verschiedene Analysefirmen erheben die Werte jeweils mit leichten Unterschieden. Eine zuverlässige Ressource für xG-Werte der großen europäischen Ligen ist „Understat.com“.

Michou am 05.12.2018, 00:10
Hm....heißt, vorne mal zuerst ne Bude machen, hilft hinten auch mal sicherer zu stehen...wer
hätt s gedacht.... Werder liegt laut diesen Statistikwerten im Mittelfeld,...Hm oder liegen die Werte
im Mittelfeld, weil Werder im Mittelfeld steht, oder wie...oder....ach egal, vorne einfach
mal zuerst ne Bude machen...
7
1
NiDre520 am 05.12.2018, 10:26
Wir nutzen unsere tausend Chancen einfach nicht
2
3
1-Werder am 05.12.2018, 12:43
Einfach angenommen, die Statistik und deren Aussagen wären seriös: Wie lautet nicht nur die Frage nach Meister, Vize-, Absteiger und Religations-Team, sondern wie sieht die Tabelle verlässlich per Ende Saison aus? Dann kann zumindestens ich mich zurücklehnen und mich auf die nächste Saison freuen....
1
0

Kostenlos in der gesamten Saison 2017/2018!

Download