News
Latest News
Rasenreport
23.01.2019
Ein Besuch beim RSV Meinerzhagen

Sahins Spielwiese

© Christoph Bähr


  • 7
  • 67

Yalcin Akbal lenkt seinen schwarzen BMW in eine kleine Wohnstraße. Links stehen weiße Reihenhäuser, eines gleicht dem anderen. Rechts ragt ein hellrotes Hochhaus in den schwarzen Nachthimmel, das nicht so recht in die Umgebung passen will und eher an eine Berliner Plattenbausiedlung erinnert. Durch die weißen Häkelgardinen in den Fenstern dringt ein wenig Licht in die Dunkelheit. Akbal fährt direkt vor dem Hochhaus an die Seite und schaltet das Fernlicht seines Wagens ein. „Da ist er“, sagt er nur.

Mehr Worte braucht es nicht. Diesen Ort kennt sowieso jeder in Meinerzhagen. Die 21.000-Einwohner-Stadt im Sauerland wirbt zwar mit dem Wasserschloss Badinghagen und der Meinhardus-Mattenschanze für Skispringer um Touristen, doch das eigentliche Wahrzeichen ist dieser mit buntem Laub bedeckte Grashügel direkt neben einem nicht sonderlich hübschen Hochhaus. Für Yalcin Akbal ist dieser Ort sogar mehr als das, er ist ein Teil seiner Kindheit. Früher kickte er regelmäßig auf dem Grashügel, auch wenn der Ball wegen der beachtlichen Steigung von mehr als zehn Prozent oft auf die Straße rollte. Mit dabei war dann immer ein sehr guter Freund, der in dem Hochhaus wohnte: Nuri Sahin.

„Ich kenne Nuri schon ewig. Verwandte von mir wohnen auch in dieser Straße“, erzählt Akbal. Wer ein bisschen herumfragt, merkt schnell: In Meinerzhagen hat jeder eine Geschichte über den berühmtesten Sohn der Stadt zu erzählen, und alle rechnen es ihm hoch an, dass er während seiner großen Karriere nie vergessen hat, wo er herkommt. Auch heute noch ist Sahin regelmäßig in Meinerzhagen. Er hat dort viele Verwandte und Freunde, am deutlichsten aber zeigt sich seine enge Verbindung in die Heimat beim Rasensportverein Meinerzhagen 1921, dem Klub, bei dem Sahin einst mit dem Fußballspielen begann. Yalcin Akbal schaltet das Fernlicht wieder aus, startet seinen schwarzen BMW mit den Kindersitzen auf der Rückbank und parkt nach wenigen Minuten Fahrt durch einige Wohnstraßen am Platz des RSV Meinerzhagen.

Zwei Aufstiege geschafft

2015 beschloss Nuri Sahin, sich mit Akbal und weiteren Freunden beim RSV zu engagieren. Fernab der Bundesliga-Glitzerwelt wollte der ehemalige türkische Nationalspieler seinem Heimatklub etwas zurückgeben. Sahin und Co. schafften professionellere Bedingungen, holten gute Spieler und führten den Verein zu zwei Aufstiegen. Aktuell gehört der RSV Meinerzhagen zur Spitzengruppe der sechstklassigen Westfalenliga, muss allerdings seit Sommer ohne seinen Co-Trainer Nuri Sahin auskommen. Als er noch bei Borussia Dortmund spielte, war der Profi in einer guten halben Stunde in Meinerzhagen. Nach seinem Wechsel zu Werder ist der Weg zu weit geworden. Bei seiner Vorstellung in Bremen erklärte Sahin, dass er den Posten schweren Herzens aufgeben müsse, betonte aber: „Der RSV Meinerzhagen ist meine große Leidenschaft, und ich werde die Jungs weiter unterstützen.“

„Wenn er mal Zeit hat, kommt er zu unseren Spielen. Und wir halten ihn auch auf dem Laufenden“, sagt Mutlu Demir, Trainer der Meinerzhagener und ebenfalls ein alter Freund Sahins. Demir steht in der Kabine vor einer Taktiktafel. Es riecht nach Mandarinen. Auf dem Tisch in der Mitte des Raumes steht eine Kiste voll mit den orangefarbenen Früchten. Drumherum sitzen die Spieler, jeder hat seinen festen Platz, der durch ein Foto gekennzeichnet ist. Die Kabine hat die Mannschaft selbst renoviert. Mehrere Spieler stopfen sich Mandarinenstücke in den Mund, während sie aufmerksam zuhören, wie Demir den kommenden Gegner Lüner SV analysiert. Er hat die Namen der Gegenspieler an die Tafel geschrieben und sagt zu jedem ein paar Sätze. „Der macht viel nach vorne, vergisst aber die Abwehrarbeit.“ Oder: „Der wird gegen uns besonders motiviert sein, weil er auch gerne in dieser Kabine sitzen würde.“

Demir und sein Trainerkollege Marco Sadowski nehmen den kommenden Gegner immer genau unter die Lupe. Bis zum Sommer gehörte Nuri Sahins Bruder Ufuk zum Trainerteam, doch der ist inzwischen beruflich stark eingebunden, engagiert sich aber weiterhin im Verein. „Gegnerbeobachtungen macht in dieser Liga sonst keiner“, sagt Yalcin Akbal, der als Teammanager fungiert. In Meinerzhagen wollen sie professioneller sein als die anderen. Und gelernt haben sie das, natürlich, von Nuri Sahin.

Sahin-Werbebande hinter dem Tor

Der Werder-Profi ist hier vieles: Ratgeber, Vorbild, Sponsor. Hinter einem Tor des Kunstrasenplatzes findet sich eine schwarz-gelbe Bande. Darauf steht ein Verweis auf Sahins Webseite: „nuri-sahin.com“. „Nuri unterstützt uns in vielen Bereichen“, sagt Akbal. Bei manch einem Konkurrenzverein glauben sie daher, dass der RSV Meinerzhagen im Geld schwimmt. Da widerspricht Akbal jedoch vehement. „Wir bekommen neue Spieler für lau, und bei uns verdient man nicht viel“, betont er. „Nuris Name ist natürlich ein Türöffner, er ist ja nicht irgendein Bundesliga-Profi. Aber ich bombardiere Spieler auch mit Anrufen und überzeuge sie von unserem Konzept.“

Wer den Teammanager erlebt, glaubt ihm sofort, dass er sehr überzeugend sein kann. Akbal, ein freundlicher Mann mit schwarzen Haaren und schwarzem Vollbart, kann minutenlang reden, ohne eine Pause zu machen. Wenn er über den RSV Meinerzhagen spricht, ist der 35-Jährige gar nicht zu stoppen. Die Spieler kommen gerade aus dem Kabinengebäude, das mit seiner verdreckten Fassade und den Balkonen aussieht wie ein etwas heruntergekommenes Mietshaus. Über eine alte Steintreppe gehen sie hinunter zum Platz, und Akbal kann zu jedem eine Geschichte erzählen. „Den habe ich in der U19-Bundesliga entdeckt.“ Oder: „Der hat sogar schon in der dritten Liga gespielt, aber er wollte zurück zu uns. Heimweh.“ Bis er 26 Jahre alt war, lief Akbal selbst für Meinerzhagen auf. Dann beendete ein Kreuzbandriss seine Spielerlaufbahn. Seitdem schaut er so viele Fußballspiele an wie möglich, ist Stammgast bei den Partien der U19-Bundesliga.

Das Training der Mannschaft läuft. Zwei Flutlichtmasten erleuchten den Kunstrasenplatz. Im Hintergrund malen die Lichter der Firmengebäude im angrenzenden Gewerbegebiet bunte Punkte in den Himmel. Der kalte Wind weht das monotone Rauschen der Autos herüber, die auf der nahegelegenen Bundesstraße 54 unterwegs sind. Und auf der Tartanbahn dreht ein Jogger in gemächlichem Tempo seine Runden um den Platz. Auch er hat eine Geschichte über Nuri Sahin zu erzählen, natürlich. Seine Geschichte ist aber eine ganz besondere.

Besuch aus Madrid

Heinz-Gerd Maikranz, dieser kleine, drahtige Mann mit dem schwarzen Trainingsanzug und den grauen Haaren, war Sahins erster Trainer. „Ach, ein Reporter“, sagt der 62-Jährige gelassen. „Wir hatten schon viele hier, sogar aus Madrid.“ Dem spanischen Journalisten erzählte Maikranz damals ebenfalls, wie Nuri Sahin im Alter von sechs Jahren eines Tages vor ihm stand und im Verein Fußball spielen wollte. Von dem hellroten Hochhaus, in dem Sahin aufwuchs, ist der Fußballplatz schließlich nicht weit entfernt.

Schon in der F-Jugend sei Sahin ein Ausnahmekönner gewesen, sagt Maikranz. „Ich habe es in dieser Altersklasse nur einmal erlebt, dass ein Spieler in Manndeckung genommen wurde, das war Nuri. Mit ihm sind wir auch gleich Kreismeister geworden.“ Viel beibringen konnte der Trainer dem heutigen Profi nicht. „Der hatte das im Blut.“ Dass Sahin irgendwann zu einem großen Klub wechseln würde, wussten alle in Meinerzhagen schon früh. Mit zwölf Jahren ging er dann nach Dortmund, und der Rest ist Geschichte: Mit 16 Jahren und 335 Tagen wurden Sahin zum jüngsten Debütanten der Bundesliga-Geschichte. Er spielte für den BVB, für Feyenoord Rotterdam, für Real Madrid, den FC Liverpool, wurde unter anderem deutscher und spanischer Meister. Seit Saisonbeginn ist er bei Werder.

Trainingslager in Bremen geplant

„Bremen ist für Nuri jetzt genau das Richtige. Dort entsteht etwas“, sagt Yalcin Akbal, der seinen Freund schon mehrmals an der Weser besucht hat. „Ich bin jetzt Werder-Fan“, betont er. Auch die ganze Mannschaft des RSV Meinerzhagen war schon da und schaute sich das Heimspiel gegen Mönchengladbach (1:3) an, in dem Sahin prompt sein erstes Werder-Tor gelang. Im kommenden Sommer will der RSV Meinerzhagen sogar ein Trainingslager in Bremen abhalten, wie Teammanager Akbal erzählt. „Dann könnte Nuri vielleicht ein paar Mal beim Training dabei sein."

Akbal glaubt, dass sein Freund noch einige gute Jahre als Spieler bei Werder haben wird. „Und irgendwann wird er Trainer, das ist sowieso klar“, sagt er. „Nuri versteht so viel von Fußball und denkt schon jetzt wie ein Trainer.“ Ein Traum wäre es wohl für alle Meinerzhagener, wenn Nuri Sahin in einigen Jahren die erste Herrenmannschaft des RSV trainieren würde. Akbal ist zwar überzeugt davon, dass sein Freund als Trainer für viel größere Aufgaben bestimmt wäre, aber der Gedanke gefällt ihm trotzdem. Schließlich haben sie auch in Meinerzhagen noch einiges vor: rauf in die Oberliga, vielleicht irgendwann in die Regionalliga.

Große Pläne für die Zukunft

„Wir wollen die Stadt bekannter machen und wollen was für die Region tun“, verdeutlicht Yalcin Akbal. „Jetzt kommen schon 300 bis 500 Zuschauer zu den Heimspielen.“  Der Teammanager steht ganz oben auf der alten Stehplatztribüne und schaut herunter auf den Platz, wo die Spieler gerade Passübungen absolvieren. Es ist ein kalter Abend, der eisige Wind lässt die Finger schnell klamm und die Nase rot werden. Akbals Vorstellungsvermögen hemmt die Kälte nicht. „Wir denken darüber nach, eine überdachte Tribüne zu bauen“, sagt er.

Dann zeigt Akbal auf „Egons Imbiss“, eine kleine Bretterbude neben dem Vereinsheim. „Der kommt weg“, sagt er. Alles soll moderner werden, in höheren Ligen ist zudem ein abgetrennter Gästebereich Pflicht. „Hier in Meinerzhagen kann etwas entstehen“, ist Akbal überzeugt. „Wir haben ein Top-Umfeld, bieten ein gutes Training an, und natürlich haben wir Nuri. Das ist sein Projekt, und er hilft weiterhin, wo er kann.“

In Meinerzhagen sind sich alle einig: Wenn jemand dafür sorgen kann, dass es die Stadt aus dem Sauerland auf die Fußball-Landkarte schafft, dann Nuri Sahin. Er war schließlich auch der Grund dafür, dass das kleine Meinerzhagen ein Teil der berühmten „Joga Bonito“-Werbekampagne des Sportartikel-Giganten Nike wurde. Es war im Jahr 2007, als plötzlich ein Kamerateam in der Stadt auftauchte. Den damaligen BVB-Star Lars Ricken und einen auf Hochglanz polierten Mustang hatten die Filmleute mitgebracht, um einen kurzen Clip für die Kampagne zu drehen. Der Inhalt: Ricken fährt im Mustang durch die Gegend und sucht Sahin. Er findet ihn auf dem inzwischen legendären Hügel, wo er mit seinen Freunden kickt. Wird er auf dieses Video angesprochen, formen sich Yalcin Akbals Lippen zu einem Lächeln. „Ach ja, der Film“, sagt er. „Einer der Jungs in dem Video bin ich.“

Ein Interview mit Nuri Sahin über Werte, die wichtiger sind als Fußball, könnt ihr hier lesen.

Kostenlos in der gesamten Saison 2017/2018!

Download