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31.05.2019
Stefan Kuntz im Mein-Werder-Interview

„Ich freue mich, dass Werder belohnt wird“

© dpa


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Herr Kuntz, Sie sind ein Europameisterschafts-Experte: 1996 gewannen Sie in England den Titel als Spieler unter Berti Vogts, 2017 als Trainer mit der deutschen U21. Kann da bei der Titelverteidigung in diesem Sommer in San Marino und Italien überhaupt etwas schief gehen?

Stefan Kuntz: Europameister der Polizei-Nationalmannschaften bin ich auch noch (lacht). Das war in den 80er-Jahren, eine tolle Truppe hatten wir damals mit Michael Schulz und Uwe Tschiskale. Aber zu Ihrer Frage: Das Wort Titelverteidigung ist ein wenig das Problem bei dieser U21-Europameisterschaft, denn wir reisen mit einem völlig anderen Jahrgang an als bei unserem Turniersieg 2017. Ich finde: Einen Titel verteidigen kann nur eine Mannschaft, die ihn auch geholt hat. Unser Kader sieht bei dieser EM jedoch zu 90 Prozent anders aus. Was aber natürlich nicht heißt, dass wir diesen Pokal nicht noch einmal gewinnen wollen.

Der Bremer Maximilian Eggestein ist ein fester Bestandteil Ihres Teams. Er hat bei Werder eine Saison als unumstrittener Stammspieler hinter sich. Wie sehen Sie seine Entwicklung?

Wenn man von den Anfängen unserer Zusammenarbeit vor zwei Jahren ausgeht, ist Maxi sicher einer der Spieler, die sich am besten entwickelt haben. Sowohl von der Art und Weise, wie er spielt, also von der rein sportlichen Seite her - aber auch in der menschlichen Entwicklung ist das bei ihm einfach überragend. Man sieht daran, wie sehr es Talenten nutzt, wenn sie Vertrauen von ihren Vereinen bekommen, auch über einen längeren Zeitraum. Deshalb freue ich mich, wenn ein Trainer oder ein Verein dafür so belohnt werden wie hier Werder Bremen bei Maxi Eggestein.

Ist es Ihnen mit Blick auf eine anstrengende EM eigentlich recht, dass er diese Saison so viele Spiele gemacht hat? Oder muss man sich als Trainer ein wenig Sorgen um seinen Akku machen?

Bis zu unserem Trainingslager hatten die Spieler nach der Saison zwei Wochen Urlaub. In unserem Kader sind die Belastungen aber sehr unterschiedlich, deshalb steht die Belastungssteuerung im Vordergrund. Wir haben Spieler dabei, die in der Saison leider keine Einsätze hatten, die muss man ein wenig hochbringen. Andere pendelten zwischen Stammformation und Bank, bei ihnen muss man sich den Fitnesszustand genau anschauen. Und dann haben wir die Spieler, die relativ viele Einsätze hatten. Alle diese Jungs müssen wir in der Zeit, die wir gemeinsam trainieren, in etwa auf ein Niveau bringen. Das ist uns bisher gut gelungen. Dazu muss man auch sagen, dass die Zusammenarbeit zwischen den Fitnesstrainern der Vereine und unseren Fitnesscoaches richtig gut funktioniert und wir mit individuellen Trainingsplänen entweder für Entspannung, oder für Belastung sorgen können. Aber generell sage ich: Jede gespielte Minute in der Bundesliga hilft uns auch bei der U21-EM.

Bundestrainer Joachim Löw lud Maximilian Eggestein im Frühjahr zur A-Nationalmannschaft ein, um ihn besser kennenlernen und einschätzen zu können. Welches Feedback haben Sie bekommen, welchen Eindruck er im Kreis der A-Mannschaft hinterlassen hat?

Dass alles in Ordnung war und dass man merkt: Die Zusammenarbeit zwischen A-Nationalmannschaft und U21 trägt Früchte. Viele Abläufe sind für die Jungs nicht mehr vollkommen neu, sondern schon bekannt. Maximilian hat sich beim A-Team sehr gut präsentiert.

Ganz Bremen reagierte euphorisch auf seine Nominierung für die Nationalmannschaft, er kam dort aber nicht zum Einsatz. Denken Sie, dass dieses Debüt nur aufgeschoben ist?

Ich halte mich natürlich zurück, wenn es um die Nominierungen für die A-Nationalmannschaft geht. Aber bei ihm kann man sagen: Seine Chancen stehen gut, dass es nur aufgeschoben ist.

Werders Trainer Florian Kohfeldt lobte ihn dafür, dass er sich auf dem Feld zu einem Anführer entwickelt hat. Maximilian Eggestein betonte selbst, dass er mehr Verantwortung übernehmen möchte. Ist das eine Rolle, die er auch jetzt beim EM-Turnier in der U21 übernehmen soll?

Ja, absolut. Diese Rolle füllt er in unserer Mannschaft auch schon aus. Das ist natürlich etwas leichter unter Gleichaltrigen. Er macht es auf seine Weise, auf und neben dem Platz, und er macht das sehr gut. Er gehört klar zu unseren Führungsspielern.

Eine Rolle, die er von seinem Naturell her auch einfach in sich hat?

Ja, aber sicherlich anders, als Führungsspieler zu meiner Zeit noch aufgetreten sind. Ich finde, Maximilian hat immer ein sehr gutes Gespür für die verschiedenen Leute in einer Mannschaft. So ein Team sieht bei uns ja ganz anders aus als etwa bei Werder. Er findet schnell einen guten Zugang.

Bei Werder spielte Maximilian Eggestein in dieser Saison verschiedene Positionen, oft auf der 8, aber auch auf der 6 – wo sehen Sie ihn mit seinen Stärken?

Genau auf diesen beiden Positionen. Je nach Gegner kann man unterschiedliche Rollen für ihn finden. Das ist gut für jeden Trainer.

Auch Johannes Eggestein steht im erweiterten Kader für die U21-EM und macht sich Hoffnungen, das Turnier spielen zu dürfen. Sie als ehemaliger Stürmer können es gut beurteilen: In der Jugend machte sich Johannes einen Namen als zentraler Stürmer, als Knipser in der Box, wie man so schön sagt; in der Bundesliga kam er nun vor allem auf den Außenbahnen zum Einsatz. Hilft ihm die Flexibilität mit Blick auf einen Platz in der U21?

Ja, das hilft. Vor allem, weil ich Werder in dieser Saison relativ häufig gesehen habe und dadurch auch ihn auf verschiedenen Positionen erlebt habe. Das bringt ihn vielleicht so ein wenig weg von der ursprünglichen Rolle als zentrale Spitze, wo es auch eine starke Konkurrenz gibt. Es ist gut, dass Johannes diese Variabilität gelernt hat. Auf verschiedenen Positionen flexibel einsetzbar zu sein, ist immer sehr gut für einen Spieler und für seine Mannschaft.

Beide Eggesteins haben ihre Verträge in Bremen langfristig verlängert. Finden Sie die Entscheidung gut, dass die Brüder bei dem Verein weiter wachsen möchten, der sie zu Bundesligaspielern formte?

Man kann in solchen Fällen nicht von gut und schlecht reden, finde ich. Wenn ein Spieler sich entscheidet, irgendwo ein wahnsinniges finanzielles Angebot anzunehmen, und er hat dort keine Aussicht auf Einsatzzeiten, dann kann man nicht pauschal sagen: Das ist schlecht. Jeder muss selbst wissen, was er möchte. Was ich bei den Brüdern Eggestein in diesem Falle positiv sehe, ist, dass sie sehr gut einschätzen können: Was brauche ich in den nächsten Jahren? Brauche ich eher Millionen, oder brauche ich Einsatzzeiten? Und zwar Einsätze, die sich auf dem aktuellen Niveau stabilisieren oder vielleicht noch leicht nach oben gehen. Meiner Meinung nach war es deshalb von beiden eine sehr kluge Entscheidung, bei Werder zu bleiben.

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