News
Latest News
Kaderschmiede
23.11.2018
Millionen für den Nachwuchs

Schon ein Draxler würde reichen

© WERDER BREMEN


  • 6
  • 100

In der vergangenen Woche tauchten in der Werder-Berichterstattung zwei Themenkomplexe auf, die sich nicht in die Schublade „sportlicher Alltag“ stecken ließen. Einerseits der geplante Neubau des Nachwuchsleistungszentrums in der Pauliner Marsch, der es auf die Titelseiten der Region schaffte: Schließlich geht es hierbei um ein mögliches Veto der Anwohner, Hochwasserschutz, viel Geld und – laut Präsident Hubertus Hess-Grunewald – um „existenzielle Fragen“ für den Klub. 

Nur eine Randnotiz war rund 24 Stunden später folgendes Ergebnis einer ARD-Recherche: Nur 2,6 Prozent der Nachwuchsfußballer, die seit 2010 eine U19 der deutschen Profiklubs durchlaufen haben, kommen inzwischen auf zehn oder mehr Partien in einer europäischen Topliga.

2,6 Prozent – das ist eine auf den ersten Blick dürftige Quote, wenn man bedenkt, dass in den vergangenen Jahren unter vielen Spitzenvereinen in Deutschland und Europa eine Art Wettrüsten um das beste Nachwuchsleistungszentrum entstanden ist. Der FC Bayern eröffnete sein rund 100 Millionen Euro teures Projekt im vergangenen Jahr, RB Leipzig war mit seinem futuristischen Bau schon 2012 am Start, Manchester City investierte gar 250 Millionen Euro in einen riesigen Ausbildungskomplex.

Nun muss und will Werder nachziehen. In anderen Dimensionen zwar, aber eben doch mit dem Ziel, den Anschluss an die Spitze nicht zu verlieren. Ansonsten drohe der Fall, so Hess-Grunewald am vergangenen Mittwoch auf einer Pressekonferenz, dass man irgendwann sagen müsse, Werder habe das „schlechteste Leistungszentrum in Deutschland.“

Werden Nachwuchsleistungszentren überschätzt?

Dass das nicht das Ziel sein kann, sollte klar sein. Dennoch schweben über dem ambitionierten Vorhaben – die standortpolitische Debatte mal außen vorgelassen – eben diese 2,6 Prozent mit der Frage: Könnte es nicht sein, dass die Bedeutung einer neuen, hochmodernen und 32 Millionen Euro teuren Akademie etwas überbewertet wird?

Ganz so einfach sei das nicht, erklärt Björn Schierenbeck, Direktor von Werders Nachwuchsleistungszentrum, gegenüber Mein Werder. Denn die klassische Altersspanne betrage in einem Profikader 18 bis 33 Jahre, Ausnahmeerscheinungen wie Claudio Pizarro also gar nicht mitgerechnet. „Das sind mehrere Generationen, gegen die sich ein Nachwuchsspieler erst einmal durchsetzen muss. Dann wird es einfach eng in den Topligen.“ Dies sei auch ein Grund, warum es in Deutschland mittlerweile drei Profiligen gebe.

Ein Stück weit sind die 2,6 Prozent also logisch erklärbar, weil es eben „nur“ um Spieler geht, die ab 2010 in einer U19 waren. Und es können ja nicht alle 30-Jährigen plötzlich ihre Karriere beenden, um den Nachrückern Platz zu machen.

Wirtschaftlich rechnet sich ein modernes Leistungszentrum ohnehin – wenn es denn gut läuft. Wie zum Beispiel auf Schalke: „Sie können ja mal ausrechnen, was die Transfererlöse von Leroy Sané, Manuel Neuer oder Julian Draxler gebracht haben“, so Schierenbeck. Dann komme man schnell zum Ergebnis, dass sich die Kosten einer Akademie auf Jahre hinaus rentiert haben.

Die Beispiele Eggestein und Bargfrede

Solche großen Namen fehlen in der jüngeren Vergangenheit in Werders Ausbildungs-Vita. Das liegt aber auch einfach daran, dass Verträge hin und wieder auslaufen und kein Erlös zustande kommt – siehe Florian Grillitsch. Hier fehle dann in der Tat die konkrete Zahl. „Erlöse konnten wir in jüngster Vergangenheit nur bei Davie Selke erzielen“, sagt Schierenbeck.

Allerdings muss man sich andererseits auch fragen, was die Bremer ein Spieler wie Maximilian Eggestein gekostet hätte, käme er nicht aus der eigenen Jugend. Biografien wie die von Eggestein oder auch Philipp Bargfrede, die den vielzitierten Werder-Weg widerspiegeln, sind für den Verein aber essenziell. Darin dürfte Einigkeit herrschen. 

Nun jedoch kann die Ausbildung solcher Spieler nicht mehr zeitgemäß erfolgen, wenn nicht neu gebaut wird. Die bisherige Trainingsanlange am Platz 11 stammt noch aus den 60er-Jahren und seitdem haben sich die Bedingungen radikal verändert. Das fängt schon an bei der Kadergröße einer Mannschaft, die mittlerweile gerne mal bis zu 24 Spieler umfasst. Die Kabinengrößen sind also viel zu klein geworden, Platz für Vergrößerungen gibt es nicht.

Und: „Dort, wo es früher vielleicht einen Cheftrainer plus eventuell einen Co-Trainer gab, gibt es nun in nahezu jeder Mannschaft zwei feste Co-Trainer. Hinzu kommen die Spezialtrainer. Ausreichend Umkleidemöglichkeiten gibt die jetzige Anlage nicht her“, betont Schierenbeck.

Die Pläne sind rein zweckmäßig

Solche Beispiele zeigen, dass große Teile der Planungen rein zweckmäßig seien, es geht nicht um Prestige oder die professionelle Außendarstellung. Außerdem dürfe die Lücke gegenüber anderen Leistungszentren der Republik nicht weiter wachsen. So hätten Klubs wie Hoffenheim oder Leipzig beispielsweise Footbonauten (eine Art „Käfig“, in der individuell und als Gruppe Handlungsschnelligkeit oder Passgenauigkeit trainiert werden können) im Trainings-Repertoire. Das hätte Werder auch gern, schließlich gelten solche Methoden als hochmodern und machen den Spielern Spaß. Doch so etwas im aktuellen Gelände integrieren? Nicht realisierbar.

Bleibt das so, wird das hochwertige Ausbildungspersonal, auf das der Klub wert legt, seine Methoden nicht mehr anwenden können – und sich im schlimmsten Fall woanders umschauen. Schierenbeck liefert ein Beispiel: „Ein Athletik-Trainer braucht Räume, wo 20 Spieler auf einmal trainieren können und nicht erst irgendwo Platz geschafft werden muss“– und das auch noch an Geräten, die nicht mehr zeitgemäß seien. Es gehe auf lange Sicht einfach nicht, dass für jede Sportmatte erst eine Nische gefunden werden müsse.

Und dann gibt es ja noch die Auflagen des DFB an die Leistungszentren aller Bundesliga-Klubs. Diese werden bestimmt nicht lockerer und schon in der Vergangenheit musste Werder „Übergangsregelungen“ vom Verband bekommen. „Wir bewegen uns am Limit und mussten oft provisorisch Anforderungen umsetzen“, sagt Schierenbeck. Wenn das eines Tages nicht mehr funktioniere, drohen ernsthafte Konsequenzen. Schließlich ist es für jeden Bundesligisten obligatorisch, moderne Ausbildungszentren vorzuweisen.

Die Fragen, die für den Verein an der Umsetzbarkeit der Pläne hängen, sind aus sportlicher Sicht also in der Tat „existenziell“ – 2,6 Prozent hin oder her.

Kostenlos in der gesamten Saison 2017/2018!

Download