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Rasenreport
06.03.2019
Ein Plädoyer für offensive Risikobereitschaft

Mehr Mut wagen!

© nordphoto


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Florian Kohfeldt spricht oft von Mut und Überzeugung. Erst mit diesen weichen Faktoren nehmen seine Ideen in der Umsetzung Form an, wird aus einem Angriff eine Bedrohung für den Gegner und aus einer Abwehraktion ein entschlossenes Einschreiten. Nun ist es aber so, dass Werder Bremen in den letzten Spielen nur noch bedingt mutig und von sich selbst überzeugt zeigte und stattdessen in eine brenzlige Phase gerutscht ist, in der sich mit der Partie am Freitag gegen den FC Schalke ein Kreis schließt.

Im letzten Herbst war das erste Spiel gegen Schalke so etwas wie der Höhepunkt einer phasenweise fulminanten Bremer Startphase, der 2:0-Sieg damals Ausdruck einer gewissen Reife und Abgebrühtheit und eine Bestätigung des durchaus forsch formulierten Ziels Europapokal. Seitdem sind 16 Spieltage vergangen, der zweite Vergleich gegen Schalke bildet also den Abschluss dieser imaginären Halbserie, die zuletzt und an den reinen Zahlen gemessen doch für ziemlich große Ernüchterung sorgte.

Auf 17 Punkte aus den ersten acht Saisonspielen folgten nach Schalke nur noch deren 16 und das bei der doppelten Zahl an Spielen. Aus Tabellenplatz drei wurde Platz zehn, aus vier Punkten Vorsprung sechs Punkte Rückstand auf Platz sechs. Der Punkteschnitt in dieser Phase der Saison gleicht dem eines Abstiegskandidaten, Vierzehnter wäre Werder in diesem zugegeben willkürlich gewählten Zeitraum.

Mut in den vielen kleinen Aktionen

Bei nur noch zehn Spielen und angesichts der stabil punktenden Konkurrenz muss sich etwas Grundlegendes ändern, wenn die Saison nicht schon in ein paar Wochen nur noch austrudeln soll. Werder muss seinen Mut wieder finden, insbesondere gegen die vielen Mannschaften aus dem oberen Tabellensegment; die Partie gegen Schalke wird die letzte gegen eine der schwächeren Mannschaften sein, danach bekommt es Werder fast nur noch mit Titel- oder Champions-League-Aspiranten zu tun.

Dabei geht es nicht darum, ab sofort wild nach vorne zu preschen oder an den Grundordnungen zu schrauben, nur um dann den sportlichen Heldentod zu sterben. Es muss darum gehen, jede einzelne Aktion im Spiel wieder mit Leben und Begeisterung zu füllen, kühn aufzutreten und vielleicht auch ein bisschen verwegen. Es geht um die vielen kleinen Aktionen in den Spielen, nicht nur um die wenigen entscheidenden.

Jede Szene ist wichtig

Schüsse auf das gegnerische Tor können natürlich den Unterschied ausmachen in einem Spiel und es ist keine Kunst, einen etwas riskanteren Torabschluss zu wählen. Manchmal muss man das auch, immerhin verteidigt nicht nur ein gegnerischer Spieler das eigene Tor, sondern in der Regel deutlich mehr als ein Dutzend und das auf engem Raum.

Auf Dauer wird das alleine aber nicht genügen. Nicht die spärlich gesäten Momente unterscheiden große Mannschaften von kleineren Mannschaften und sehr gute von nicht ganz so guten Teams. Sondern die unzähligen anderen Aktionen. Pässe, Verlagerungen, Flanken, sogar Dribblings. Hierbei entscheidet sich der Ausgang einer Partie und der einer Saison.

Die Passquote einer Mannschaft besitzt in einigen Spielen eine diskutable Aussagekraft, über eine Saison gesehen stehen in der Regel aber immer die Mannschaften ganz oben, die in ihrer Entscheidungsfindung und der Ausführung der Zuspiele weit vorne liegen. Vor jedem Pass ist dazu der erste Kontakt entscheidend: Entweder in der Ballan- und -mitnahme oder aber im direkten Zuspiel zum Mitspieler.

Es gibt keine Parameter, die diese Qualitäten eines Spieler messen, selbst der sich ankündigende Vormarsch der Tracking- und Positionsdaten wird hierfür keinen komplett aussagefähigen Konsens bringen. Eine bessere Ballkontrolle, weniger Kontakte, ein zielgerichteteres Dribbling: Das sind die Dinge, die in der Addition ihrer Ereignisse und mit dem Faktor zehn - für zehn Feldspieler einer Mannschaft - multipliziert den Unterschied machen.

Mit Mut und einem gewissen Risiko

Aber dafür bedarf es neben der technisch-taktischen Fähigkeiten jedes Spielers auch eine gehörige Portion Mut. Den Mut, einen Ball nicht in den gegnerfernen Fuß zu spielen oder bei der Annahme vom Gegner weg nach hinten mitzunehmen. Sondern vielleicht auch mal provokant auf einen gerne vordeckenden Verteidiger reagieren und dem eigenen Mitspieler trotzdem in den Fuß anspielen. Dann ein guter, nach vorne gerichteter erster Kontakt, eine schnelle Drehung und eng vorbei am Gegenspieler.

Immer häufiger mischten sich unter die Analysen der letzten Spiele die Klagen der Spieler selbst, sich nicht sauber aufzudrehen zum Tor, den Ball vielleicht zu weit seitlich oder nach hinten mitgenommen zu haben, das nötige Risiko zu scheuen. Das führte dann auch dazu, dass das gegnerische Tor in den letzten Spielen gegen Hertha, Stuttgart und Wolfsburg schlicht zu wenig bedroht wurde.

Diese vergleichsweise große Harmlosigkeit hatte auch damit zu tun, dass der jeweils erste Impuls nicht nach vorne und in die Tiefe ging, sondern im Zweifel auf Ballsicherung ausgerichtet war. Und damit automatisch zur Tempoverschleppung führte. Verlorene Zeit, die der Gegner dazu nutzte, sich wieder zu ordnen und die Tür zuzuhauen. Augsburg dagegen erwischte Werder mit zwei Treffern nach Kontern. Mit einem ersten Ball in die Tiefe, der das Signal zum forschen Nachrücken gab. Und natürlich einem dafür wie gemalten Spielverlauf gegen einen Gegner, der mitspielen wollte.

Werder hat es zuletzt versäumt, den gegnerischen Abwehrmechanismen förmlich die Stirn zu bieten. Die Mannschaft spielte oft nur um das gegnerische Pressing herum, weil im eigenen Ballbesitz ja wenig passieren kann. Aber sie spielte zu selten hinein, dorthin, wo natürlich mehr Verkehr und die Gefahr eines Ballverlustes größer ist - mit der entsprechenden aufgelösten Spielsituation aber auch mehr Gegner aus dem Spiel genommen werden könnten.

Auch im Spiel gegen den Ball ist diese Entschlossenheit gefragt. Mit Zucken, Zögern oder Zaudern lässt sich kein Gegenpressing angehen und kein Durchschieben, von der nötigen Absicherung dieser Momente ganz zu schweigen. Die Mannschaft hat bis auf das (möglicherweise) nicht realisierbare Ziel vom internationalen Wettbewerb nichts zu verlieren und kann aus ihrer Verfolgerposition heraus eigentlich nur noch gewinnen. Aber dafür braucht es Mut und Überzeugung. In den Köpfen und auf dem Platz.

susanneundjens am 06.03.2019, 18:50
Lieber Herr Rommel, ja, ja und nochmals ja zu dem was Sie geschrieben haben.
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WERDER2016 am 06.03.2019, 20:51
Ich sehe es genauso und habe dies nach den letzten Spielen auch so zum Ausdruck gebracht. Das derzeitige Auftreten erinnert an die Nourizeit zu Beginn der letzten Saison. Fast jeder Satz des Berichtes belegt diese These. Wie sagte Max Kruse nach dem Beginn von Kohfeldt: wir durften endlich wieder Fußball spielen. Es wird höchste Zeit für einen Turnaround, denn zu verlieren hat Werder in der Tat nichts mehr. Defensiv eingestellte Mannschaften kann man mit genau jenen Mitteln knacken, die oben zu lesen sind und die der Mannschaft abhanden gekommen sind.
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Schimmelreiter am 06.03.2019, 21:53
BRAVO, Stefan Rommel!!!
1000% richtig was Sie schreiben. 👍👏
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h2oratte am 07.03.2019, 04:37
rommel hat ahnung.
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kaptainmorgan am 07.03.2019, 07:50
Rommel hat richtig Ahnung!
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Altobelli am 07.03.2019, 07:22
Lieber Herr Rommel,

ja, es ist richtig das Werder hier und da "mehr Mut wagen" sollte. Allerdings besteht genau darin die Gefahr, die unser sehr guter Trainer FK erkannt hat und abstellen will. Weg vom Hurra-Fußball und hier und da eben auch mal versuchen defensiv stabil zu stehen. Auch dem Gegner mal mehr den Ball überlassen und dann kontern. Diese taktische Finesse hatte zum Beispiel gegen den FC Augsburg daheim sehr gut geklappt. Allerdings war in diesem Spiel Milot Rashica auch sehr gut aufgelegt und wurde von Max Kruse mehrfach exzellent in Szene gesetzt.
Der VfL Wolfsburg hat qualitativ jedoch einen viel stärkeren Kader als Augsburg und das konnte man am Sonntag auch sehr gut sehen. Die Truppe ist sehr selbstbewusst aufgetreten und wollte ihrerseits zeigen, wer Herr im Hause ist. Da die Wölfe aktuell auch einen Lauf haben, war es sicherlich klar, dass die Partie dort nicht einfach wird.

Persönlich bin ich der Meinung, dass Werder es in dieser Saison schon sehr gut gelingt, eine gesunde Balance zwischen Offensive und Defensive hinzubekommen.
Aber....jeder Gegner ist anders. Jeder Gegner hat auch seinen eigenen Plan gegen Werder.

Gegen Schalke muss man nun natürlich Mut haben und auf drei Punkte gehen. Allerdings nicht mit Hurra-Fussball ab der ersten Minute. Spielerisch sehe ich Werder weitaus stärker als Königsblau. Schauen wir mal wieviel Mut wir morgen Abend zu sehen bekommen!
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kaptainmorgan am 07.03.2019, 07:48
Man ein Fußballspiel nicht bis ins kleinste Detail taktisch durchplanen. Es ist auch eine Frage der Emotionen und des Willens, des Kämpfens. Deswegen kann ich überhaupt nicht verstehen, warum Kevin Möhwald so wenig Spielzeit bekommt. Seine Kritiken waren bei jedem Einsatz gut, und er ist ein Typ der auch notfalls durch die Wand geht. In den letzten zehn Minuten kann das kaum klappen...also Mut, Herr Kohfeldt
und Kevin Möhwald in die Startelf.
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alanya_fuchs am 07.03.2019, 15:30
Franz Beckenbauer als Teamchef bei der WM 1990: „Geht's raus und spielt's Fußball.“
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wolfgramm am 08.03.2019, 12:30
@alanya_fuchs-Genau!!!
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