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Rasenreport
31.01.2019
Nach Verweis auf die Tribüne

Kohfeldts Plädoyer für Emotionen

© nordphoto


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Florian Kohfeldts letzte Aktion in der Coaching-Zone konnte sich sehen lassen. Schimpfend verlor er seinen Kaugummi, während er in Richtung Tribüne abdrehte – und fing ihn mit einem starken Reflex direkt aus der Luft. Was Werders Trainer beim 2:2 gegen Eintracht Frankfurt veranstaltete, ist in den Tagen danach breit diskutiert worden, die Kaugummi-Rettung stieß immerhin bei Twitter auf positive Resonanz. Ansonsten ging es vor allem um diese Fragen: Schadet Kohfeldt mit seinen Emotionen an der Seitenlinie mitunter seiner Mannschaft? War sein Verhalten im Interview mit ZDF-Reporter Thomas Skulski („Das ist doch nicht Ihr Ernst!“) respektlos? Oder lebt das Werder der Gegenwart nicht gerade von den Emotionen des Trainers?

„Meine Handlungsweise steht immer nur unter einem Motto: Helfe ich der Mannschaft oder helfe ich der Mannschaft nicht?“, erklärte Kohfeldt am Donnerstag auf der Pressekonferenz, als seine Tribünen-Premiere vom Wochenende noch einmal thematisiert wurde. Der DFB hat, wie üblich nach solchen Vorkommnissen, Ermittlungen gegen den Trainer eingeleitet. Es dürfte auf eine Geldstrafe hinauslaufen. Ludwig Augustinsson brachte bereits die Spielersicht auf die Dinge ein und stellte sich vor seinen Trainer: „Er gibt uns viel Energie, ist sehr positiv. Er ist immer mittendrin. Ich mag das sehr, wenn Trainer so sind.“

Gegen Frankfurt wurde Kohfeldt schon früh im Spiel beim Vierten Offiziellen, Martin Thomsen, vorstellig. Makoto Hasebe hatte eine Flanke im Strafraum an den Arm bekommen. Geahndete und nicht geahndete Handspiele sollten zum Thema des weiteren Abends werden. Am meisten regte sich Kohfeldt auf, nachdem Luka Jovic in der Entstehung des 1:1 den Ball mit einem Körperteil im Bereich der Schulter gespielt hatte, über dessen genaue Bezeichnung im Nachklang diskutiert wurde. Kohfeldt wollte die spitzfindige anatomische Frage, wo der Arm beginnt und wo er aufhört, mit einem Textilbeweis klären: „Wo ist der Ärmel?“, rief er im ZDF-Interview und verwies auf die farblich abgesetzten Trikots der Eintracht.

Kohfeldt beschäftigt sich lange mit dem Verweis

Dass es ihn letztendlich in der 95. Minute erstmals in seiner Laufbahn erwischte, kann Kohfeldt bis heute nicht nachvollziehen. „Vom Grundtenor bewerte ich das noch genauso. Ich will noch einmal betonen: Es ist kein beleidigendes Wort gefallen“, sagte er. Dem 36-Jährigen ist zweifellos abzunehmen, dass ihn die Sache, wie er versicherte, länger beschäftigt habe. „Wer mich kennt, der weiß, dass ich solche Dinge reflektiere“, sagte er.

Zuletzt fiel Kohfeldt vor Weihnachten auf, als er nach dem Abpfiff des Spiels in Dortmund wutentbrannt seinen Kaugummi auf den Rasen schleuderte und sein Gesichtsausdruck einem Jürgen Klopp „on fire“ in nichts nachstand. „Ich habe mir das im Nachhinein nicht noch einmal angeschaut. Ich habe mehrere Nachrichten deswegen bekommen und dann lieber darauf verzichtet“, sagte Kohfeldt. In Dortmund ging es um einen aus Kohfeldts Sicht verfrühten Abpfiff, der Vierte Offizielle habe ihm noch einen Angriff zugesagt, nachdem das vermeintliche 3:1 des BVB nach einem Eingriff des Video-Assistenten zurückgenommen worden war. „Sehr speziell“ sei die Situation, die ihn kurz hatte ausrasten lassen, laut Kohfeldt gewesen, letztlich ein Missverständnis.

Gegen Frankfurt ging es nun wieder nicht um eine spielentscheidende Szene, um keine Situation, in der die Ungerechtigkeit so himmelschreiend und offensichtlich ist, dass es nur menschlich ist, wenn der Puls an der 180 kratzt. Als Kohfeldt für die letzte Minute der Nachspielzeit auf die Tribüne musste, hatte Claudio Pizarro gerade einen Freistoß verursacht, Davy Klaassen Gelb wegen Meckerns gesehen, und Werder hatte kurz zuvor sogar Glück gehabt, nach einem Handspiel Niklas Moisanders (vermutlich leicht außerhalb des Strafraums) nicht den zweiten Elfmeter gegen sich zu erhalten.

Keine Äußerungen zu Schiedsrichterleistungen mehr

„In der Szene, als ich auf die Tribüne muss, versuche ich sogar, mich und das Schiedsrichterteam zu schützen, indem ich wegrenne, weil ich nicht genau wusste, wohin mit meinen Emotionen“, sagte er. Als Trainer fühle er sich in solchen Situationen manchmal hilflos. „Habe ich ein Wort gesagt?“, hörte man Kohfeldt in der Übertragung des Spiels sagen. „Unfassbar!“ Eine Konsequenz aus den Erfahrungen der vergangenen Tage kündigte Kohfeldt an: „Daraus lerne ich, dass ich künftig nach einem Spiel gar keine Fragen zur Schiedsrichterleistung mehr beantworten werde.“

Als er am vergangenen Sonnabend die Pressekonferenz hinter sich gebracht hatte und in die letzte Runde mit den Bremer Journalisten ging, hatte sich die Ich-verliere-beim-Schimpfen-meinen-Kaugummi-Wut gelegt. Dass es trotzdem noch in ihm rumorte, war Kohfeldt anzusehen. „Ich bin so angefasst, weil ich es als ungerecht empfinde“, sagte er mit Blick auf das 2:2. Bundesliga-Trainer haben einen ständigen Spagat zu bewältigen, bei dessen Bewertung es tatsächlich nicht immer fair zugeht: Stehen sie regungslos am Spielfeldrand, wird ihnen oftmals Emotionslosigkeit vorgeworfen. Sind sie mit Feuereifer bei der Sache, wird es ihnen oftmals negativ ausgelegt, wenn sie dieses Feuer an der Seitenlinie ausstrahlen. „Emotionen gehören dazu. Deshalb kommen wir alle ins Stadion. Die Grenze ist, jemanden zu beleidigen. Das habe ich noch nie getan“, beteuerte Kohfeldt.

Der DFB hat die erforderliche Stellungnahme nach dem Verweis auf die Tribüne erhalten. Nun harrt Werders Trainer der Dinge. „Ich bin da unbedarft, weil ich noch nie in der Situation war“, sagte Kohfeldt, ging aber nicht darauf ein, ob er mit einer Strafe rechnet und wenn ja, mit welcher. Nach 15 Monaten als Bundesliga-Trainer wird er mitunter immer noch mit Facetten des Profigeschäfts konfrontiert, die ihn zu desillusionieren scheinen. „In den meisten Fällen bin ich ruhig, sachlich und hoffentlich analytisch“, sagte Kohfeldt und schaute schmunzelnd nach rechts zu seinem Spieler Kevin Möhwald: „Wenn du jetzt lachst, gibt es Ärger.“ Dass Möhwald trotzdem lachen musste, dürfte ihm sein Trainer nicht übel genommen haben.

Einen Kommentar zu Kohfeldts Ausbrüchen an der Seitenlinie gibt es hier.

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