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21.12.2018
Ex-Werderaner Möhlmann im Interview

„Ich muss das nicht mehr haben“

© DPA


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Herr Möhlmann, seit drei Jahrzehnten sind Sie fast ununterbrochen im Trainergeschäft. Kann dieser Job süchtig machen?

Benno Möhlmann: Schwere Frage. Ich glaube nicht, dass ich süchtig bin danach. Ich bin in den Beruf hineingewachsen. Ich hatte als Spieler nicht die Vorstellung, dass ich unbedingt Trainer werden muss. Ich wollte nur im Fußball bleiben, vielleicht auch als Manager.

Sie wurden Trainer. Hatten Sie die Vorstellung, dass 30 Trainer-Jahre vor Ihnen liegen?

Eher nicht. Selbst meine Laufbahn als Spieler ist nicht so gewesen, wie sie heute oft abläuft.

Wie meinen Sie das?

Kinder haben heute häufig schon mit zehn, zwölf Jahren das Ziel, Profi zu werden. Sie richten sich früh entsprechend aus. Ich habe immer gerne Fußball gespielt. Ich war in kleinen Vereinen und hab‘ zweimal die Woche trainiert, bis ich 18 war. Erst im letzten Jugendjahr sind größere Vereine auf mich aufmerksam geworden. Ich wurde Profi, um mir das Geld für mein Studium zu verdienen.

Ähnlich ungeplant lief der Übergang vom Profi zum Trainer?

Gegen Ende meiner Profi-Karriere wollte ich mir die Wege offenhalten. Ich hab‘ schon als Spieler die ersten Trainerscheine gemacht. Und noch während der Ausbildung zum Fußballlehrer bin ich durch das Angebot als Co-Trainer beim HSV in diesen Beruf reingerutscht.

Sie haben gleich ganz oben angefangen. Später ging‘s in die zweiten und dritten Ligen. . .

. . . tja, eine optimale Karriere-Planung hatte ich nicht. In den dreieinhalb Jahren als HSV-Cheftrainer habe ich mich, glaube ich, zu einem Bundesligatrainer entwickelt. Nach meiner Entlassung habe ich aber nicht gewartet. Sondern eine Woche später gleich in Braunschweig unterschrieben. Bei einem Regionalligisten.

Ein Fehler?

Heutzutage hat man Trainerberater. Hätte ich einen gehabt, hätte er mir sicher abgeraten. Ich hätte warten und sicher etwas kriegen können in der ersten Liga. Dreieinhalb Jahre HSV sind ja nicht so schlecht (lacht). Ich habe es damals gerne gemacht, als ich nach Braunschweig gegangen bin. Einfach, weil ich arbeiten wollte. Ich habe nicht darüber nachgedacht, dass die Nachfragen aus der Bundesliga abnehmen könnten, wenn ich über mehrere Jahre in unteren Ligen arbeite.

Tut das ein bisschen weh?

Nein. Ich habe dann bei Greuther Fürth die Entwicklung mitgestaltet. Ich konnte helfen, den Klub in der zweiten Liga zu etablieren. Ich konnte etwas bewirken.

Ist es sogar angenehmer, in der zweiten Liga zu arbeiten?

Zu meiner Zeit hat sie medial noch nicht die Rolle gespielt, die sie heute hat. Grundsätzlich finde ich aber das Arbeiten in der oberen Liga einfacher. Da hast du mehr Möglichkeiten, etwas umzusetzen. Je tiefer man kommt, umso weniger Geld ist da. Umso weniger kann man in der Kader- oder in der Trainingsgestaltung reagieren. In der ersten Liga hast du zumeist bessere Plätze, bessere Trainingslager. Und natürlich bessere Spieler.

Sie haben irgendwann diesen Stempel bekommen: Das ist der ewige Zweitligatrainer. Okay für Sie?

Was die Zahl der Spiele anbelangt, bin ich, glaube ich, der Rekordtrainer in der zweiten Liga. Insofern ist das, sagen wir mal: eine Einordnung, die ich akzeptieren kann.

Wollen Sie dann jetzt mal eine Lanze brechen für Zweit- und Drittliga-Trainer?

Wenn man immer über den Druck in der Bundesliga spricht: Der ist für alle Trainer da. Ich habe beim HSV, als das ganze Stadion gepfiffen hat, das nicht als besonders schlimm erlebt und auf mich persönlich bezogen. Es ist schwieriger, im Amateurbereich vor 300 Leuten rauszugehen und von jedem Einzelnen angemacht zu werden. Denen in die Augen gucken zu müssen. Da ist der Druck dann ein sehr direkter.

Bei all Ihren Engagements ist Bremen immer Ihr Hauptwohnsitz geblieben. War das von Beginn an geplant?

Hamburg und Braunschweig lagen nicht so weit weg von Bremen. Da bot es sich an zu pendeln. Als mit Fürth ein Verein kam, den ich nicht jeden Tag anfahren konnte, haben wir ganz bewusst den Wohnort der Familie in Bremen gelassen. 

Warum?

Die beiden älteren Kinder waren schon Teenager. In dem Alter ist es schon sehr wichtig, Schule, Freunde, Umfeld zu behalten. Anstatt der Gefahr ausgeliefert zu sein, alle zwei Jahre wieder umziehen zu müssen. In Fürth ist mein Vorgänger Armin Veh zunächst gependelt. Dann ist der Klub aufgestiegen, er hat einen Zweijahresvertrag unterschrieben und die Familie nachgeholt. Ein halbes Jahr später wurde er entlassen.

War ein Motiv für Ihr Bremen-Modell auch eine Art Schutzmaßnahme?

Das war auch ein Grund. Ich wollte die Familie fernhalten von dieser dauernden medialen Begleitung. Als Spieler bin ich mit Werder ja auch einmal abgestiegen. Mein Mitspieler Kalli Kamp hatte einen älteren Sohn. Der ist in der Schule derart angemacht worden, dass er aufgehört hat, Fußball zu spielen. Vor so etwas wollte ich meine Familie schützen.

Sie waren nie lange ohne Anstellung. Wie schafft man es, auf dem Trainerkarussell zu bleiben?

Dadurch, dass mir mit Braunschweig und Fürth jeweils die Rettung geglückt ist, ging es dann eigentlich so weiter. Ich bin ja ganz selten zum 1.7. eingestellt worden (lacht).

Wünschen sich das Trainer nicht? Einstieg zum Saisonwechsel und ordentlich Zeit für eine Vorbereitung?

Ach, ich habe ganz gerne so im Oktober, November angefangen. Bei einer Mannschaft, die schon einige Spiele gemacht hat. Die man beobachten und bei Bedarf in der Winterpause verstärken kann. Am Anfang der Saison ist es oft gar nicht möglich, den Kader so zusammenzustellen, wie man gerne will.

Wie haben Sie es eigentlich geschafft, von Vereinen trotz einer Trennung wieder zurückgeholt zu werden? Kommt eher selten vor.

Na, ich denke schon, dass den Verantwortlichen zumeist klar war, dass ich nicht der Allein-Schuldige war.

Ist das auch etwas, das Sie als Trainer lernen mussten?

Als Trainer darf man nicht so arrogant sein und sich selbst außen vor lassen bei der Frage, was zu ändern wäre. Aber Fakt ist doch: Ein Einzelner muss am Ende zwar den Kopf hinhalten. Aber er trägt nicht ganz allein die Verantwortung. Als Trainer sollte man schon ein gesundes Selbstbewusstsein haben, dass man die Dinge, die man macht, auch gut macht. Es sind oft ganz viele Faktoren, die Einfluss nehmen. Auch ihr Journalisten seid ein Faktor. Der kann mal helfen, mal schaden.

Weil es eine Legende ist, wenn alle sagen: Nein, ich lese keine Zeitung?

Ich hab‘ die Zeitung auch schon mal weggelassen. Aber grundsätzlich wird das schon konsumiert. Manchmal habe ich das, was ich der Mannschaft gesagt habe, hinterher auch bei der Pressekonferenz gesagt. Damit die Spieler das noch mal lesen. Und sehen: Das ist jetzt nichts für uns alleine. Das habe ich bewusst als Mittel eingesetzt.

Wie sind Sie vorgegangen, wenn Sie wieder mal zu einem neuen Verein gegangen sind? Nach einem bewährten Muster?

Ich nehme für mich nicht in Anspruch, dass ich immer mein System spiele. Man muss da flexibel sein und auf das reagieren, was da ist.

Auch etwas, was ein Trainer lernen muss?

Ja, schon. Am Anfang habe ich viel mit einer Taktik gespielt, die jetzt auch wieder modern ist, mit einem 3-4-3-System. Als ich zum zweiten Mal nach Fürth gekommen bin, haben die inzwischen aber mit Viererkette gespielt. So habe ich zum ersten Mal in meinem Leben Viererketten aufgestellt.

Haben Sie sich an Vorbildern orientiert?

In der Führung von Spielern hat mich Otto Rehhagel sehr beeindruckt. Bei meinen Trainern vor ihm wurde mit den Stammspielern ganz anders umgegangen als mit dem Rest. Der war, auf deutsch gesagt: Ausschuss. Otto hat auf seine Art alle gleich behandelt. Er hat die Spieler ja immer mit ‚Sie‘ und Vorname angeredet. Das habe ich dann übernommen, ich habe die Spieler gesiezt. Es hilft auch manchmal in Situationen, in denen man sauer ist. Da wird man dann nicht ganz so radikal (lacht).

Wenn Sie mal so eine Draufsicht versuchen: Was ist für Sie die größte Veränderung im Trainerjob?

Als Spieler habe ich das noch so kennengelernt, dass wir einen Trainer und einen Masseur hatten. Und am Sonnabend noch einen Arzt und einen Zeugwart. Der Trainerstab hat sich gewaltig vergrößert. Jede Kleinigkeit wird von Experten gesteuert.

Sie sagen das irgendwie mit einem ironischen Unterton. . .

. . . natürlich wäre es Quatsch, all die Erkenntnisse, die man gewinnt, nicht zu berücksichtigen. Aber dadurch, dass so viele mit der Mannschaft arbeiten, findet dann auch jeder Spieler sozusagen seinen Trainer. Vielleicht auch seine Gründe, warum etwas nicht wie gewünscht funktioniert hat. Ich war damals selbst, glaube ich, der erste in der Bundesliga, der mal einen Zehnkämpfer fürs Athletiktraining mitgenommen hat ins Trainingslager. So etwas ist ja auch gut.

Aber?

Manche haben zum Beispiel einen schlechten Laufstil. Es ist sinnvoll, daran zu arbeiten. Aber wenn sie schon immer so gelaufen sind und dennoch Erfolg hatten? Ente Lippens (Ex-Stürmer von Rot-Weiß Essen und Borussia Dortmund, d. Red.) hatte wirklich einen schlimmen Laufstil. Seine Tore hat er trotzdem gemacht.

Große Funktionsteams als Fluch und Segen?

Ich will das keinesfalls verteufeln. Aber ob dadurch das fußballerische Optimum herausgeholt wird, bleibt als Frage. Ich glaube, dass der Zusammenhalt der Mannschaft, der Teamgeist, früher leichter zu finden war als heutzutage. Weil viel mehr Einfluss von allen möglichen Seiten auf die Spieler ausgeübt wird.

Gibt es etwas, was Sie Trainer-Neulingen raten würden?

Ich finde, dass insgesamt zu oft und zu schnell der Weg vom Jugend- zum Profitrainer angepeilt und gegangen wird. Das finde ich ein bisschen schade. Wir brauchen gute Jugendtrainer, die in diesem Bereich ihre Erfahrungen einbringen können. Ich habe das immer unheimlich geschätzt, wenn im Jugendbereich Trainer Spieler formen und entwickeln. 

Herr Möhlmann, Sie sind jetzt 64. Fängt das Rentenalter an? Oder hoffen Sie, dass das Telefon endlich klingelt und ein Angebot kommt?

Zu 99,9 Prozent habe ich abgeschlossen mit dem Amt des Cheftrainers. Ich habe festgestellt, dass es mit zunehmenden Alter nicht einfacher wird in dem Beruf.

In welcher Hinsicht?

Es beschäftigt einen permanent. Ich denke bei der Pressekonferenz nach einem Spiel schon fast nur noch ans nächste Spiel. Oder: Ich muss morgens um halb sechs mal raus. Dann schlafe ich nicht mehr ein. Weil ich nur noch an den Job denke. Da hilft die Routine nicht, dass sich der Kopf weniger damit beschäftigt. Ich muss das nicht mehr haben.

Ganz loslassen wollen Sie aber auch nicht. Sie heuern demnächst wieder in Fürth an, diesmal als eine Art Berater?

Ja, ich gehe da zum vierten Mal hin und werde Mitarbeiter von Greuther Fürth. Ich unterstütze das Nachwuchs-Leistungszentrum und die Scouting-Abteilung. Nicht mehr, nicht weniger.

Das Gespräch führte Olaf Dorow.

Benno Möhlmann (64)

spielte von 1978 bis 1987 für Werder, ehe er ins Trainergeschäft einstieg. Er arbeitete für den Hamburger SV, Eintracht Braunschweig, Arminia Bielefeld, Greuther Fürth, den FSV Frankfurt, den FC Ingolstadt und 1860 München, während die Familie immer in Bremen blieb. Möhlmann ist verheiratet und hat vier Kinder.

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