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Life und Style
06.01.2019
Marco Bode im WESER-KURIER-Interview

„Schach hat mir beim Fußball sehr geholfen“

© nordphoto


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Herr Bode, wer ist eigentlich der bessere Schachspieler: Felix Magath oder Sie?

Marco Bode: Oha, das ist eine offensive Spieleröffnung für ein Interview. Es ist nie zu einem Wettkampf gekommen. Aber es gibt tatsächlich eine schöne Geschichte zu dem Thema.

Die müssen Sie erzählen.

Ich habe ein paar Mal mit Andy Herzog zu der Zeit Schach gespielt, das muss im Frühjahr 1998 gewesen sein. Bei einem Essen hat Andy dann Felix Magath, der ja damals bei Werder unser Trainer war, gefragt: „Trainer, wollen Sie nicht mal gegen Marco spielen? Wir wollen zu gern wissen, wer da gewinnt.“ Felix hat in seinem Tee gerührt, in seiner unnachahmlichen Weise, und gesagt: „Meint ihr denn, dass es gut wäre, wenn Marco gewinnt?“ Es kam dann tatsächlich nie zu einem Duell. Aber ich glaube, wir sind so ungefähr auf einem Niveau.

Woher wissen Sie das?

Ich bin eng mit einer Hamburger Firma verbunden, Chessbase heißt sie, ein Weltmarktführer in Sachen Schachsoftware, und die kennen Felix auch gut. Und die meinten mal zu mir: Ein Duell mit Felix Magath könnte spannend werden. 

Seit wann spielen Sie überhaupt Schach?

Ich habe das in meiner Kindheit gelernt, in der Orientierungsstufe. Ich muss da so Elf gewesen sein und wollte eigentlich in eine Fußball-AG. Aber beim Losverfahren hat das nicht geklappt, und dann kam meine Zweit-Wahl gekommen dran, das war Schach. Und ich habe sehr schnell sehr viel Spaß daran gefunden. Und seitdem spiele ich Schach als Hobby.

Warum ist nie mehr daraus geworden?

Mit 13 Jahren bin ich sogar mal kurzzeitig in einem Verein gewesen. Aber es benötigt schon sehr viel Zeit, wenn man sich intensiv mit Schach beschäftigen will. 

Ist Schach denn wirklich Sport?

Für mich ist es ein schönes Spiel. Es gibt keinen Zufall, es gibt unendlich viele Möglichkeiten und keine Partie ist wie die andere. Aber Sport? Das ist für mich nicht relevant. Aber es werden Wettkämpfe ausgetragen, es gibt einen Verband und eine Weltmeisterschaft. In der Analogie kann schon man den ein oder anderen Begriff verwenden, der dafür spricht, dass es sich um Sport handelt. Man braucht Kondition, vor allem geistige. Man muss intensiv trainieren. Und es gibt Strukturen wie in anderen Sportarten auch.  

Mussten Sie sich als Fußballer früher in der Kabine mal doofe Sprüche für Ihre Schach-Leidenschaft anhören?

Nee, wirklich nie. Es gibt ja schon einige Fußballer, die Schach spielen. Aber Medien brauchen eben auch Protagonisten, die bei so einem Thema wie Schach und Fußball immer wieder auftauchen. Und das waren eben häufig Felix Magath und ich. Felix hat Schach ja erst als Erwachsener in einer längeren Verletzungspause als Fußballer gelernt. Dann hat er sich sogar einen Profi-Trainer engagiert für eine gewisse Zeit und ist entsprechend gut ausgebildet.

Kann man als Fußballer vom Schach profitieren?

Felix Magath hat schon einige Dinge aus dem Schach übertragen. Ich erinnere mich, dass er von Raum und Zeit gesprochen hat, die im Fußball und Schach eine große Rolle spielen. Im Schach geht es häufig darum, sich einen kleinen Tempo-Vorteil zu verschaffen. Weiß hat immer den minimalen Vorteil des ersten Zuges. Und den versucht man auszubauen. Und Schwarz versucht, ähnlich wie im Fußball, diesen Heimvorteil wettzumachen. Es gibt auch auf einer anderen Ebene abstrakte Bilder: Der Trainer ist der Spieler, die Fußballer die Schachfiguren, solche Analogien sind ja sehr nahelegend.

Hat Ihnen Schach als Fußballer also genutzt?

Ich glaube, dass es mir in vielen Dingen geholfen hat, schon als Kind Schach zu lernen, wahrscheinlich auch im Fußball. Aber auch in der Schule. Das ist ja ein Grund dafür, dass ich versuche, hier in Bremen Schach in der Grundschule zu etablieren. Ich glaube daran, dass Schach für das eigene Denken und schulische Leistungen hilfreich ist. Und auch, um Dinge vorauszusehen und sich mit Fragen zu beschäftigen: Was tut der andere, wenn ich dies tue? Das sind Methoden, die ich überall im Leben gebrauchen kann.

Aber ist Schach nicht fürchterlich unsexy? Wollen Kinder nicht lieber Fußball spielen?

Wenn Kinder Schach spielen, ist das auch anders als bei den Großmeistern, da geht es etwas ruppiger zu. Ich kenne das noch aus meiner Fußballerzeit in einem Park in Essen. 

Sie haben in einem Park Schach gespielt?

Ja, wir haben früher immer in Essen im Sheraton-Hotel gewohnt, wenn wir irgendwo im Westen Fußball gespielt haben. Und da gab es einen angrenzenden Park mit einem großen Schachspiel. Und da bin ich immer zwischen Besprechung und Mittagessen für eine Stunde hin und habe mit Rentnern, Arbeitslosen und sonstigen Schachliebhabern eine Partie gespielt. Und das ist Schach unter Druck, weil alle reinquatschen, jeder weiß es besser. Das war alles andere als still und langweilig, wie man sich Schach sonst oft so vorstellt.

Also falsches Vorurteil, das mit Schach und unsexy?

Es ist schon anstrengend, weil der Zufall keine Rolle spielt. Viele haben deshalb, ähnlich wie bei Mathematik, keine Lust darauf, weil es anstrengender ist als Monopoly, wo man würfelt und der Zufall entscheidet. Hier geht es eben ums Denken und Planen. Auf dem Niveau, auf dem ich Schach spiele, ist es entscheidend, wie aufmerksam und konzentriert ich bin. Aber ich finde es auch sehr entspannend, abends ein paar Blitzpartien zu spielen.

Wie haben Sie sich beim Schach weitergebildet?

Beim ersten Mal als Schüler bin ich wie gesagt noch zufällig in die Schach-AG geraten, danach habe ich sie immer bewusst gewählt. Und am Ende, könnte ich jetzt unbescheiden erzählen, habe ich sogar den Lehrer geschlagen. Ich habe dann Theorie gelernt, mir Schach-Magazine gekauft und Spieleröffnungen auswendig gelernt. Und da habe ich dann aber gemerkt, dass ich doch nicht so fanatisch bin und blieb deshalb auf einem Basis-Niveau. Und dann kamen die ersten Schachcomputer wie Mephisto. Das waren ja noch Computer, die man schlagen konnte. Wenn man heute gegen Computer spielt, hat man als Mensch keine Chance mehr – es sei denn, man heißt Magnus Carlsen. Aber der ist ja auch Schach-Weltmeister. 

Was hat Sie damals eigentlich angetrieben, Schach zu spielen?

Ich liebe alle Arten von Spielen. Ich spiele gerne Gesellschaftsspiele. Wahrscheinlich war ich einer der ersten E-Sportler, ich habe schon früher auf dem C64 liebend gerne gespielt, Wintergames und Summergames, irgendwie alles. Schach kam dann eher zufällig, aber ich fand das sofort toll. Mein älterer Bruder hat das dann auch gelernt und dann haben wir häufig gegeneinander gespielt. Aber ich finde leider immer weniger Möglichkeiten zum Spielen.

Sie könnten ja in Werders Schachabteilung gehen.

Da werde ich auch immer wieder eingeladen. Einmal im Jahr spiele ich ein Simultanmatch, da gibt es schon Möglichkeiten, bei denen ich ans Brett komme.

Wie viele Schachbretter haben Sie Zuhause?

Ich nutze mehr oder weniger nur eins, aber ich habe bestimmt drei, vier Bretter. Eins hat mir Magnus Carlsen geschenkt, als ich eine Simultanpartie gegen ihn gespielt habe. Da hat jeder Gegner eine Box gekriegt, aber das Brett habe ich noch nicht benutzt.

Und wie war das, gegen den Weltmeister zu spielen?

Das war eine gute Partie, weil ich in eine Stellung gekommen bin, die tatsächlich eine Weile ausgeglichen war. Aber dann hat er mich doch ganz langsam fertig gemacht. Das fühlte sich an, als ob man gegen Bayern München und Real Madrid gleichzeitig spielt.

Lesen Sie Schachmagazine? Oder Fachzeitschriften? 

Nee, das eher weniger. Ich habe aber überlegt, ob ich noch mal was in meine Schachfähigkeiten investiere. Es ist ja so, man wird mit dem Alter nicht besser. Im Schach nimmt die Leistungsfähigkeit mit dem 30. Lebensjahr ab. Magnus Carlsen hat ja neulich auf einer Pressekonferenz auf die Frage geantwortet, wer sein Lieblings-Schachweltmeister sei: Magnus Carlsen vor drei Jahren.

Merken Sie, dass Sie an Niveau verlieren?

Bei Schnellpartien, wo jeder Spieler nur fünf Minuten zur Verfügung hat, da hat mein Leistungsniveau schon abgenommen, das merke ich.  

Schach spielt ja auch in der Literatur eine Rolle. Gibt es da ein Buch, das Sie als Schach-Fan so richtig gefesselt hat?

Ja, auf jeden Fall. Es gab ja 1972 diesen unglaublichen WM-Kampf zwischen Bobby Fischer und Boris Spasski in Reykjavik, dazu gibt es ein Buch. „Wie Bobby Fischer den Kalten Krieg gewann: Die ungewöhnlichste Schachpartie aller Zeiten“, das ist sehr lesenswert. Das ist ja nicht nur ein Schachbuch, sondern auch politisch sehr spannend zu Zeiten des Kalten Krieges. Und natürlich die Schachnovelle von Stefan Zweig. Das habe ich schon  sehr früh gelesen und fand es sehr faszinierend. Auch für Fußballer, das hat ja nur 100 Seiten (lacht).

Zur Person: 

Marco Bode (49) ist seit Oktober 2014 Aufsichtsratsvorsitzender von Werder. Er hat seine komplette Profi­Karriere bei Werder absolviert. In 379 Spielen schoss er 101 Treffer. Für die deutsche Nationalmannschaft hat er in 40 Länderspielen auf dem Platz gestanden. Er gehörte zur Startelf der deutschen Mannschaft im WM-Finale 2002 gegen Brasilien, danach beendete er seine Laufbahn. Schach war schon immer Bodes großes Hobby.

Zur Sache:

Schach und Schule, für Marco Bode ist das eine perfekte Verbindung. Im September vergangenen Jahres startete in Bremen das bundesweit größte Pilotprojekt zur Einbindung von Schach in den Schulunterricht. Über 1500 Grundschulkinder aus 70 Klassen lernen einmal in der Woche eine Stunde lang Schach. Hinter der Idee, Kinder direkt in den Schulen mit dem Schachspiel zu fördern, steht der Verein „Das erste Buch“. Das Projekt hat viele Unterstützer, darunter die Bremische Volksbank und BLG Logistics, die die Schulen mit Arbeitsheften, Schachspielen oder der Online-Software ausstatten. Vor allem leistungsschwächere Kinder sollen über das Königsspiel ihre sozialen Fähigkeiten schulen, die Konzentration verbessern sowie das logische Denken und ihre mathematischen Fähigkeiten verbessern – so die Hoffnung des Vereins „Das erste Buch“. Projektleiter ist Marco Bode.

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