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26.04.2019
Funkel im Mein-Werder-Interview

„Kohfeldt hat mich früh beeindruckt“

© nordphoto


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Herr Funkel, zu Beginn der 90er haben Sie erstmals in der Bundesliga trainiert, damals bei Bayer Uerdingen. Haben Sie eine Idee, was Florian Kohfeldt zu jener Zeit machte

Friedhelm Funkel: Oh, das ist ja wirklich schon lange her. Fast 30 Jahre. Wenn ich grob rechne, müsste er noch Schüler gewesen sein. Stimmt das?

Korrekt. Kohfeldt war damals neun Jahre und Torhüter in der Jugend des TV Jahn Delmenhorst. In der Hinrunde haben Sie gesagt, dass Sie ihn noch nicht richtig kennen. Wie nehmen Sie Werders Trainer heute wahr?

Florian macht auf mich einen sehr, sehr guten Eindruck. Er drückt sich gut aus, beantwortet die Fragen der Reporter immer gewissenhaft und fachlich. Er kommt freundlich rüber und findet fast immer die richtigen Worte. Als Trainer hat er eine klare Vorstellung, wie er spielen lassen will und wechselt sehr variabel die Systeme. Das Positivste: Er ist mit beiden Beinen auf dem Boden geblieben. Es gibt junge Trainer, wenn die in der Bundesliga anfangen – dann verlieren die schon mal die Bodenhaftung. Die Gefahr sehe ich bei Florian gar nicht.

Sie haben in Ihrer Karriere viele Trainerkollegen kommen und gehen sehen. Erkennen Sie schnell, ob ein junger Kollege etwas kann?

Inzwischen bin ich schon in der Lage, das zu erkennen – und habe mit meiner Einschätzung oft richtig gelegen. Bei manchen jungen Kollegen habe ich manchmal schon das Gefühl: Jetzt nimmt er sich zu wichtig. Gerade im Erfolgsfall passiert das schnell. Und dann verlieren sie den Faden. Bei Florian Kohfeldt besteht diese Gefahr nicht. Er wirkt sehr gefestigt und ist keiner, der maßlos übertreibt. Er weiß, was er zu tun hat – und kommt sehr authentisch rüber.

Nach Jahren des Abstiegskampfes gab Werder das Saisonziel Europacup aus. Haben Sie da gestutzt?

Nicht unbedingt, weil ich die Qualität des Teams ganz gut einschätzen konnte und von Florian schon früh eine hohe Meinung hatte. Wissen Sie, warum? Er hat das Team damals im Tabellenkeller übernommen und gesagt: Er möchte mit gutem, offensiven Fußball die Klasse halten. Das passte zwar zu diesem Team – aber er hat das als junger Trainer in dieser schwierigen Situation auch gut umgesetzt. Damit hat er mich früh beeindruckt. Man darf aber auch Frank Baumann nicht vergessen. Er bringt die Bundesliga-Erfahrung mit ein, ist auch bodenständig und fachlich top. Das spürst du auch hier weit entfernt in Düsseldorf: Dass da in Bremen zwei Männer am Werk sind, die ihr Handwerk verstehen. Und das wird sich weiter bemerkbar machen. Jetzt konnten sie die beiden Eggestein-Brüder zum Bleiben bewegen, vielleicht folgt noch Max Kruse. Dann hat Werder auch für die nächsten Jahre ein Team, das in einer sehr guten Saison die Europacupränge erreichen kann.

Viele hätten nicht geglaubt, dass Sie in diesem Saisonfinale noch Trainer in Düsseldorf sind und mit der Fortuna so souverän drinbleiben. Erst der Aufstieg, jetzt der Klassenerhalt – und das quasi bei Ihnen vor der Haustür. Ist das gerade eine sehr spezielle Trainerstation für Sie?

Ja, das kann ich nicht leugnen. Ich komme ja aus Neuss, da musste man immer nur über die Rheinbrücke, um nach Düsseldorf und zur Fortuna zu kommen. Es ist etwas ganz Besonderes, dass ich am Ende meiner Trainer-Karriere erleben darf, was für ein fantastischer Verein mit ganz tollen Fans das ist. Hier mit meinem Trainerteam und der Mannschaft so früh den Klassenerhalt zu meistern, nach 28 Spieltagen, das ist schon ein Geschenk für mich. Und das über weite Strecken mit gutem Fußball – das war für viele schon überraschend und macht mich stolz.

Gerade werden quer durch die Liga wieder die Trainer gefeuert. Haben Sie noch den kompletten Überblick, welcher Klub für wann einen Coach sucht?

Nein. Es zeigt, dass einige Vereine keine Geduld mehr haben. Das ist eine bedenkliche Entwicklung. Nehmen wir das Beispiel Stuttgart: Vergangene Saison holt der VfB in höchster Not Tayfun Korkut. Der hält nicht nur die Klasse, sondern schafft fast noch einen Europapokalplatz. In der neuen Saison wird er schon im Oktober beurlaubt. Das ist für mich nicht nachvollziehbar. Die Bundesliga ist für Trainer teilweise abenteuerlich geworden, das muss man leider so sagen.

Immerhin: Häufiger erwischt es jetzt auch die Manager und Vorstände. Ein Trend, den Sie als Trainer begrüßen?

In der Regel arbeiten Trainer und Manager zusammen. Dann wäre es meiner Meinung nach auch logisch, wenn bei Misserfolg beide Seiten zur Verantwortung gezogen würden. Mittlerweile gibt es in vielen Klubs auch noch die Kaderplaner. Die können sich auch nicht immer aus der Verantwortung rausreden.

Wie meinen Sie das?

Die Kaderplaner werden mir zu wenig in die Verantwortung genommen. Mittlerweile entscheiden die Planer bei manchen Klubs, welche Spieler kommen. Manchmal sogar ohne die Zustimmung der Trainer. So etwas kann ich gar nicht nachvollziehen. Es muss doch einen Austausch geben zwischen Kaderplaner und Trainer. Nur Pep Guardiola konnte damals sagen: Thiago oder nix. Klar, als Trainer musst du dich auch mal überzeugen lassen, aber ein Spieler sollte nie gegen den Willen eines Trainers verpflichtet werden. Bei mir ist das noch nie vorgekommen. Manchmal musste ich mich überzeugen lassen, manchmal musste ich auch jemanden überzeugen. Sehen Sie: Überall, wo so gearbeitet wird, stellt sich auch Erfolg ein. In Bremen. In Mainz. In Freiburg. Wenn man gut zusammenarbeitet, hat man auch gegen die Großen eine Chance. Aber hinterher darf nie einer sagen: Ich habe es ja vorher gewusst.

Düsseldorf liegt Ihnen zu Füßen. Sind Sie jetzt der mächtigste Mann im Verein?

Um Himmels Willen, nein. Ich bin nicht mächtig. Das Wort Macht spielt in meiner Karriere und in meinem Leben keine Rolle. Und so soll es auch bleiben. Ich war immer ein Teamplayer und bin davon überzeugt, dass es so auch sein muss. Ich freue mich über die Rückendeckung der Fans. Unser neuer Sportvorstand Lutz Pfannenstiel ist jetzt erst drei Monate hier, und wir haben das gut hinbekommen. Wir besprechen und planen alles zusammen, auch mit unserem Kaderplaner Uwe Klein.

Sie wirken ruhig und souverän. Wäre ein Friedhelm Funkel in Kohfeldts Alter auch so cool?

Nein, bestimmt nicht. Das macht die Lebens- und Berufserfahrung. Etwas Positives muss das Älterwerden ja haben. Klar tut einem hier und da mal was weh, dafür ist man aber in manchen Situationen nicht mehr ganz so aufbrausend wie früher. Ich weiß: Das hier ist meine letzte Trainerstation. Danach kann ich hoffentlich noch lange mein Leben genießen, man weiß ja nie, wie lange man gesund bleibt.

Dürfen wir Sie einen Fußball-Romantiker nennen?

Ja, das trifft es schon ganz gut. Warum?

Dann freuen Sie sich bestimmt, dass Claudio Pizarro auch mit 40 Jahren noch durch die Bundesliga stürmt!

Und wie! Das ist Wahnsinn, da geht einem wirklich das Herz auf. Er ist ja nicht nur ein toller Fußballer, sondern er ist auch ein toller Mensch geworden. Früher war ja er eher ein wilder Bursche. Aber auch das ist eine Entwicklung mit dem Alter. Er ist keine 20 mehr, auch keine 30. Und trotzdem weiß man genau, wenn er eingewechselt wird: Jetzt passiert noch was! Es ist einfach fantastisch, wie Claudio die Leute mitreißt. Auch bei ihm merkt man diese Lockerheit nach der langen Karriere. Was soll ihm denn noch passieren? Gar nichts. Er hat eine so großartige Laufbahn hinter sich. Er beflügelt trotzdem immer noch das ganze Team und auch seinen Trainer. Ich hoffe übrigens, dass Claudio gegen uns in Düsseldorf eingewechselt wird. Denn das würde bedeuten, dass das Spiel noch auf der Kippe steht oder ganz eng ist. Und überhaupt: Claudio Pizarro bei uns auf dem Feld zu sehen, wäre einfach eine Augenweide.

JayJailrat am 26.04.2019, 18:17
Meiner Meinung nach hat Funkel nochmal ein "Update" aufgeladen bei sich. Vor Düsseldorf war er mir nicht so, wie jetzt zum Beispiel, in Erinnerung. Es gab viele "Mißverständnisse" und der Erfolg war auch nicht kontinuierlich da. Man darf aber auch nicht vergessen das Funkel sich niemals nur die Rosinen rausgepickt hat. Seine Stationen waren meist immer mit großen Herausforderungen verbunden. Hätte ihn liebend gerne mal bei einem Verein gesehen mit erheblich höheren Zielen. Eine art Leverkusen z.b. Leider, für mich selbstverständlich nur weil für ihn ist es absolut verständlich, wird die Fortuna seine letzte Station sein. Hoffentlich aber sehr lange. Streich hat es ja vor gemacht. Glaube das Friedhelm eine ähnliche "Figur" sein kann wie der Mann aus Freiburg. Er ist einfach authentisch und in seinem Alter jetzt auch ruhiger und selbstsicherer im Umgang mit den neuen Medien. Das Gefühl hatte ich zu beginn der Twitter/Facebook/Instagramm Zeit und dem daraus resultierenden Hype der "Internet-Redaktionen" nicht so gehabt. Wie gesagt. Sein Update ist erfolgreich aufgeladen worden. Schafft nicht jeder. Denke da an Magath. Liebe Grüße
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WERDER2016 am 26.04.2019, 21:29
Ist doch schön, wenn man am Ende einer Trainerkarriere nicht irgendwo als TV-Experte sein Dasein fristen muss und entspannt in den wohlverdienten Ruhestand wechseln kann. Das schaffen doch die wenigsten. Heynckes, Hitzfeld ... viele sind es nicht.

Ich wünsche Herrn Funkel, dass er das zweite Bundesligajahr mit der Fortuna ebenfalls übersteht und einen positiven Abschied feiern kann. Bei etwaiger Erfolglosigkeit werden aber auch in Düsseldorf die Gesetzmäßigkeiten des Trainerkarussels greifen.
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