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Rasenreport
24.02.2019
Die Trainerbank im Weserstadion

Ort der Träume und der Tränen

© Vasil Dinev


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Wenn sie reden könnte, würde die Trainerbank im Weserstadion bestimmt großartige Geschichten erzählen. Wie sich David Beckham einmal den hübschen Hintern auf ihr platt gedrückt hat. Wie Lionel Messi, genannt El Pulga, der Floh, in ihren Ritzen fast versunken wäre. Und wie angepisst Zlatan Ibrahimovic gewesen sein muss, als er auf ihr Platz nehmen musste.

Ist es wirklich so schlimm, im Weserstadion auf der Ersatzbank zu sitzen? Wir machen den Test und stellen fest: Bequem sind sie schon mal, die Sitze, und sehen obendrein auch noch ganz schick aus, wie Sitze in einem Sportwagen. Im Weserstadion sind sie aus grünem Kunstleder mit weißer Naht und aufgesticktem Werder-Emblem. Die Rückenlehne ist nach den individuellen Ansprüchen des Nutzers verstellbar. Und eine Sitzheizung hat jeder Platz auch. Sie schaltet sich an Spieltagen automatisch ein. Vorbei die Zeiten, als Reporter guten Gewissens sagen konnten: Spieler XY muss heute die harte Ersatzbank drücken. Vielleicht ist es sogar andersherum? Wer weiß, ob manch ein Ersatzspieler hier nicht lieber sitzen geblieben wäre, als bei Schnee oder Regen und einem, sagen wir mal, 0:3-Rückstand noch eingewechselt zu werden. Aber das ist Spekulation. 

Halten wir uns an die Fakten. Die Trainerbank im Weserstadion ist neun Meter lang, 1,40 Meter tief und 1,70 Meter hoch, was vor allem bedeutet: Kopf einziehen sonst Beule. 15 Sitze, aufgeteilt in drei Fünfergruppen, hält jede der beiden Ersatzbänke bereit. 15 Plätze sind eine Art Bundesliga-Norm, sie gilt auch in München, auf Schalke oder in Leverkusen. Auf Schalke allerdings fehlen Sitzheizung und Dach, was wiederum dadurch aufgewogen wird, dass das Schalker Stadion bei Schnee und Regen ganz oben ja geschlossen werden kann.

Alles muss seine Ordnung haben

Die Plätze auf der Bank sind in der Regel reserviert für sieben Auswechselspieler (ein Torwart, sechs Feldspieler), den Trainer und seine Assistenten sowie für die Physiotherapeuten, den Zeugwart und den Teamarzt. Manchmal sitzt auch noch der Manager oder Sportdirektor mit drauf, in Bremen ist das Frank Baumann. Wichtig: Alle Bankdrücker müssen vor jedem Spiel offiziell beim Schiedsrichter angemeldet werden. So viel Ordnung muss sein. Wäre ja auch noch schöner, wenn jeder kommen und gehen könnte, wie er will.

Es ist sehr leicht, die Trainerbänke in Fußballstadien zu übersehen. Die Stars stehen auf dem Rasen. Sie sitzen nicht daneben. Der Job von Franck Ribery zum Beispiel ist es, die gegnerischen Abwehrspieler auszudribbeln. Manchmal ohrfeigt, schubst oder beschimpft er sie auch, wenn sie so frech sind und ihn nicht vorbeilassen wollen. Das Publikum, das nicht zu den Bayern hält, fordert dann verlässlich die Rote Karte für Ribery, die er genauso verlässlich nicht bekommt. Aber selbst wenn Ribery tatsächlich einmal Rot bekäme, würde er keinen Gedanken an die Ersatzbank verschwenden. Denn wer vom Platz geflogen ist, der darf nicht länger im Innenraum des Stadions bleiben. Ribery müsste sich schnurstracks in die Kabine verziehen und würde die Ersatzbank links liegen lassen.

So geht es den beiden Trainerbänken im Weserstadion an fast allen Tagen im Jahr: Kaum jemand beachtet sie, höchstens Schulklassen auf ihrer Besichtigungstour durchs Stadion. Meistens aber stehen die Bänke verlassen da, links und rechts der Mittellinie vor der Südtribüne. Dabei haben sie einige Annehmlichkeiten zu bieten, sie sind gut ausgestattet. Ein Dach schützt vor Regen, es gibt mehrere Steckdosen und seit einiger Zeit sogar ein LAN-Kabel, selbstverständlich in grün, damit man im Weserstadion, in dem das Netz bekanntermaßen ein sehr schwaches ist, sein Tablet anschließen und verlässlich Daten übermitteln kann. Denn das ist seit dieser Saison erlaubt: Die Assistenztrainer arbeiten auf der Bank jetzt mit Laptop und Headset. Fußball ist schließlich kein Sport von gestern.

Florian Kohfeldt hat einmal gesagt, dass er „den geilsten Platz“ im ganzen Stadion hat. Damit kann er aber nicht die Trainerbank meinen, denn wenn das Spiel erst einmal läuft, hält ihn nichts im Sitz. Er steht stattdessen davor, in der sogenannten Coaching Zone. Für alle, die es ganz genau wissen wollen: Sie ist im Weserstadion 66 Quadratmeter groß, elf Meter breit, sechs Meter tief.

Der natürliche Feind

Die Coaching Zone endet einen Meter, bevor das Spielfeld beginnt. Wenn Kohfeldt wollte, dann könnte er von hier aus mit nur einem Satz einen gegnerischen Stürmer umgrätschen, wenn der sich an der Seitenlinie auf den Weg Richtung Werder-Tor machte. Aber damit hätte Kohfeldt gleich zwei Prinzipien verletzt: das des Fairplay und Regel 3 des International Football Association Boards, Entscheidung 2. In diesem Paragraphen ist festgeschrieben, dass die Coaching Zone während des Spiels nur in Ausnahmefällen verlassen werden darf. Zum Beispiel wenn der Doc zu einem verletzten Spieler aufs Feld muss, um ihn zu behandeln.

Über die Einhaltung dieser Regeln wacht der sogenannte Vierte Offizielle. Er gehört zum Schiedsrichtergespann und hat auf Höhe der Mittellinie eine kleine Ein-Mann-Bude, so eine Art Wachhäuschen genau zwischen den beiden Trainerbänken. Den Vierten Offiziellen muss man sich als natürlichen Feind von allen anderen Menschen vorstellen, die sich während eines Spiels in den beiden Coaching Zonen austoben. Denn die Vierten Offiziellen kommen weitgehend ohne Emotionen aus, was bemerkenswert ist, denn auf und in der Nähe der Ersatzbänke spielen sich regelmäßig große und kleine Dramen ab. Hier werden Wunden getackert, und es fließen Tränen, hier werden Schimpfwörter und manchmal auch Handgreiflichkeiten ausgetauscht.

Um den Ort Trainerbank ranken sich viele Mythen, von denen sich manche bis heute halten, obwohl sie längst nicht mehr haltbar sind: Dass der Trainerstuhl wackelt, ist zum Beispiel so eine Überlieferung, der man nicht trauen darf. Denn seit Ende der 90er Jahre, seit Horst Ehrmanntraut bei Eintracht Frankfurt, hat kein Bundesligatrainer mehr auf einem Stuhl gesessen. Bei Ehrmanntraut, Typ Kauz, war es ein weißer Gartenstuhl, Typ Baumarkt. Trainer und Stuhl waren erst Kult, dann wackelten tatsächlich beide, und heute sind sie nur noch eine schöne Erinnerung.

In Hamburg ist das anders

Man könnte Hitlisten aufstellen mit den Werder-Trainern, die an dieser Stelle im Weserstadion auf der Bank gesessen haben: am häufigsten Thomas Schaaf, nur ein paar Mal Alexander Nouri, Viktor Skripnik und Robin Dutt, dann mussten sie ihren Platz auch schon wieder räumen. Das ist auch gegnerischen Trainern im Weserstadion ein paar Mal passiert: Mirko Slomka beispielsweise saß hier zum letzten Mal als Schalke-Trainer bei einem Bundesliga-Spiel auf der Bank, nach einem 1:5 gegen Werder wurde er gefeuert. Dieter Hecking erging es als Nürnberger Trainer nach einem 1:1 ein paar Jahre später nicht besser.

Im Großen und Ganzen sind die Trainerbänke im Weserstadion aber nicht dafür bekannt, dass ihre Besetzungen häufig wechseln. Da ist das im Volksparkstadion in Hamburg schon anders. Vielleicht hat sich deshalb der Hausherr dafür entschieden, dort Trainerbänke aufzustellen, deren Rückseiten durchsichtig sind. Das kann als ganz besonderer Service für die Fans verstanden werden. Denn so haben sie die Möglichkeit, nach 17, 39, 56 oder 78 Spielminuten zu kontrollieren, ob der Trainer, der beim Anpfiff auf der HSV-Bank Platz genommen hat, immer noch der aktuelle HSV-Trainer ist, oder ob er zwischendurch nicht vielleicht ausgetauscht wurde. Beim HSV ist sowas nicht ausgeschlossen. Aber das ist eine andere Geschichte.

RosiB. am 24.02.2019, 17:13
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