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09.02.2019
Wie Werder 1965 den Titel holte

Meister fast aus dem Nichts

© Jochen Stoss/Staatsarchiv Bremen


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Heute, mehr als ein halbes Jahrhundert später, weiß niemand mehr, warum der Coach des HSV den Zehnten der vorangegangenen Saison auf den ­Favoritenthron hob. Inzwischen wissen wir alle: Georg Gawliczek hatte recht. Bremen feierte 1965 die erste von vier deutschen Fußballmeisterschaften – ein überraschender Triumph. Analysiert man die Saison, fallen zwei Weichenstellungen noch vor dem ersten Spiel ins Auge: Die Neuverpflichtungen und eine vierwöchige Reise in die USA, während der Trainer Willi „Fischken“ Multhaup unbemerkt von der Konkurrenz den neuen SV Werder formte.

Zu den drei Neuverpflichtungen: Weder vorher noch nachher glückten den Bremern – vor allem initiiert von Geschäftsführer Hans Wolff und Ligaobmann Eduard Hundt – drei Volltreffer dieser Qualität. Vom FC Schalke 04 holte der Verein Klaus „Mati“ Matischak. Von ihm wussten alle, dass er zwar ein brandgefährlicher Torjäger, aber auch ein Mann mit Ecken und Kanten war. „Ich schieße Tore nur gegen Geld“, hatte die „Bild“ den Spieler kurz zuvor zitiert – eine Aussage, die in der Urzeit der Bundesliga, in der Vereinstreue und Idealismus hoch angesehen waren, auf großes Befremden stieß. Aus Mönchengladbach kam der 20-jährige Horst-Dieter Höttges, ein athletischer Außenverteidiger, dem man mit Recht eine große Zukunft voraussagte. Und vom Absteiger 1. FC Saarbrücken verpflichtete Werder mit Heinz Steinmann einen zwar unspektakulären, aber höchst zuverlässigen Abwehrspieler.

Zur Reise in die USA: Einige Wochen vor dem Saisonstart flog Werder über den großen Teich. Die Amerikaner hatten in dem Bestreben, Fußball im Land von American Football und Baseball populär zu machen, Erstligamannschaften aus Europa und Südamerika eingeladen – neben Werder unter anderem die Schotten von Heart of Midlothian, die Blackburn Rovers und den FC Bahia. Die Bremer gewannen das Turnier. Das war jedoch nicht weiter wichtig, sieht man einmal von der Tatsache ab, dass Gerhard „Gerd“ Zebrowski einen riesigen Pokal als bester Torschütze mitnahm. Bedeutsamer war ein Nebeneffekt dieser Spiele: Trainer Multhaup nutzte das Turnier, um seine Mannschaft auf eine neue Taktik einzuschwören – frei nach der Devise: Hinten darf nichts passieren, vorne müssen die Konter sitzen.

Das war kein neues Rezept. Bekanntlich funktionieren Rezepte aber nur, wenn die Zutaten stimmen. Und das traf auf Werder hundertprozentig zu. Multhaups wichtigste Maßnahme: Er nahm den als Halbstürmer oder Außenläufer, so nannte man das damals, geholten Helmut „Jaggel“ Jagielski nach hinten, stellte ihn hinter die Dreierkette mit Josef Piontek, Steinmann und dem jungen Höttges. Seine Aufgabe war es, ohne direkten Gegenspieler alles wegzuräumen, was noch durchkommt, und nach Möglichkeit die Offensive aufzubauen.

„Jaggel“, der erste Libero

Diese Position gab es damals noch nicht, zumindest nicht in Deutschland. Die Italiener hingegen hatten die Taktik mit dem freien Mann hinter der Abwehr bereits ausprobiert. Sie gaben ihm auch den passenden Namen: Libero, der freie Mann. Jagielski, der mit seiner herausragenden Technik und seiner oft übermütigen Art des Spielens an einen Italiener erinnerte, war wie gemacht für diese Rolle. Er füllte sie perfekt aus, wenngleich Torwart Günter Bernard nicht der beste Freund seines Vordermanns war: „Jaggel hat mich einige Beinahe-­Nervenzusammenbrüche gekostet“, sagte Bernard später mehrfach und erinnerte etwa an Rückgaben seines Vordermanns per Hackentrick. So ist an dieser Stelle ein fußball-historischer Sachverhalt festzuhalten: Nicht „Kaiser“ Franz Beckenbauer, wie seither fast immer behauptet, war der erste Libero der Bundesliga, es war Helmut Jagielski aus Bremen.

Der Saisonbeginn war allerdings alles andere als meisterlich. Werder unterlag mit 1:2 beim Abstiegskandidaten 1. FC Kaiserslautern, die Kritiken waren nach einer sehr mäßigen Leistung heftig. Höttges sprach man glattweg jede Bundesligatauglichkeit ab. Werders erfolgreichster Fußballer absolvierte später insgesamt 66 Länderspiele, nahm an drei Weltmeisterschaften (1966, 1970 und 1974) teil und wurde 1972 Europa- und 1974 Weltmeister.

Anschließend allerdings ließen die Grün-Weißen nachhaltig aufhorchen. Sie gewannen dreimal hintereinander (5:1 über Braunschweig, 2:0 in Frankfurt, 1:0 gegen den Karlsruher SC) und setzten sich in der Spitzengruppe fest. Mit dem 1. FC Köln wechselte man sich vom neunten Spieltag als Tabellenführer ab. Fakt blieb: Werder blieb unterhalb des Radars der Konkurrenz. „Wir haben zwar keinen Traumfußball gespielt, aber sehr effektiv, und standen vor allem hinten sicher“, sagte später Mannschaftskapitän Arnold „Pico“ Schütz zur Meistersaison. Max Lorenz sagte Ähnliches, brachte es jedoch mehr auf den Punkt: „Wir wussten bald: Wenn wir auswärts ein Tor schossen, konnten wir schon mal nicht mehr verlieren.“ Das stimmte im Großen und Ganzen, sieht man von einzelnen Ausrutschern, wie dem 2:4 in Köln, ab. Hinten stand oft die Null. Der Blick auf die Abschlusstabelle liefert den schlagenden Beweis für die Defensivstärke der Werderaner: Nur 29 Gegentore in 30 Spielen, die Nächstplatzierten Köln (45) und Dortmund (48) konnten in Sachen Abwehrstärke bei Weitem nicht mithalten.

Vom 17. Spieltag an vorne

In der Rückrunde begann Fußballdeutschland allmählich, Werder ernst zu nehmen. Am 17. Spieltag übernahmen die Bremer mit einem 1:1 in Braunschweig die Tabellenspitze und gaben diese bis zum Finale nicht mehr ab. Der HSV wurde im Volksparkstadion mit 4:0 geradezu gedemütigt, anschließend Hannover mit 3:0 abgefertigt. In sieben Spielen der Rückrunde kassierte Werder nur ein Gegentor. Die Bestätigung einer These, die etwa Otto Rehhagel Jahrzehnte später gern wiederholte: „Meister wird man vor allem in der Abwehr, nicht vorne.“

Zum Showdown kam es am 8. Mai 1965 im Weserstadion, am vorletzten Spieltag. Der Gegner hieß Borussia Dortmund, der sich selbst eine kleine Titelchance ausrechnete. Doch in einer begeisternden Partie schossen die Werderaner die Borussen durch Tore von Klaus Matischak, Theo Klöckner und Gerhard Zebrowski aus dem Stadion. Und dann? Nach dem Schlusspfiff passierte nichts. Kaum ein Zuschauer jubelte, keiner verließ seinen Platz. Warum? Die Zeiten von elektronischen Anzeigetafeln oder Mobiltelefonen lagen noch in weiter Ferne. Stadionsprecher Richard Oßenkop musste erst telefonieren, ehe er rund vier Minuten nach dem Abpfiff cool verkündete: „Köln gegen Nürnberg 0:0.“ Mehr nicht. Es reichte. Gewaltiger Jubel brach los. Alle wussten: Die Bremer waren von den zweitplatzierten Kölnern nicht mehr einzuholen, aus einem heute nicht mehr gültigen Grund. Denn damals entschied bei Punktgleichheit nicht die Tordifferenz, sondern der Quotient aus geschossenen und kassierten Toren. In diesem Punkt lagen die Bremer dank ihrer wenigen Gegentore weit vorn. Köln hätte – eine Bremer Niederlage am Schlusstag in Nürnberg vorausgesetzt – am letzten Spieltag auswärts 15:0 gewinnen müssen.

Die Spieler auf dem Platz hatten ebenfalls auf das Ergebnis gewartet, begriffen sofort und fielen sich in die Arme. Walter Schumann, Fotograf des WESER-KURIER, bewies den richtigen Riecher. Der Profifotograf hatte das Bild der jubelnden Spieler auf Film gebannt. Es war der ertragreichste Schnappschuss seiner beruflichen Laufbahn. „Noch Jahrzehnte später“, sagte er, „kamen Anfragen, wenn etwa Chroniken geschrieben werden sollten.“

Das Finale, das Werder 3:2 in Nürnberg gewann, war praktisch bedeutungslos, aber erzählenswert. Denn die zwei Tage bis zur Rückkehr nach Bremen waren so anders als das, was heute nach einer deutschen Fußballmeisterschaft über die Bühne geht. Es begann mit einer eher spartanisch anmutenden Ehrung. Keine stundenlange Liveübertragung, keine Abertausende Fans, die Werder nach Nürnberg begleiteten. Stattdessen war eine Bremer Delegation mit Sportsenatorin Annemarie Mevissen (SPD) an der Spitze mit Blumen und einer Kiste Ratskellerwein angereist, der Deutsche Fußball-­Bund gratulierte. Das war es schon. Die Mannschaft hingegen ging nicht zur Tagesordnung über. Genauer: zweieinhalb Tage lang nicht. Am Abend nach dem letzten Spiel floss der Alkohol reichlich, längst nicht jeder wurde bis zum nächsten Tag wieder nüchtern. Helmut Schimeczek etwa.

Ein unglücklicher Zufall fügte es, dass der neue Meister für den darauffolgenden Sonntag vorab ein Freundschaftsspiel im bayrischen Lichtenfels abgemacht hatte, der Heimat das langjährigen Werder-Sponsors Karl Fleschutz. Das Ergebnis dieses Kicks ist nicht mehr bekannt, hingegen die Tatsache, dass es Schimeczek beim Auflaufen so richtig schlecht wurde. Er musste zurück und sich übergeben. Auch den anderen Mitspielern ging es kaum besser. Vorher hatte es auf dem Marktplatz von Lichtenfels noch eine denkwürdige Zeremonie gegeben: Ein ortsansässiger Barbier schnitt Klaus Matischak und Max Lorenz das Haupthaar radikal ab – sie hatten es im Fall der Meisterschaft zugesagt.

Heimfahrt mit Hindernissen

Der folgende Montag verlief ebenfalls nicht reibungslos. Werder reiste mit dem Zug Richtung Heimat. Je näher der Tross Bremen kam, desto länger dauerten die Aufenthalte. Auf den Bahnhöfen hatten sich Fans versammelt, sie wollten die neuen Fußballmeister feiern. Als der Zug mit etlichen Minuten Verspätung in Bremen einlief, regnete es in Strömen. Und der Lokführer verpasste – offenbar ebenfalls nervlich angeschlagen – den normalen Haltepunkt deutlich. So musste das offizielle Bremen, durchweg edel gewandet, im strömenden Regen rund 100 Meter aus der Bahnhofshalle hinauslaufen, um den Meister zu feiern. Auf Pferdewagen der Brauerei Beck & Co. ging es anschließend zum Marktplatz. Der Empfang – es regnete, es war wieder ein Arbeitstag – war überschaubar, nur einmal brandete Begeisterung auf: Als Lorenz und Matischak die Hüte lüfteten und ihre kahlen Köpfe präsentierten.

Mit Werder, darüber waren sich inzwischen alle einig, hatte die beste deutsche Mannschaft gewonnen. Bundestrainer Helmut Schön sagte es am deutlichsten: „Werder hat sich den Titel nicht erschlichen, die Mannschaft hat ihn sich erspielt und ihn hoch verdient.“ Im Team gab es praktisch keinen Schwachpunkt, alles fügte sich von Spiel zu Spiel besser zusammen. Der unspektakuläre, aber souveräne Torwart Günter Bernard, das Abwehrdreieck mit Sepp Piontek, Heinz Steinmann und Horst-Dieter Höttges, der Libero Helmut Jagielski und zeitweise auch die Außenläufer Diethelm Ferner und Max Lorenz kümmerten sich vorwiegend um die Defensive. Kapitän „Pico“ Schütz sowie die Stürmer Gerhard Zebrowski und Klaus Matischak waren für die Tore zuständig. Hans Schulz oder Theo Klöckner ordneten sich auf der linken Seite jeweils den taktischen Zwängen unter – Klöckner offensiv, Schulz eher defensiv.

Diese Mannschaft hatte zudem das Glück des Tüchtigen. Es gab nahezu keine langwierigen Verletzungen. Das war in jenen Urzeiten der Bundesliga noch wichtiger als heutzutage, schließlich war das Auswechseln nicht erlaubt. Wer auflief, musste durchspielen. Eine Reservebank gab es nicht. So saß Schulz beim Finale in Nürnberg auf der Tribüne. Den jungen Spieler, der gleichzeitig der dienstälteste Werderaner war, weil er bereits seit der Knabenmannschaft für seinen Verein spielte, zwangen Knieprobleme zu einer monatelangen Pause. Nichtsdestotrotz bestritt er 19 der 30 Saisonspiele. Allerdings nicht das letzte, und das ärgert ihn bis heute. Denn erst beim Saisonausklang in Nürnberg entstand das offizielle Mannschaftsfoto – ohne Hans Schulz. „Und deswegen“, sagt er, „muss ich immer mal wieder die Leute überzeugen, dass ich auch Meister geworden bin.“ Dies wird ihm hiermit höchst offiziell bestätigt.

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