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Rasenreport
11.01.2019
Kohfeldts Drahtseilakt

Guter Coach, böser Coach

© nordphoto


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Es gab eine Zeit, da musste ein Bundesligatrainer vor allem eines haben: einen rigorosen Führungsstil. Deutschlandweit ist man sich sogar heute noch an vielen Stammtischen einig, dass den Spielern mit der nötigen Härte das Sieger-Gen schon irgendwie eingetrichtert werden könne. Je kompromissloser, desto besser. Das Allheilmittel: Rennen lassen. Einfach rennen lassen. Kilometerweit. Endlos. Bis zum Erbrechen. Und zwischendurch gern ein wenig rumbrüllen. Wer nicht mindestens mit einer gepflegten Gardinenpredigt den Saftladen aufmischen und einen startenden Düsenjet verbal übertönen kann, taugt auch nicht als Coach. Fußball-Fans, die so denken, stauben vermutlich täglich ihre Poster von Werner Lorant oder Felix Magath ab und legen auch sonst im zwischenmenschlichen Bereich ein eher fragwürdiges Verhalten an den Tag.

Die Realität im Profifußball sieht freilich anders aus. Zumindest vielerorts. Auch in Bremen. Ganz ohne kleinere Sanktionen kommt aber auch Florian Kohfeldt nicht aus. Dem „Kicker“ erzählte der Werder-Trainer jetzt, wie er kürzlich Milot Rashica abstrafte. „Er musste auf schmerzhafte Art lernen, was er auf liebevolle Weise nicht lernen wollte“, sagte der 36-Jährige mit Blick auf das Defensivverhalten des Außenangreifers. „Wir haben es versucht über Erklären, über Videos. Und irgendwann gesagt: Jetzt muss er mal für eine kurze Phase richtig leiden, sprich auf die Tribüne.“

Ähnlich erging es Florian Kainz, den Kohfeldt im Laufe der Hinrunde sogar für eine kurze Phase komplett links liegen ließ und nur noch anschwieg. „Ich wollte ihn ein bisschen sauer machen. Er sollte aggressiver werden, das war mir alles zu lieb“, erklärte er damals. Es half zumindest kurzfristig, Kainz kam im folgenden Spiel gegen Augsburg stark zurück, tauchte in den Wochen danach allerdings auch wieder ab. Seither flog der Österreicher häufiger aus dem Kader.

Kein plumper Frontal-Unterricht

Das klingt tatsächlich noch ein wenig nach harter Schule. Nach altbewährten Mitteln. Wer nicht spurt, der wird sanktioniert. Doch das stimmt nur bedingt. Florian Kohfeldt denkt nämlich anders – und deshalb schickte er im jüngsten Interview mit Bezug auf die Rashica-Demission noch einen ganz wichtigen Satz hinterher. Denn alles geschah stets „mit dem vollen Glauben an ihn“. Und der Kosovare ist da kein Einzelfall.

Die kleinen Anekdoten zeigen ganz gut, wie Florian Kohfeldt mit seinen Spielern umgeht. Er ist kein Pädagoge im klassischen Sinne, studiert hat er dieses Metier schon gar nicht. Und doch erfüllt er seinen Status als Fußball-Lehrer in besonderem Maße. Anstatt mit dem erhobenen Finger die Obrigkeit zu spielen und mit plumpen Frontal-Unterricht an sein Ziel zu kommen, versucht er lieber, die Stärken seiner jeweiligen Schüler hervorzuheben, an ihnen zu feilen und sie weiter zu optimieren. Das kann emotional schmerzhaft sein – für beide Seiten. Im besten Fall aber auch enorm erfolgreich.

Florian Kohfeldt hilft bei dieser Methode sein Naturell. Schulfreunde, Kommilitonen und aktuelle Wegbegleiter berichten von seiner großen Sozialkompetenz, seiner Hilfsbereitschaft und seinem Teamdenken. Nicht das eigene Wohlbefinden steht an oberster Stelle, sondern das der Gemeinschaft. Dass er nun einmal Bundesligatrainer geworden ist, freut ihn mit Sicherheit am allermeisten, verändert aber nicht sein Auftreten. Stattdessen ist es vielmehr ein Ansporn. Ein akribischer Arbeiter wie Florian Kohfeldt will nicht einfach „nur“ Werder-Trainer sein, er will seinen Job möglichst gut machen. Das klingt banal, muss aber auch erst einmal bewältigt werden. Werders Coach weiß, dass er dafür seine Spieler braucht. Sie sind sein wichtigstes Hab und Gut.

Kohfeldts besonderes Talent

Um die Mannschaft bei Laune zu halten, bewegt sich ein jeder Trainer auf einem schmalen Grat. Er muss väterlicher Freund sein, dann wieder der Überbringer schlechter Nachrichten. Förderer, Psychologe, Kritiker, Antreiber. Eine multiplere Persönlichkeit kann es kaum geben. Florian Kohfeldt hat das Glück, dass ihm bei diesem Drahtseilakt ein besonderes Talent zugutekommt: Er ist ein starker Redner. „Ich habe früh gemerkt, dass ich ganz gut erklären kann und die Leute mir zuhören, wenn ich das tue“, erzählte Kohfeldt einmal. Maximilian Eggestein beschrieb seinen Trainer in der Vergangenheit als „sehr kommunikativen Trainer, der mit allen spricht, um seinen Plan zu vermitteln“.

Und Maximilian Eggestein muss es wissen. Ebenso wie sein Bruder dürfte er schon etliche Gespräche mit Florian Kohfeldt geführt haben. Nicht nur als Profi, sondern auch als heranwachsender Hoffnungsträger. Damals, als es vielleicht nicht ganz so schnell voranging, wie es sich ein Spieler mitunter erhofft. Auch auf Kohfeldts Wunsch mussten die Eggesteins beispielsweise Umwege in Kauf nehmen, um auf der Karriereleiter letztlich doch noch weiter nach oben zu klettern. Es ist das berühmte Spiel: ein Schritt zurück, um zwei weitere nach vorne zu kommen. So wie aktuell Ole Käuper, der eine unheimliche Wertschätzung beim Werder-Trainer genießt, nun aber an den Zweitligisten Erzgebirge Aue verliehen wurde, wo ihm mehr Spielpraxis geboten wird.

Es sind Entscheidungen, die für einen Spieler vielleicht nicht immer direkt zu verstehen, zu akzeptieren sind. In solchen Momenten ist es gut, wenn jemand da ist, der eine passende Begründung parat hat. Einer, der lieber das große Ganze im Blick hat als nur den Moment. Einer, der weiß, wie man einen Spieler kitzeln, anstacheln oder ärgern kann. Einer wie Florian Kohfeldt.

Was Dieter Eilts über die Tücken des Traineramts schreibt, lest ihr hier (Plus-Artikel).

RosiB. am 11.01.2019, 12:39
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