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Rasenreport
05.01.2019
Micoud in Oldenburg gefeiert

Liebe für den Ball und die Fans

© nordphoto


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Ab und zu waren sie zu sehen - diese kleinen, genialen Momente, die einst das ganze Weserstadion zum Raunen brachten. Eine einfache Ballannahme derart elegant aussehen lassen, das können eben nur ganz wenige Spieler. Gerade noch flog der Ball unkontrolliert durch die Luft, jetzt zieht ihn der Fuß an wie ein Magnet das Eisen. Johan Micoud kann das immer noch, das war beim Turnier für Traditionsmannschaften in Oldenburg zu sehen. Wenn Micoud den Ball am Fuß hatte, dann streichelte er ihn. Wie ein Pianist seinen Konzertflügel behandelte er das Spielgerät – liebevoll, fast zärtlich.

Werders Double-Held von 2004 ist inzwischen 45 Jahre alt. Dass er die französische Lebensart, das „Savoir vivre“, keinesfalls verschmäht, kann der Besitzer eines Weingutes bei Bordeaux nicht leugnen. Als Micoud am Freitagabend erstmals seit seinem Oldenburg-Gastspiel im Jahr 2017 wieder das grün-weiße Trikot trug, spannte dieses doch ein wenig. Mit aufrechtem Gang und wissendem Blick schritt er über den Kunstrasen wie ein General über das Schlachtfeld. Also alles wie früher? Nicht ganz. Selbst ein Micoud musste damals schon mal einen Sprint anziehen, am Freitag ließ er das ganz bleiben.

„Micoud muss in der Halle mehr laufen“, sagte Ailton später und ruderte im nächsten Satz sofort zurück: „Nein, Micoud ist Micoud. Er ist eine Legende.“ Die Zuschauer sahen das genauso. Beim Auftritt von Werders Traditionsmannschaft in der ausverkauften EWE-Arena waren es Micoud, Ailton und Tim Wiese, die um den inoffiziellen Titel des Fanlieblings buhlten. Immer wieder stimmten die 5600 Zuschauer den Beatles-Klassiker „Hey Jude“ in der Micoud-Version an. „Es ist ein großartiges Gefühl, wenn sie dieses Lied singen“, schwärmte Micoud. „Zwischen den Fans und mir ist es eine besondere Beziehung. Ich liebe sie und sie lieben mich.“

Finale verpasst

Dass Micoud, der Anführer der Double-Mannschaft, in Oldenburg sportlich eher eine Nebenrolle spielte und das Finale nach einem Schlag auf die Wade verpasste, störte die Fans überhaupt nicht. Sie wollten den Mann feiern, der zum Symbol für die glorreiche Werder-Vergangenheit geworden ist. „Ich spiele nur noch ab und zu Fußball auf dem Kleinfeld“, sagte Micoud und fügte grinsend hinzu: „Das sieht man, oder?“

In der Tat brauchten Micoud, Paul Stalteri, Ivan Klasnic, Petri Pasanen und Co. ein wenig Anlaufzeit, bis sie harmonierten. Auf eine 2:4-Auftaktniederlage gegen Hannover 96 folgte ein 5:3-Sieg über Schalke 04. Nach einem 3:2 im Halbfinale gegen den VfB Oldenburg mussten sich die Bremer im Endspiel Benfica Lissabon mit 4:6 geschlagen geben. „Benfica hat den Sieg verdient“, zeigte sich Ailton als fairer Verlierer.

Wiese fliegt durch die Luft

Mit fünf Turniertreffern war der Brasilianer mal wieder Werders bester Torschütze. Die kindliche Freude, mit der Ailton seine Tore bejubelte, ließ dabei die Herzen der Fans höher schlagen. „Toni freut sich hier mehr über seine Tore als über seinen Treffer 2004 gegen die Bayern“, staunte Sturmpartner Klasnic. Bei allem sportlichen Ehrgeiz der Spieler sind solche Hallenturniere vor allem Showveranstaltungen. Auf der Tribüne intonierte eine Blaskapelle die neuesten Ballermann-Hits, und die Zuschauer wollten unterhalten werden. Spieler wie Ailton oder Tim Wiese waren also in ihrem Element. Gleich im ersten Gruppenspiel flog Wiese mit beiden Beinen voraus durch den Strafraum, als hätte er irgendwo Ivica Olic erspäht. Die Gegenspieler protestierten, die Mitspieler grinsten, und die Menge johlte. Im Halbfinale gegen Oldenburg ließ sich der muskelbepackte Torhüter von den Sprechchören der Fans sogar dazu verleiten, einen Neunmeter zu schießen. Er scheiterte jedoch.

Auch wenn nicht alles klappte, vieles deutlich langsamer passierte als früher und die Titelverteidigung misslang – die Werder-Oldies schafften es doch einmal mehr, den Fans einen schönen, launigen Abend zu bereiten. In den vergangenen Jahren waren die Oldenburger Hallenturniere für die Bremer Anhänger stets eine kleine Insel der Glückseligkeit im großen, schwarzen Ozean der Abstiegsangst gewesen. Werder stand zur Winterpause in der Regel richtig schlecht da. Da kam die kurzzeitige Flucht in die Vergangenheit vielen nur allzu gelegen.

Stalteri lobt Sargent

In diesem Jahr sieht die Realität nicht ganz so düster aus. Werder ist Tabellenzehnter und peilt einen internationalen Startplatz an. Die positive Entwicklung der Mannschaft freut auch die Klublegenden. „Es war eine gute Hinrunde, wenn man die letzten Spieltage ausnimmt“, sagte Paul Stalteri. Der Double-Sieger von 2004 schaut in Kanada fast alle Werder-Spiele im TV und findet: „Die Mannschaft ist auf einem guten Weg und spielt attraktiven Offensivfußball.“ Zudem ist Stalteri überzeugt davon, dass Werder noch viel Freude an Sturmtalent Josh Sargent haben wird. Als er die kanadische U17-Auswahl trainierte, traf Stalteri bei einem Qualifikationsturnier in Panama auf die USA mit Sargent. „Er war damals der Topstürmer des Turniers und hat eine große Zukunft in Deutschland vor sich“, sagte der Ex-Bremer.

Anders als sein Freund Stalteri verfolgt Micoud in Frankreich längst nicht jede Werder-Partie. Er ist gut beschäftigt, tritt nicht nur als TV-Experte auf und kümmert sich um sein Weingut, sondern arbeitet auch noch für die AS Cannes. Die Frage nach seiner Position im Klub beantwortete er mit einem Lächeln und den Worten: „Was ich bin? Der Präsident natürlich.“ Er arbeite aber eher wie ein Manager im sportlichen Bereich, fügte Micoud ernst hinzu. Der Ex-Nationalspieler möchte die AS Cannes, die in die fünfte Liga abgestürzt ist, wieder nach oben führen. „Wir wollen mindestens in die zweite Liga“, betonte er.

Ganz aus den Augen verloren hat Micoud Werder trotz dieser Aufgabe nicht. Wie die Bremer derzeit auftreten, sagt dem Fußball-Ästheten zu. „Die Mannschaft spielt offensiv und spielt guten Fußball. Das gefällt mir natürlich.“ Es könnten also wieder bessere Zeiten einkehren an der Weser, ganz besonders für die Fans würde sich Paul Stalteri das wünschen. „Ich hoffe, dass die Mannschaft jetzt eine neue Erfolgsgeschichte schreiben kann“, unterstrich er. „Die Fans hätten das verdient, weil sie immer hinter der Mannschaft stehen.“

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