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01.02.2019
Revolverheld-Sänger Strate im Interview

„Rune Bratseth war mein großer Held“

© Imago


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Werder feiert Geburtstag, wird imposante 120 Jahre alt. Was bedeutet Ihnen diese Zahl?

Werder ist natürlich mein Verein, seitdem ich auf dieser Welt bin. Der 120. Geburtstag ist ein großartiges Jubiläum und spricht noch mehr dafür, dass wir einfach DER Traditionsklub sind.

Sie benutzen wie selbstverständlich das Wort „wir“. Wie sind Sie damals Werder-Fan geworden? Passiert das zwangsläufig, wenn man wie Sie als Worpsweder aus dem Bremer Umland kommt – oder gab es doch ein ganz besonderes Aha-Erlebnis?

Mein Vater war Werder-Fan und deshalb bin ich damit in Berührung gekommen, als ich ein kleiner Junge war. Wir sind dann auch ab und an ins Stadion gegangen. Als ich anfing zu denken, waren das die Zeiten, in denen Rune Bratseth mein großer Held war. Der Elch. Angeblich wurde ihm ja tatsächlich ein Elchkopf in die Kabine über seinen Spind gehängt. Das waren damals einfach großartige Zeiten. Die Jungs haben tierisch Fußball gespielt und es waren allesamt super Typen.

Warum gerade Rune Bratseth und nicht vielleicht doch eher ein Offensivspieler?

Das war so ein ruhender Pol, der damals hinten alles abgeräumt hat. Er hat sich immer vor das Team gestellt, hat keine Allüren gehabt und ist einfach ein verlässlicher Typ. Ich mochte es, dass er dort in der Abwehr wie ein Fels in der Brandung stand. Immer wenn ein Angreifer auf das Werder-Tor zu rannte, dann wusste man, dass da noch ein Rune Bratseth kommt und alles wird gut.

Fehlen Ihnen diese Zeiten manchmal?

Ja, klar. Das war natürlich die romantische Zeit mit wahnsinnigen Fehlentscheidungen und irren Charakteren. Eben all das, was man heute immer bemängelt. Aber hey, der Fußball ist eben anders geworden. Jetzt ist es viel physischer und auch ein Rune Bratseth würde mittlerweile vermutlich 25 Mal ausgespielt werden. Und das ist auch okay, dass der Fußball sich verändert hat. Ich trauere nichts hinterher.

Gibt es denn dieses eine Spiel, das Ihnen immer wieder in den Kopf kommt und besonders Eindruck auf Sie gemacht hat?

Ich habe in den Nuller-Jahren in Bremen studiert und direkt am Ostertorsteinweg gewohnt. Wenn ich damals nicht im Stadion war, habe ich es auf jeden Fall gehört, weil es so dicht dran war. Und dann kam die Meistersaison 2003/2004. Ich weiß noch, wie ich quasi die Mannschaft am Flughafen abgeholt habe, nachdem sie in diesem legendären Spiel in München mit 3:1 gewonnen hat. Dann landet dieses Flugzeug und vorne beim Cockpit geht die Luke auf und Thomas Schaaf hält die Werder-Flagge raus. Diesen Moment werde ich mein Leben lang nicht vergessen.


Befürchten Sie, dass dies die letzte Meisterschaft war, die Sie in Ihrem Leben mit Werder feiern durften?

Nein, das befürchte ich nicht. Ich glaube, dass wir auf einem guten Weg sind. Sagen wir mal, wir können den Kader ein bis zwei Jahre halten, qualifizieren uns für Europa und spielen dort auch noch ganz gut, weil uns solch ein Wettbewerb eigentlich ja liegt, dann haben wir vielleicht noch ein bisschen mehr Geld und können noch ein paar gute Spieler mehr einkaufen. Irgendwann sind wir dann schon auf dem Stand, so wie Mönchengladbach es beispielsweise vorgemacht hat, um unter den ersten Drei oder Vier mitzuspielen. Und dann hat man vielleicht mal eine richtig glückliche Saison, so wie kürzlich Leicester City in England.

Von Worpswede aus kommt man nicht mal eben schnell ins Stadion. Wie haben Sie das damals als Jugendlicher gemacht? Musste Ihr Vater Sie fahren oder haben Sie sich gar aufs Rad geschwungen?

(lacht) Als ich Kind war, sind wir, soweit ich mich erinnere, mit dem Auto gefahren und haben dann irgendwo in der Nähe in einer Nebenstraße geparkt und sind dann zum Stadion gelaufen. Das mache ich übrigens auch jetzt noch so, wenn ich aus Hamburg komme. Ich parke dann meist bei einem Kumpel im Viertel und laufe. Von Werder bekomme ich gern die besonderen Parkscheine, doch ich sage immer gleich, dass ich die nicht brauche.

Das klingt so, als sei es Ihnen auch wichtig, die Atmosphäre im Stadionumfeld aufzusaugen.

Das ist einzigartig, wenn 30.000 oder 40.000 Menschen gleichzeitig am Fluss entlang zum Stadion laufen. Und genau das gehört auch für mich dazu. Ich gehe auch gern vorher nochmal beim Kiosk vorbei und hole mir ein Bierchen. Früher haben meine Freunde und ich uns immer an einer Ecke getroffen und wer zu spät kam, der musste die Runde bezahlen. Und dann läufst du da gemeinsam hin – das ist natürlich auch das Schöne am Weserstadion, dass es eben nicht in irgendeinem Industriegebiet oder an einer Autobahn steht.

Wie oft schaffen Sie es denn überhaupt noch, ins Stadion zu gehen?

Ich schaffe es leider nur noch relativ selten. Natürlich habe ich alle Partien im Kalender stehen, aber der Musiker an sich arbeitet nun einmal gern am Wochenende und spielt dann immer irgendwo ein Konzert. Ich würde sagen, dass ich es in der Hin- und der Rückrunde jeweils zwei Mal hinbekomme.

Pünktlich zum 120. Geburtstag ist eine neue Werder-CD erschienen, auch Sie sind mit einer Neuauflage von „Das W auf dem Trikot“ dabei. Sie haben einmal gesagt, dass Sie niemals einen Coversong machen würden – und jetzt haben Sie ausgerechnet diesen gewählt.

(lacht) Für Werder habe ich eine Ausnahme gemacht. Aber das macht man eben für seine große Liebe. Da geht man auch mal dorthin, wo es wehtut. Mir hat es großen Spaß gemacht und ich habe es auch im Bremer Umland mit meinen alten Kumpels aus Osterholz-Scharmbeck und Bremen-Nord aufgenommen, mit denen ich früher gemeinsam im Stadion war. Das war eine schöne Reise zurück in alte Zeiten.

Für das Album sind viele neue Songs entstanden, warum haben Sie nicht auch ein neues Stück geschrieben?

Zunächst einmal in Ermangelung der Zeit, weil ich in diesem Jahr noch 120 Konzerte spiele. Darüber hinaus hatte ich eben auch einfach Lust, dieses alte Traditions-Stück zu entstauben.

Tragen Sie eine Idee im Kopf herum, haben ein paar Zeilen in der Schublade, aus denen irgendwann doch noch einmal ein eigener Werder-Song werden könnte?

Nein. Wir haben auch schon einmal einen Fußballsong gemacht (Helden 2008, Anm. d. Red.) und ich glaube, das wird der einzige in meinem Leben bleiben.

„Das W auf dem Trikot“ ist ja sogar schon der zweite Cover-Song, für „Werder rockt“ haben Sie 2007 bereits eine neue Version von „Lebenslang Grün-Weiß“ eingesungen. Auch so eine Hymne. Kennen Sie keine Angst vor großen Fallhöhen?

Nein, ich habe mich im Vorjahr bei „Sing meinen Song“ auch mit „Supergirl“ von Reamonn und „Forever Young“ von Alphaville angelegt. Ich bin es also gewohnt (lacht).

Wie sind Sie an das Original der „Deutschmacher“ herangegangen?

Wir haben gesagt, dass wir den Song jetzt einmal in ein komplett neues Gewand stecken müssen, weil der Sound von damals schon ein wenig überholt ist und der Song noch nicht die Durchschlagskraft hatte, die er hätte haben können. Deswegen haben wir einen klassischen Rocksong daraus gemacht, sind direkt auf die Zwölf gegangen und haben auch das ganze Vorgeplänkel rausgelassen. So sind im Prinzip nur 48 Gitarren, Bass und Schlagzeug zu hören (lacht).

Was glauben Sie, wie es wird, diesen Song am 7. Februar beim Werder-Konzert vor den Fans zu performen? Das ist ja noch einmal eine besondere Hürde.

Ich bin schon ein bisschen nervös, auch weil ich beim Text die eine oder andere Zeile verändert habe. Ich weiß, dass das nicht immer jeder gut findet. Aber ich habe mir das jetzt einfach mal herausgenommen und finde, dass wir das vielleicht auch nicht so eng sehen müssen. Trotzdem freue ich mich natürlich auf den Abend. Das wird mit Sicherheit ein großartiges Konzert. Es geht ja in erster Linie darum, diesen großartigen Verein zu feiern und das werden wir alle gemeinsam machen. Ich werde meinen kleinen Beitrag dazu leisten.

Im Fußball wird ja gern taktisch umgestellt, wenn es nicht läuft. Wie ist es bei Ihnen: Stellen Sie auch um, falls auf der Bühne der gewünschte Effekt nicht einsetzt?

Als Musiker hast du das Glück, dass du eigentlich immer ein Heimspiel hast. Das stelle ich mir als Fußballer auch wirklich schwierig vor. Du spielst irgendwo auswärts und alle, bis auf einige mitgereiste Fans, hassen dich und wünschen dir, dass du einen Fehler machst. Wenn wir dagegen in München spielen, dann kommen die Leute, die uns gut finden. Dadurch kommt uns immer wahnsinnig viel Euphorie entgegen. Wir müssen deshalb eigentlich auch nicht umstellen, denn wir gewinnen jedes Spiel (grinst).

Haben Sie als einziger Werder-Fan eigentlich einen schweren Stand bei Ihren Bandkollegen?

Ich bin jetzt schon lange in einer Hamburger Band, in der zwei HSV-Fans und -Mitglieder drin sind – und mittlerweile können wir da locker drüber lachen. Es ist aber schon so, dass wenn es ein Derby gab, wir das nicht gemeinsam geschaut haben. Da waren wir dann doch meist unterschiedlicher Meinung (grinst).

Und wie lief die Phase, in der es Werder zuletzt nicht so gut ging?

Naja, dem HSV ging es ja eigentlich immer noch schlechter (lacht). Ich weiß noch, als wir mit dieser Band angefangen haben, da waren wir immer in Freude vereint, weil beide Teams oben mitgespielt haben. Dann kam auch noch 2009, als wir im Halbfinale vom DFB-Pokal und der Europa League aufeinandergetroffen sind. Das ist echt lange her. Danach ging für beide der Niedergang los, also gab es für niemanden einen Grund, sich über den anderen lustig zu machen.

Stehen Ihre Bandkollegen eigentlich beim Werder-Konzert mit auf der Bühne und müssen sich sozusagen durch den Abend quälen oder geben Sie den Solisten?

Die kommen mit und das ist auch okay. Ich gehe mit ihnen schließlich auch gelegentlich zum HSV. Den Song „Das W auf dem Trikot“ wird unser Gitarrist Kris mitspielen, Schlagzeuger Jakob und unser anderer Gitarrist Niels dagegen nicht. Sie sind beide HSV-Mitglieder und sagen, es wäre sonst komisch. Das kann ich auch verstehen, denn ich würde auch keinen HSV-Song singen. Das wäre einfach nicht authentisch.

Beim Fußball gibt es vor dem Spiel bestimmte Rituale, es werden Mannschaftskreise gemacht, manch Spieler betritt den Platz nur mit dem rechten Fuß. Gibt es Vergleichbares bei Ihnen in der Band?

Musiker sind schon sehr abergläubisch, aber vielleicht nicht ganz so extrem wie Fußballer. Wir haben in der Tat vorher auch eine Runde, die immer nach dem gleichen Muster abläuft, und da darf auch kein Fehler passieren und es muss immer derselbe Song dabei laufen. Nach diesem Song darf auch kein anderer mehr gehört werden, danach ist dann auch noch ein besonderer Handshake nötig. Okay, es ist doch sehr sonderlich (lacht).

Kommen wir zu Ihren eigenen Fußballkünsten. Wie talentiert sind Sie beim Kicken?

Ich bin kein guter Fußballer, relativ talentfrei, würde ich sogar sagen. Ich habe trotzdem immer sehr gern gespielt, mittlerweile mache ich aber auch das nicht mehr. Meistens habe ich nur eine Viertelstunde gespielt und mich direkt verletzt. Dann wurde erstmal zwei Wochen gehumpelt, weshalb ich es dann lieber gelassen habe.

Klingt nach dem klassische Sofa-Fußballer.

Genau (lacht). Ich sitze da, kann fachsimpeln wie ein Weltmeister und mich aufregen. Wenn es dann aber heißt, dass ich es selbst mal besser machen soll, gehe ich lieber weg.

Was für einen Eindruck haben Sie denn dann im Moment von Werder und dem Trainer?

Was Florian Kohfeldt wirklich hinbekommen hat, ist, eine unglaubliche Einheit zu formen. Man sieht, dass die Jungs füreinander einstehen und kämpfen. Gegen Frankfurt hat man sehr gut gesehen, wie beispielsweise Max Kruse es unbedingt wollte und auch weit in der Nachspielzeit noch einmal die Linie rauf und runter lief. Das wirkt alles sehr geschlossen, dieses Jahr gibt es auch noch einen breiten Kader. Deswegen würde ich es mir einfach wünschen, dass Europa erreicht wird. Ansonsten könnte ich es mir gut vorstellen, dass Angebote für den einen oder anderen Spieler reinkommen und gewechselt würde. Das wäre wirklich sehr schade.

Haben Sie Florian Kohfeldt schon kennen gelernt?

Leider noch nicht, aber er hat sich für unser Revolverheld-Konzert im März angemeldet und steht jetzt auf der Gästeliste (schmunzelt). Dann werde ich ihm mal ganz großzügig Backstage-Pässe geben, um ihm die Hand zu schütteln. Seinen Vorgänger Alexander Nouri kenne ich sehr gut. Ein toller Typ, mit dem ich sehr viel zu tun hatte. Der kommt auch an dem Abend – es wird also ein ziemlicher Werder-Abend.

Gibt es auch Spieler, zu denen Sie einen besonderen Draht haben?

Ich bin ja eher in der Generation der Spieler, die ihre Karriere schon beendet haben. Mit Clemens Fritz stehe ich ein wenig in Kontakt. Wir sind ein Jahrgang (1980, Anm. d. Red.) und haben in etwa dieselben Themen: alt werden, Falten kriegen und ein kleines Kind zu Hause haben (lacht). Wir schreiben uns ab und an und haben uns kürzlich auch beim Spiel gegen Frankfurt gesehen.

Ohne abschließende Musikfrage kann ich Sie nicht entlassen. John Miles sang einst „Music was my first love – and it will be my last“. Gilt das auch für Sie oder müsste es dann doch der Fußball oder Werder im Speziellen sein?

Das ist eine gute Frage. Ich glaube schon, dass es die Musik ist. Mit ihr habe ich mich von Kindesbeinen an beschäftigt, bei uns zu Hause wurde immer viel gesungen. Als ich zwei Jahre alt war, wusste ich noch nicht, was Fußball ist – was Musik ist aber schon.

Zur Person

Johannes Strate (38), der Sänger der Pop-Band Revolverheld, wuchs in Worpswede als Sohn einer Pianistin und eines Lehrers auf. Das aktuellste Album seiner Band heißt „Zimmer mit Blick“.

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