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Rasenreport
24.12.2018
Kommentar zu Werders Hinrunde

Spektakel, Wut, Hoffnung, Schönheit, Glück, Frust

© nordphoto


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Zwei Tage vor Heiligabend sind in der Regel andere Dinge wichtiger als Fußball, aber die Inflation von Wettbewerben und Spielen sorgt dafür, dass fast nichts mehr heilig ist. Also wird bis kurz vorm Entzünden des Baums gespielt. Ganz ehrlich, wenn schon bis kurz vor Weihnachten gekickt wird, sollte diese Partie wenigstens mit einem Glücksgefühl enden. Für die Bremer Fans hat das gegen Leipzig nicht geklappt. Aber irgendwie auch doch.

Null Punkte sind null Punkte, da lässt sich nichts schönreden. Trotzdem hat das letzte Hinrundenspiel in Leipzig mehr als ein Nichts hinterlassen. Da war Spektakel, Frust, Wut, Hoffnung, Schönheit, Glück und dann wieder Frustwutärger in 90 Minuten. Also jede Menge Emotionen. Und ist das nicht ein wichtiger Grund, weshalb so viele Menschen immer wieder Fußball schauen?

Leipzig als Spiegelbild

Die 90 Minuten in Leipzig taugen ganz gut als Spiegelbild von Werders Hinrunde. Im Schnelldurchlauf: Ein guter Start mit verpassten Chancen, dem Spiel früh die richtige Richtung zu geben. Die Leipziger Führung aus dem Nichts, durch eigenes Zutun verschuldet. Der Wille trotz Rückstand, auch bei einem Gegner wie Leipzig (in der Hinrunde ohne Heimniederlage), auf Sieg zu spielen. Die Belohnung für den Mut, für die fußballerische Offensive, mit den beiden Toren zum Ausgleich. Und am Ende die Konsequenz aus zu vielen vergebenen Chancen und zu vielen individuellen Fehlern, als Leipzig noch ein Tor erzielt und nicht Werder.

Die Kombination aus zu vielen vergebenen Chancen und zu vielen individuellen Fehlern lassen Werder dort stehen, wo sie stehen: im Mittelmaß. Werder hat zu viele Möglichkeiten ungenutzt gelassen und zu viele Gegentore durch eigenes Zutun möglich gemacht. Auch das war der Unterschied in Leipzig. Werder vergab die Chancen zum Sieg, der Gegner nutzte die wenigen effektiv und siegte.

Zu oft zurückgelegen

Und noch etwas war auffällig in Leipzig: Wieder Mal hat Werder zurückgelegen, was nach einem guten Start in die Saison immer häufiger der Fall war. Am Ende reichte es trotz des Ausgleichs zum 2:2 nicht zu einem Punktgewinn, auch das ist typisch für den Verlauf der Hinrunde. Zehnmal lag Werder zurück, nur drei Punkte konnten danach noch geholt werden.

Die Europa League ist der Maßstab, den Werder selbst angelegt hat. Das Saisonziel kam aus der Mannschaft, Florian Kohfeldt und Frank Baumann trugen es mit. Ein ambitioniertes Ziel, aber nur wer ein solches Ziel hat, läuft überhaupt los. Dennoch werden sie sich daran messen lassen müssen, und zwar im Verlauf dieser Saison. 22 Punkte sind eine solide, aber keine berauschende Bilanz. Werder ist das, was Kohfeldt in den vergangenen Wochen gefordert hat, in „Schlagdistanz" zu den internationalen Plätzen. Es wird, das lässt sich jetzt schon sagen, schwer, den Rückstand aufzuholen. Fünf Punkte mehr, die gegen Hoffenheim und Leipzig ja möglich gewesen wären, und die Ausgangslage für die Rückrunde wäre deutlich rosiger.

Entwicklung statt schneller Erfolg

Andererseits war das Spiel in Leipzig phasenweise eine beeindruckende Demonstration dessen, was diese Mannschaft zu leisten imstande ist. Die spielerische Leichtigkeit und Intelligenz, mit der beide Tore herausgespielt wurden, das war Champions-League-Niveau. Die spielerischen Voraussetzungen, das hat die zweite Halbzeit in Leipzig gezeigt, reichen für das erste Drittel der Bundesliga. Die Frage ist, wann Werder dieses Potenzial dauerhaft abruft. In der Rückrunde? In der nächsten Saison? Oder nie?

Es stellt sich eine weitere Frage im Anschluss an das Spiel in Leipzig: Steht die langfristige Entwicklung über dem schnellen Erfolg? Also nicht abriegeln und auf Remis spielen nach dem Ausgleich in Leipzig, sondern dem eigenen Grundsatz treu bleiben, der da heißt: Wir wollen gewinnen und spielen auf Sieg. Immer! Weil die Spieler nur so den Automatismus des Siegenwollens lernen. Dazu gehört, stets selbst agieren zu wollen, nicht zu reagieren. Das ist ein Prozess, mitunter ein schmerzhafter, wie die Partie gegen Leipzig gezeigt hat.

Unterhaltsam und emotional

Es bliebe die Möglichkeit, mitunter pragmatischen Fußball zu spielen, um auch mal einen Punkt farblos zu ergattern. Und so in der Tabelle am Ende ein paar Punkte mehr zu haben, vielleicht auch paar Plätze besser dazustehen. Kohfeldt, das hat er oft genug betont, sieht das nicht als Option. Er will gewinnen, immer, auch wenn es in einer Niederlage endet, wie in Leipzig.

Aber man stelle sich vor, Werder hätte in Leipzig ein, zwei Dinge besser gemacht, oder würde sie in der Rückrunde besser machen - was wäre dann sportlich möglich? Der Gedanke ist reizvoll. Und macht schon jetzt Lust auf die Rückrunde. Und das ist doch ein schönes Geschenk zu Weihnachten: Werder-Fußball macht Spaß, ist unterhaltsam und sorgt für jede Menge Emotionen.

Claudo am 24.12.2018, 13:12
Also ich glaube nicht, das die Frage der Spielweise und der Ausrichtung auf Sieg am Ende in Frage gestellt werden müssen, die Niederlage kam durch eine krasse Unaufmerksamkeit nach einem popeligen Einwurf.

Vielmehr stelle ich mir die Frage, ob nicht Europa als Oberziel völlig in Ordnung und sinnvoll ist, aber in seiner Gesamtheit einigen derzeit zu schwer auf den Schultern lastet. Mann isst den Schweinebraten ja auch nicht als ganzes, sondern erlegt ihn Bissen für Bissen.

Will sagen das ich, auch aus eigener Erfahrung,den Satz, den Reporter und Fans gleichermaßen hassen, absolut legitim und ziemlich sicher angebrachter finde: "Wir schauen von Spiel zu Spiel" bzw. "Wir wollen uns auf das nächste Spiel konzentrieren und gewinnen" Ich fände diese Herangehensweise stände Werder besser zu Gesicht und könnte manchen Spielern eventuell helfen.

Just my 2 Cent


Frohe Weihnachten allerseits!
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WERDER2016 am 24.12.2018, 16:36
Er will gewinnen, immer, auch wenn es in einer Niederlage endet.

Die Aussage von Meggestein in einem Interview lautete: wir möchten nicht schön spielen und verlieren, lieber spielen wir nicht schön und gewinnen. Beides geht bei Werder offensichtlich nicht.

Aber man stelle sich vor, Werder knüpft in der Rückrunde nicht an die zuletzt gezeigten Leistungen an, sondern zeigt wieder Kaliber wie gegen Mainz oder auch Freiburg - was ist dann sportlich möglich? Der Gedanke ist schrecklich, aber wer kann das ausschließen.

Mich erinnert die derzeitige Situation an den VfB vor 3 Jahren unter Zorniger, der ebenfalls spaßigen, alternativlosen Offensivfußball zelebrierte. Da wurde in fast jedem Spiel in der gegenerischen Hälfte ein Spektakel geboten, um dann defensiv Anfängerfehler zu begehen, die für den Gegner in aller Regel der Dosenöffner waren, um dem VfB ein gutes und schönes Spiel zu bescheinigen, die Punkte aber lieber selbst behalten hat.

Ich hoffe natürlich nicht, dass es soweit kommt, aber alle Teams werden in der Winterpause hart arbeiten und sich nach Möglichkeit neu ausrichten, sodass der ganze Zirkus nicht ganz, aber weitgehend von vorne anfängt. Und gerade in dieser Phase sind Teams wie 96 oder Nürnberg schwer einzuordnen, auch wenn sie momentan das Tabellenende zieren. Frankfurt schwächelte auch und wird entsprechend agieren. Jeder weiß, dass die 5 Punkte aus den ersten 3 Spielen auch in der Rückrunde Pflicht sind, um nicht weiter abzurutschen und an Selbstvertrauen zu verlieren.

Aber es kann natürlich auch in die im Artikel erhoffte Richtung gehen. Neben dem Spaß und den Emotionen fehlt dann nur noch der Erfolg.
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am 25.12.2018, 00:32
Der Kommentar wurde durch die Verfasserin / den Verfasser gelöscht. Sofern Antworten auf diesen Kommentar vorhanden waren, wurden diese ebenfalls entfernt.
wolfgramm am 28.12.2018, 16:47
Ich kann Ihre Skepsis durchaus nachvollziehen.Nach dieser Hinrunde,weiß ich nicht so genau,wie diese einzuordnen ist.Hannover wird gleich ein sehr wichtiges Spiel.Sollte man verlieren,ist das Ziel EL wohl erledigt und die Motivation könnte nachlassen.Das wäre dann fatal und man könnte nach unten durchgereicht werden.Wobei ich nicht so weit gehen würde,dass man ernsthaft in Abstiegsgefahr geraten würde.Da sind einfach ein paar schlechtere da.
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