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12.04.2019
Freiburg-Stürmer Höler im Interview

„Ich warte so lange auf dieses Spiel“

© dpa


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Herr Höler, wie grün-weiß war Ihr Kinderzimmer?

Lucas Höler: Sehr grün-weiß. Ich war von klein auf Werder-Fan, geprägt durch meinen Vater. Die ganze Familie hielt zu Werder. Ich war oft im Weserstadion und bin auch zu Auswärtsspielen mit meinem Vater mitgefahren, zum HSV zum Beispiel oder nach Dortmund.

Als Bremer Junge fiebert man mit den Werder-Stars. Wer waren Ihre Lieblingsspieler in der Schulzeit?

Das war die Zeit, als Werder Meister wurde mit Ailton und Micoud, das war schon sehr besonders. Mein absoluter Lieblingsspieler kam aber erst danach: Diego! Ein Riesenkicker, es hat großen Spaß gemacht, ihm zuzusehen.

Fast hätte es in der Jugend für Sie geklappt mit einem Vertrag bei Werder. Was ist damals im Probetraining der A-Junioren schief gelaufen?

Ich stand sogar schon als ganz kleines Kind bei Werder unter Beobachtung. In der F-Jugend wollte der Verein mich haben, aber weil meine Eltern beide berufstätig waren, ging das nicht. Sie konnten mich nicht so oft zum Training fahren. In der A-Jugend gab es dann den zweiten Versuch: Da haben sie bei Werder aber nach dem Probetraining gemeint, ich sei körperlich noch zu schwach. Deshalb bin ich für ein Jahr nach Oldenburg gewechselt. Danach wollte mich Werder für die U23 verpflichten, zum gleichen Zeitpunkt bekam ich aber ein Angebot von Mainz 05, das ich angenommen habe.

Sie galten in der A-Jugend als „der Messi des Blumenthaler SV“. Wie viele Tore muss man schießen, um so genannt zu werden?

Den Namen bekam ich in der Blumenthaler A-Jugend, da habe ich einen richtigen Mittelstürmer gespielt. Es waren 30 Tore, mit Abstand der beste Wert in der Liga. So wurde ja auch Werder wieder auf mich aufmerksam. Den Spitznamen gab mir mein Jugendtrainer Mohamed Chaaban, das war ein tolles Trainerteam mit ihm und Torsten Hennecke. Insgesamt habe ich sogar drei Jahre dort in der A-Jugend gespielt, erst zwei Saisons mit den älteren Jahrgängen von 1992 und 93, im dritten Jahr endlich mit den Gleichaltrigen aus meinem 94er-Jahrgang. Da habe ich schon gemerkt, dass ich weiter bin als die anderen Jungs in meinem Alter.

Damals träumten Sie davon, einmal im Weserstadion aufzulaufen. Heute nun ist es erstmals so weit, Sie kommen mit dem SC Freiburg. Ist es für Sie der Höhepunkt der Saison?

Auf jeden Fall! Darauf fiebere ich schon so lange hin. Als mein Wechsel zu Freiburg in der Winterpause 2017/18 feststand, habe ich sofort nachgeschaut, ob Freiburg in der Rückrunde noch in Bremen spielt. Es stand aber nur noch das Heimspiel in Freiburg an. In der jetzigen Saison war das Hinrunden-Duell auch wieder in Freiburg, nun geht es spät nach Bremen, erst am 29. Spieltag. Im Grunde warte ich jetzt seit eineinhalb Jahren auf dieses Spiel. Die übrigen Bundesligastadien kenne ich inzwischen fast alle, nun bin ich megagespannt darauf, wie es sein wird, im Weserstadion zu spielen. Ich kenne die besondere Atmosphäre ja aus meiner Kindheit, als Zuschauer. Da erfüllt sich für mich wirklich ein echter Traum.

Wo war früher Ihr Stammplatz als Zuschauer im Weserstadion?

Als kleiner Junge war ich mit meinem Vater auch mal auf den Sitzplätzen, später als Jugendlicher ging ich oft mit Freunden ins Stadion, da kauften wir uns die Tickets für die Ostkurve von unserem eigenen Geld, deshalb waren die Ostkurven-Karten die günstigsten und besten Tickets für mich.

Werder schwebt gerade auf einer Euphoriewelle. Wie nehmen Sie die Entwicklung des Vereins war?

Sie spielen eine sehr, sehr gute Saison. Sie haben es gut gemacht, sich hohe Ziele zu stecken. Das war genau der richtige Weg. Es gibt nicht viele Wechsel in der Startelf, sie haben sehr gute Einzelspieler und einen sehr sehr guten Trainer. Ich hoffe, dass sie ihr Ziel Europapokal erreichen. An diesem Wochenende wollen wir mit Freiburg die Punkte haben, aber danach soll Werder ruhig jedes Spiel gewinnen. Es ist schön, dass der Abstiegskampf in Bremen endlich vorbei ist und der Verein wieder da steht, wo er meiner Meinung nach hingehört.

Es ging in Ihrer Karriere immer weiter nach Süden. Von Bremen und Oldenburg über Mainz und Sandhausen nach Freiburg. Wo planen Sie nach der Karriere Ihren Lebensmittelpunkt – wieder im Norden?

Mit 24 Jahren kann man zwar noch nicht ganz so weit planen, aber ja: Ich hätte nichts dagegen wenn es irgendwann wieder in Richtung Heimat gehen würde. Ich bin nur zweimal im Jahr zu Hause. Natürlich kommt mich die Familie oft besuchen, aber das ist mir eigentlich zu wenig. Ich habe in Freiburg aber noch lange Vertrag und fühle mich hier sehr wohl. Vor allem das Wetter gefällt mir hier unten.

Ist das so viel besser?

Es ist schon immer ein paar Grad wärmer. Diese Woche schickte mir meine Mutter zum ersten Mal in der ganzen Zeit eine Nachricht, dass es oben im Norden wärmer ist als in Freiburg. Sonst konnte ich immer alle schön neidisch machen (lacht).

Sind Sie der Bundesliga-Profi, der sich in Bremen unbemerkt bewegen kann?

Ja, das ist so. Außer ein paar Freunden weiß in Bremen kaum jemand, dass ich in der Bundesliga für den SC Freiburg spiele. Wenn ich in Bremen durch die Stadt gehen, brauche ich keine Autogramme zu geben oder Fotos zu machen.

Sie mussten sich in die Bundesliga hocharbeiten. Über die 4. Liga in Oldenburg, die 3. Liga bei Mainz II, die 2. Liga in Sandhausen kamen Sie  in Freiburg in die 1. Liga. Sie müssen es also wissen: Wo ist es für einen Stürmer schwieriger, Tore zu schießen?

Ganz klar in der 1. Liga. Hier ist die Qualität der Gegenspieler einfach viel höher. In Mainz habe ich auch gut getroffen, immer zweistellig. In Sandhausen war die Quote okay. Diese Saison habe ich bisher vier Tore, es könnten ein paar mehr sein. Allerdings hat mich der Trainer in einigen Spielen auch auf der Außenbahn eingesetzt, wo die Aufgabe einfach andere sind. Mittlerweile spiele ich wieder als richtiger Stürmer. Ich bin zufrieden.

Auf diesem harten Weg in die Bundesliga hatten Sie kurioserweise einige Trainer, die später Coach in der Bundesliga wurden: Alexander Nouri in Oldenburg, Martin Schmidt und Sandro Schwarz in Mainz. Wie wichtig war das für Sie, um tatsächlich ein Bundesligastürmer zu werden?

Das war sicherlich sehr wichtig. Ich bin ja nicht der Profi, der in einem Nachwuchsleistungszentrum ausgebildet wurde. Ich war immer bei der Familie zu Hause, meinen Eltern waren die Schule und das Abitur wichtig. Fußball war lange mein Hobby, wenn auch auf hohem Niveau in der Regionalliga in Oldenburg. Aber ich wurde in jungen Jahren nie so trainiert wie andere Bundesligaprofis. Das mit dem professionellen Training kam erst in Mainz, dort hat mich Sandro Schwarz extrem gepusht. Von ihm habe ich sehr viel gelernt und so einiges aufgeholt von dem, was ich aus der Jugend zuvor gar nicht kannte.

Und jetzt haben Sie dem großen FC Bayern gleich zweimal das Spiel verdorben. Beide Duelle mit Freiburg in der Liga endeten diese Saison 1:1, sie schossen beide Tore für den Sport-Club. Ist das der beste Beleg, oben angekommen zu sein?

Das kann man so sehen, ich hatte aber schon vorher das Gefühl, jetzt ein richtiger Bundesligaspieler zu sein. Das war, als mich Christian Streich aus Sandhausen holte und in den ersten zehn Spielen immer aufstellte. Ich wurde ins kalte Wasser geworfen und musste schwimmen. Jetzt zwei Tore gegen Bayern geschossen zu haben, ist natürlich trotzdem traumhaft, das hätte ich ja selbst auch nie geglaubt.

Nach diesem langen Umweg in die Bundesliga – geht man da anders mit dem Ruhm um? Vielleicht demütiger?

Für mich hat sich nicht viel geändert, ich bin auf dem Boden geblieben. Ich weiß, woher ich komme und schmeiße jetzt nicht mit Geld um mich. Mir ist bewusst, dass man als Profi nur einen begrenzten Zeitraum etwas verdienen kann und lege Geld zu Seite. Mit meiner Freundin wohne ich in Freiburg in einer schönen Wohnung und gönne mir ein schönes Auto. Das war‘s. Ich drehe jetzt nicht durch, sondern bleibe entspannt.

Alles begann im Alter von vier Jahren, als Ihr Vater Ralf Sie beim FC Hansa Schwanewede anmeldete. Haben Sie daran noch Erinnerungen?

Ich bin meinem Vater sehr dankbar, dass er mich in so jungen Jahren zum Fußball geschickt hat. Ich habe mich immer aufs Training gefreut und war megasauer, wenn es vorbei war. Beim FC Hansa spielte ich zehn Jahre, dort ist mein Heimatdorf mit vielen Freunden. Alle sind sehr stolz, dass ich es von hier bis in die Bundesliga geschafft habe.

Vor dem Wechsel nach Freiburg haben Sie mal gesagt: Bei Werder zu landen und in der Nähe meiner Familie zu sein, wäre optimal. Wird das noch mal was mit Ihnen und Werder?

Man kann schwer sagen, was die Zukunft bringt. Natürlich ist es für einen wie mich immer ein Traum, irgendwann im Weserstadion auch mal mit den Fans im Rücken zu spielen. Aber ob das mal Realität wird, kann man nicht sagen.

Realität könnte aber werden, dass Sie gegen Werder ein Tor schießen. Was machen Sie dann?

Das könnte natürlich passieren - und dann würde ich mich auch darüber freuen. Ich habe ja nie für Werder gespielt, deshalb gäbe es keinen Grund, nicht zu jubeln. Das Wichtigste war für mich aber, den Trainer die ganze Woche davon zu überzeugen, dass ich unbedingt spielen will und er mich auch aufstellt. Wir wollen ein gutes Spiel machen und möglichst die drei Punkte haben. Wenn ich dabei auch noch treffe – gerne. Wir haben uns in der Tabelle eine gute Ausgangsposition erarbeitet und wollen den Klassenerhalt so schnell wie möglich sichern.

Ist es der beste Weg, die Werder-Verantwortlichen von seiner Klasse zu überzeugen – indem man gegen Bremen gut spielt und trifft?

Es ist immer die beste Variante,  selbst eine gute Leistung zu bringen. Aber es ist nicht mein oberstes Ziel, dass Werder auf mich aufmerksam wird. Ich habe noch einen langen Vertrag in Freiburg, außerdem ist der Fußball ein sehr schnelllebiges Geschäft. Es wäre ein Traum, das gebe ich gerne zu – aber ich bin auch nicht böse, wenn es mich woanders hin zieht oder ich lange in Freiburg bleibe. Ich fühle mich sehr wohl beim Sportclub. Nur eines weiß ich sicher: Dass ich jeden Moment dieses Spiels in Bremen genießen werde.

Das Gespräch führte Jean-Julien Beer.

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