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12.12.2018
Streit mit der Baubehörde

Neuer Ärger um Werders Leistungszentrum

© Werder Bremen


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Die Auseinandersetzung um den möglichen Neubau eines Fußball-Nachwuchsleistungszentrums in der Pauliner Marsch nimmt an Schärfe zu. Hubertus Hess-Grunewald, Präsident von Werder Bremen, übt harte Kritik an der Bremer Baubehörde. „Wir haben nach wie vor kein politisches Votum für unsere Planungen“, erklärte er gegenüber dem WESER-KURIER. „Das ist sehr schade, denn ohne eine Stellungnahme der Baubehörde hängen wir völlig in der Luft.“ Der Verein habe schon vor Wochen der Behörde erste Entwürfe für einen Neubau vorgelegt, bis jetzt aber keine Antwort bekommen. „Alles liegt der Hausspitze zur Abstimmung auf dem Tisch, und zwar nicht erst seit gestern“, sagte Hess-Grunewald. Er wisse nicht, wo in der Behörde die Prioritäten lägen.

Schwere Vorwürfe, die die Baubehörde am Dienstag konterte. „Es hat bereits Gespräche mit Werder Bremen gegeben, und es werden weitere Gespräche folgen“, erklärte Jens Tittmann, Sprecher von Bausenator Joachim Lohse (Grüne). Allerdings würden den bislang eingereichten Planungen viele Grundlagen fehlen. „Wir können nicht aufgrund von Skizzen eine ernst zu nehmende Einschätzung vornehmen. Im Moment hat Werder etwas vorgelegt, was im Detail nicht zu erkennen ist. Das sieht zwar toll aus, reicht aber eben nicht aus, um zu sagen: Jawohl, das machen wir“, sagte Tittmann.

Widerstand von Anwohnern

Wie bereits mehrfach berichtet, möchte Werder Bremen rund um den heutigen Platz 11 in der Pauliner Marsch ein neues Nachwuchsleistungszentrum samt Trainingsstadion mit einem Fassungsvermögen von rund 5000 Zuschauern bauen. Der Bundesligist hat den Bau quasi zur Existenzfrage erklärt, denn um im Kampf um hochkarätige Fußball-Talente mit anderen Vereinen konkurrieren zu können, müsse man ein modernes Zentrum bauen. Während Politiker wie Bürgermeister Carsten Sieling (SPD) oder Sport-Senatorin Anja Stahmann (Grüne) die Werder-Pläne grundsätzlich unterstützen, gibt es Widerstände im Beirat Östliche Vorstadt und von Anwohnern.

Ein Grundbucheintrag aus dem 19. Jahrhundert für derzeit noch 356 Grundstücke rund um den Osterdeich ermöglicht es diesen Anwohnern, Hochbauten in der Pauliner Marsch juristisch zu verhindern. Allerdings machten Anwohner bei bisherigen baulichen Veränderungen wie etwa der Ummantelung des Weserstadions, die ebenfalls umstritten war, von ihrem Recht kein Gebrauch. 

Werder Bremen würde am liebsten noch in diesem Jahr den nächsten Schritt machen und in erste Gespräche mit Kritikern wie den Anwohnern gehen. „Wir wollten jetzt eigentlich in den Dialog treten“, sagte Hess-Grunewald. Aber man könne nichts lostreten, weil man ja gar nicht wisse, was an den eingereichten Plänen gut oder schlecht sei. „Das ist so, als wenn Sie versuchen würden, Nebel zu nageln“, erklärte der Präsident die Werder-Probleme anschaulich. „Wir fischen absolut im Trüben.“

Bau im Überschwemmungsgebiet

Werder Bremen hatte am 13. November auf einer Beiratssitzung in den Weserterrassen die Pläne für das Leistungszentrum vorgestellt und um Unterstützung geworben. Das Problem: Der Bereich, in dem das Zentrum entstehen soll, ist und bleibt Überschwemmungsgebiet. „Daran ist nicht zu rütteln“, sagt Lohse-Sprecher Tittmann. Grünen-Politiker wie Robert Bücking kritisieren deshalb die Pläne und stellen grundsätzlich die Frage, ob es klug sei, solch große Investitionen in einem Risikobereich wie der Pauliner Marsch überhaupt zu genehmigen. Laut ersten Berechnungen hat Werder Bremen für den Bau knapp 32 Millionen Euro veranschlagt. Im Gespräch ist eine Beteiligung der Stadt Bremen mit bis zu 50 Prozent der Summe.

Der Verein hatte zuletzt angedeutet, dass er bei einem Bauverbot den gesamten Trainingsbetrieb der Profi- und Nachwuchsabteilung ins niedersächsische Umland verlegen könnte. Dabei hatte Bausenator Lohse nach Angaben von Tittmann bereits vor zwei Jahren Werder-Präsident Hess-Grunewald eine alternative Fläche für ein mögliches Nachwuchsleistungszentrum angeboten. Nach Informationen des WESER-KURIER soll es sich dabei um das sogenannte Tabak-Quartier in Woltmershausen handeln. Dort haben Stadtplaner einen Masterplan für ein etwa 55 Hektar großes Gebiet entworfen. Hess-Grunewald bestätigte das Angebot, sagte aber: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass das ein Ort ist, an dem man wirklich ein Leistungszentrum entstehen lassen will.“ 

Das Recht auf Einspruch

Weiterhin stellt sich die Frage: Was ist eigentlich dran an diesem Vetorecht, das Anwohnern ermöglicht, Bauvorhaben in der Pauliner Marsch zu verhindern?

Der WESER-KURIER hat einen Bremer befragt, der bis vor zwei Jahren Eigentümer eines Hauses in dem betreffenden Gebiet rund um den Osterdeich war. Er möchte seinen Namen nicht in der Zeitung lesen, hat aber einen Auszug aus dem betreffenden „Grundbuchbezirk Vorstadt R 64“ vorgelegt, der ursprünglich aus dem Jahr 1890 stammt. Denn die Grundbuchrechte betreffen nicht nur Häuser am Osterdeich, sondern das gesamte Gebiet zwischen Lüneburger Straße (westlich) und Stader Straße (östlich) sowie Hamburger Straße und Osterdeich.

Im Grundbuchauszug heißt es unter dem Punkt „Bezeichnung der Grundstücke und der mit dem Eigentum verbundenen Rechte“ wörtlich: „Das in den Grundbüchern Vorstadt R 65 (...) eingetragene Recht, zu verbieten, daß auf den in diesen Grundbüchern gebuchten Grundstücken zwischen Osterdeich und Weser massive Gebäude aufgeführt werden.“ Soll heißen: Der Eigentümer des betreffenden Hauses kann bauliche Veränderungen in der Pauliner Marsch verhindern.

Weiter steht dort: „Nicht massive Baulichkeiten dürfen nur innerhalb 50 m vom Flußufer und nur bis zur Höhe von 5 m über Bremer Null errichtet werden.“ Das betraf im 19. Jahrhundert beispielsweise kleinere, meist saisonale Geschäfte entlang der Weser wie etwa eine kleine Holzbude in einem Strandbad oder die Vereinsheime der sich ab Mitte des 19. Jahrhunderts gründenden ersten Sportvereine. Der ehemalige Eigentümer, der dem WESER-KURIER Einblick in sein Grundbuch gestattet, hat sein Haus vor zwei Jahren verkauft. Und damit auch das Recht, von einem möglichen Einspruch gegen bauliche Veränderungen in der Pauliner Marsch Gebrauch zu machen. Denn das Einspruchsrecht ist nur vererbbar, aber nicht veräußerbar. Das erklärt, warum aus dem relativ großen Gebiet nur noch 356 Eigentümer ihr Veto vor Gericht einlegen könnten. 

Einflüsse aus New York

Aber wieso gibt es dieses Recht auf Einspruch? Ursprünglich gehörte dieses Gebiet der St.-Petri-Domgemeinde. Sie brauch­te im späten 19. Jahrhundert Geld, um die Kirche zu restaurieren und den eingestürzten zweiten Domturm neu zu errichten. Nach mehreren Sturmfluten hatte man sich entschlossen, einen neuen Deich parallel zur Weser zu bauen, den heutigen Osterdeich. Dahinter entstand ein neues, nun trockengelegtes Baugebiet, das der St.-Petri-Domgemeinde gehörte.

Durch seinen Verkauf als Bauland wur­de die Domrestaurierung finanziert, der neue Ortsteil bekam den Namen Peterswerder. Der damalige Senatsbaudirektor war gerade von ei­ner Reise aus New York zurück und ließ sich bei der Straßenplanung von seinen neuen Eindrücken inspirieren: Keine verwinkelten Straßen wie im Steintor oder Ostertor, sondern eine sehr symmetrische Führung, die noch heute den Stadtteil Peterswerder auszeichnet und für die auch New York berühmt ist.

Doch es war nicht so einfach, Bürger in ein Gebiet zu locken, das zuvor noch Überschwemmungsgebiet war. Deshalb garantierte man den Käufern das Recht per Grundbucheintrag, dass man im Deichvorland wie der Pauliner Marsch, das immer noch Überschwemmungsgebiet war und ist, Mitsprache bei der Gestaltung habe – jenes Recht, auf das noch heute die 356 Eigentümer pochen können.

So machte man das neue Gebiet für Interessenten attraktiv, die quasi als Pioniere in das Wohngebiet zogen, in dem die Bremer Baumeister den Stil des heutigen „Altbremer Hauses“ prägten. Und nahm ihnen die Angst, dass neue, große Gebäude im Deichvorland dazu führen, dass ein mögliches Hochwasser aufgrund von Strömungs- und Höhenunterschieden verwirbelt und der neue Deich (der damals noch nicht so ausgebaut war wie heute) dadurch Schaden nimmt und es zu Überschwemmungen kommt. In dem neugestalteten Deichvorland sollte schon damals ein Naherholungsgebiet für die Großstädter entstehen, bei dessen Gestaltung die Anwohner auf diese Weise mitwirken konnten.

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