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07.11.2018
Geplanter Werder-Neubau

Tempo 30 gegen Leistungszentrum

© Steffen von Deetzen


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Das Thema kommt unter Punkt B auf der Tagesordnung fast ein wenig versteckt daher. Wörtlich heißt es da: „Vorstellung Entwurfsplanung Leistungszentrum“. Drei Worte, die für eine gewisse Sprengkraft rund um das Weserstadion, den Osterdeich und die Pauliner Marsch sorgen. Am kommenden Dienstag hat der Beirat Östliche Vorstadt um 19 Uhr in die Weserterrassen geladen, um die Pläne vorzustellen, mit denen Werder Bremen auch künftig Talente wie Maximilian Eggestein oder Philipp Bargfrede entwickeln und zu Bundesliga-Stars machen möchte. Es geht um den Neubau des Leistungszentrums in der Pauliner Marsch. Es ist ein Politikum, besonders für die Anwohner am benachbarten Osterdeich. Deren Sprecher Udo Würtz sagt ganz gelassen über die Veranstaltung: „Dann wollen wir da mal hingehen.“

Würtz ist allerdings auch keiner, der Auseinandersetzungen scheut. Schon von Berufs wegen nicht, er ist Anwalt. Mit Werder Bremen haben er und viele andere Anwohner schon so manchen Strauß ausgefochten, etwa beim Ausbau des Weserstadions oder der Veränderung des Hochwasserkonzeptes. Denn bauliche Veränderungen in der Pauliner Marsch bedürfen grundsätzlich der Zustimmung der Anwohner. Seit Mitte des 18. Jahrhunderts, als mit dem Bau des Deiches begonnen wurde, ist in 356 Grundbüchern für Grundstücke am Osterdeich das Recht eingetragen, Hochbauten in der Pauliner Marsch zu untersagen. Das hat sich auch 2018 nicht geändert. Das Nein eines Anwohners würde reichen, um das Projekt zu stoppen. „Und Hochbauten sind alles, was über die Erde geht“, sagt Würtz. Selbst ein eingeschossiger Kabinentrakt, wie er derzeit auf Platz 11 steht, muss deshalb von den betroffenen Anwohnern abgenickt werden. Und genau das macht die Verhandlungen zwischen Werder, der Politik und den Bürgern so schwierig.

Doch Werder hat aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt, das sagt selbst Würtz. Statt Gerichtsverhandlungen, die früher auf bauliche Veränderungspläne folgten, gab es jetzt im Vorfeld möglicher Veränderungen Gespräche mit Werder. „Geschäftsführer Frank Baumann hat sich an uns Anwohner gewandt und dann bei zwei Zusammenkünften seine Pläne erläutert. Anschließend haben wir dann unsere Positionen ausgetauscht.“ Baumann sei, das versichert Würtz, ein sehr angenehmer Gesprächspartner gewesen.

Vorhaben von großer Bedeutung

Für Werder ist der Bau des Leistungszentrums von allergrößter Wichtigkeit. Denn das, was da derzeit noch an Platz 11 steht, hat fast schon musealen Charakter. Präsident Hubertus Hess-Grunewald hat zuletzt mehrfach erzählt, wie spöttisch so manche Gästemannschaft reagierte, die sich in den Kabinen umziehen musste. Fakt ist: Um dauerhaft wettbewerbsfähig im Nachwuchsbereich zu sein, muss Werder ein neues Leistungszentrum bauen. Das hat auch die Politik erkannt. Bürgermeister Carsten Sieling jedenfalls befürwortet einen Neubau in der Pauliner Marsch. „Ich habe in den vergangenen Wochen eine Reihe von Gesprächen zum Thema Leistungszentrum des SV Werder geführt“, erklärt er im Gespräch mit dem WESER-KURIER. Darin sei deutlich geworden, dass das Vorhaben nicht nur für den weiteren sportlichen Erfolg des Vereins von großer Bedeutung ist. „Die Öffnung eines solchen Zentrums auch für den Schulsport und andere Sportlerinnen und Sportler in unserer Stadt bietet zudem eine große Chance für den Bremer Sport insgesamt. Ich unterstütze das Vorhaben ganz ausdrücklich“, sagt Sieling.

Worte, die Werder natürlich gerne hört. Präsident Hess-Grunewald hat in den vergangenen Monaten ebenfalls viele Gespräche mit der Politik in Bremen geführt. Jetzt sagt er: „Wir freuen uns, dass Bürgermeister Carsten Sieling die existenzielle Bedeutung einer Modernisierung unseres Leistungszentrums für Werder Bremen anerkennt und einer möglichen Umsetzung positiv gegenübersteht. Vorbereitende Gespräche haben wir vor allem aber auch mit Anwohnern, Beiratsvertretern und Vereinsvertretern der Pauliner Marsch geführt.“ Von der einstigen Drohgebärde Werders, dass man sich ein Leistungszentrum auch im niedersächsischen Umland vorstellen könne, ist schon lange nicht mehr die Rede. Und auch Würtz hat kein Problem damit, dass sich die Politik für den Neubau starkmacht. Im Gegenteil, für die Vorstellungen der Anwohner könnte das sogar ein entscheidender Trumpf sein.

Gesteigerte Lebensqualität statt schöner Worte

Denn Würtz sagt: „Wir wollen einen gerechten Ausgleich der Interessen und nicht, dass nur die eines privaten Geldvereins berücksichtigt werden.“ Und erklärt dann, welchen konkreten Ausgleich sich die Anwohner vorstellen für den Fall, dass sie einem Neubau des Leistungszentrums in der Pauliner Marsch zustimmen. „Tempo 30 auf dem Osterdeich, Lkw-Verbot auf dem Osterdeich und die Möglichkeit, dass Fußgänger die Straße an mehreren Stellen überqueren können." Momentan müsse man meist fünf Minuten warten, bis man auf der anderen Seite ist. Grundsätzlich, fügt Würtz noch an, „können wir uns vieles vorstellen, was die Aufenthaltsqualität für Spaziergänger und Anwohner in der Pauliner Marsch erhöht. Jetzt wollen wir mal sehen, wie sich die Politik verhält.“

Bei den Treffen mit Baumann haben die Anwohner erste Skizzen des möglichen Leistungszentrums gesehen. „Die sahen aus, wie Zeichnungen für solche Projekte nun mal aussehen: sehr schön“, sagt Würtz. Jetzt aber gehe es darum, wie alle in den Prozess involvierten Parteien einen gemeinsamen Ausgleich finden. „Und zwar nicht finanziell“, betont der Anwohner-Sprecher, an Geld sei man nicht interessiert. „Wir wollen etwas, das die Lebensqualität in unserer Gegend steigert. Und wir wollen das schriftlich. Auf schöne Worte geben wir gar nichts mehr.“

Sieling weiß um die Komplexität der Vorgänge. Auch deshalb betont er die kommunikative Vorgehensweise der Werderaner. „Ich begrüße es sehr, dass die Verantwortlichen von Werder sehr transparent mit dem Vorhaben umgehen, frühzeitig informieren und die Bremerinnen und Bremer, gerade auch die Anwohnerinnen und Anwohner am Osterdeich, bei den weiteren Schritten mitnehmen wollen.“ Schließlich sei Werder nicht nur ein toller Fußballverein, sondern habe immer auch Verantwortung übernommen und sich in ganz vielfältiger Weise in und für Bremen engagiert. Der Wille, etwas Neues entstehen zu lassen, ist also bei allen Beteiligten gegeben: Werder, Anwohner, Politik. Jetzt wird um Kompromisse gerungen. Die Beiratssitzung am kommenden Dienstag verspricht also ein interessanter Abend zu werden.

Leistungszentren in der Bundesliga

Im Kampf um die Stars von morgen setzen die Bundesliga-Klubs auf ultramoderne Leistungszentren. Der Branchenprimus FC Bayern etwa hat gerade für 100 Millionen Euro einen „Bayern Campus“ gebaut, zuvor galt das Leistungszentrum von RB Leipzig als Leitmotiv der Liga. Es kostete eine mittlere zweistellige Millionensumme. Schalke baut schon an der „Knappenschmiede“, auch Hannover 96 und der Hamburger SV haben für viel Geld neue Leistungszentren gebaut. Werder Bremen hinkt da gnadenlos hinterher. Der Trakt an Platz 11 auf dem Gelände des Weserstadions hat den Charme der 60er-Jahre nie verloren. Jetzt soll nach dem Abriss auf mehreren Tausend Quadratmetern ein Neubau entstehen, weil der Raumbedarf in den vergangenen Jahren entsprechend expandiert ist. Kabinen, Physiotherapie-Räume, Behandlungs- und Besprechungsräume. All das ist Normalität im Ausbildungsbereich, bei Werder aber nur eingeschränkt möglich.

mythos am 08.11.2018, 08:48
Da sollte man sich doch treffen können. Den Osterdeich etwas attraktiver gestalten, kann jedenfalls nicht schaden. Hat insbesondere im Strassenbereich einen ähnlich alten Charme, wie Platz 11.
Und für ein Tempolimit , sowie die Ausgrenzung der LKW, würde ich ebenfalls sofort unterschreiben.
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