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Rasenreport
06.05.2019
Wie der Altmeister Werder besser macht

Glücksmomente zur Pizarro-Zeit

© dpa


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Wer weiß, was passiert wäre, hätte Werder im Juli 2018 die scheinbar vernünftige Entscheidung getroffen. Wären Frank Baumann und Florian Kohfeldt übereingekommen, dass die Verpflichtung eines damals 39-Jährigen, der in der Vorsaison mit dem 1. FC Köln abgestiegen und immer wieder von Verletzungen geplagt worden war, zu den schlechteren Ideen gehörte, dann hätte Borussia Dortmund jetzt vielleicht realistische Chancen auf einen oder zwei Titel. Aber der Oldie heißt eben Claudio Pizarro, und ein bisschen Weltklasse verkörpert er auch mit mittlerweile 40 Jahren noch.

Nicht vielen Werderanern hätte man es zugetraut, nicht nur genau richtig zu stehen, nachdem Ludwig Augustinsson Dortmunds Manuel Akanji den Ball stibitzt hatte, sondern auch einen derart wuchtigen und präzisen Volley mit dem schwächeren Fuß ins Tornetz zu jagen. Oder Werder im Februar gegen denselben Gegner im Pokal mit einem eleganten Treffer aus spitzem Winkel im Spiel zu halten. Oder in der allerletzten Sekunde gegen die Hertha den Ball per Freistoß zwei Berlinern so an die Beine zu schießen, dass dieser ins Tor fällt wie eine Billardkugel in die Tasche des Tischs.

Der Erlebniswert der vierten (zählt man die Leihe vom FC Chelsea in der Saison 2008/2009 mit sogar fünften) Amtszeit Pizarros in Bremen ist enorm. Sechs Tore und zwei Assists in 763 Einsatzminuten in Liga und Pokal entsprechen einem Scorerpunkt alle 95 Minuten – ein Top-Wert. Und auch die Dramaturgie stimmte meist, schließlich stehen vier Startelfeinsätzen 24 Auftritte als Joker entgegen. Die 28 Spiele, in denen Pizarro mitwirken durfte, sind die zweitmeisten im Werder-Sturm – gleichauf mit Milot Rashica, aber ein Stück hinter Max Kruse mit 36 Partien. Der Altmeister mimt nicht bloß den Statisten, er ist ein heißer Kandidat für den besten Nebendarsteller im Bremer Offensiv-Ensemble.

Pokalschreck Pizarro

Noch deutlicher wird Pizarros Einfluss, wenn man seine Spielanteile behandelt wie einzelne, kleine Partien. Dass das Spiel ein anderes ist, wenn der Peruaner auf dem Platz steht, wird gerne als Floskel bemüht – mal, weil es die Heimfans zu ungeahnter Lautstärke motiviert, mal, weil Werder erst mit Pizarro einen echten Mittelstürmer auf das Feld schickt, der zwar nicht mehr das Tempo früherer Tage, aber immer noch eine große technische Klasse und jede Menge Spielwitz auf den Platz bringt. Warum also nicht schauen, wie Werder sich während der Pizarro-Zeit schlägt?

Im Pokal etwa wäre man immer noch dabei. Die Ergebnisse: 1:0 in 15 Minuten gegen Worms, 3:1 in 66 Minuten gegen Flensburg, 6:4 nach Elfmeterschießen in 30 Minuten gegen den BVB. Und in 25 Minuten gegen die Bayern wäre dem Rekordmeister beim Bremer 2:1-Erfolg nur noch der Ehrentreffer durch einen schmeichelhaften Elfmeter vergönnt gewesen. Ärgerlich bloß, dass ein Spiel dann eben doch mindestens 90 Minuten dauert – und Pizarros Luft dafür nicht mehr reicht.

Ein Hauch von Champions League

Auch in der Bundesliga schreibt der Kurzarbeiter fleißig Erfolgsgeschichten. In 24 Partien stand Pizarro in diesem Wettbewerb auf dem Platz. Während seiner Einsatzminuten entwickelte sich die Bremer Tordifferenz nur zweimal negativ: Gegen Bayer Leverkusen, als aus der Pizarro-Hälfte ein 2:3 (inklusive eigenem Treffer) zurückblieb – wobei die Halbzeit ohne den Peruaner mit 0:3 noch schlechter für Werder verlief. Und gegen RB Leipzig, als Werder auf das späte 3:2 drückte, der Treffer aber für den Gegner fiel. Ein 0:1 aus Pizarro-Sicht also.

Aus den übrigen 22 Pizarro-Einsätzen resultierten zehn Remis – viele davon torlos, da aufgrund später Einwechslungen nicht mehr viel passierte – und ganze zwölf Siege. Diese Bilanz auf eine ganze Saison hochzurechnen, ist freilich eine reine Spielerei. Aber eine, nach der Werder auf die Saison gerechnet 65 Punkte in der Pizarro-Zeit gesammelt hätte. Überspitzt gesagt: Steht Pizarro auf dem Platz, punktet Werder auf klarem Champions-League-Niveau. Eine einzigartige Bilanz für einen 40-Jährigen – und ein gutes Argument dafür, warum Pizarros unendliche Geschichte am Osterdeich noch lange nicht vorbei sein muss.

WERDER2016 am 06.05.2019, 18:30
Eine schöne Geschichte - man kann es aber auch übertreiben.

Ich mag Pizarro und sehe die Verpflichtung inzwischen ebenfalls positiv. Bewertet man die gesamte Geschichte an den Toren, alles andere ist Kaffeesatzleserei, hätte man ohne Pizarro 2 Punkte weniger und wäre im Pokal gegen den BVB ausgeschieden. Ohne die beiden Punkte wäre man definitiv raus aus der EL-Qualifikation. Das allein reicht aus für den Wert seiner Verpflichtung.

Ein anderer Spieler kommt mir bei solchen Nostalgien dagegen zu kurz. Martin Harnik hat etwa 2 bis 3 Mio. Ablöse gekostet. Mit dem 3:3 im Pokal hat sich dieses Geld mehr als bezahlt gemacht - auch wenn er sonst die Erwartungen bei weitem nicht erfüllen konnte. Wäre doch auch einmal eine Erwähnung wert.
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Altobelli am 07.05.2019, 07:21
"Bewertet man die gesamte Geschichte an den Toren, alles andere ist Kaffeesatzleserei, hätte man ohne Pizarro 2 Punkte weniger und wäre im Pokal gegen den BVB ausgeschieden."

@WERDER2016:

Es ist viel zu kurz gegriffen, Pizarro nur auf seine Tore, die er in dieser Saison erzielt hat zu reduzieren. Das hat auch nichts mit Kaffeesatzleserei zu tun.
Alleine beim Heimspiel gegen Freiburg ging nochmal ein Ruck durch die Mannschaft, als es noch 0-0 stand. Da wurde er eingewechselt und hat mit seinen Aktionen maßgeblich zum Sieg gegen den SC beigetragen. Das Publikum kommt immer wieder und unterstützt nochmal richtig. Außerdem verändert er die Statik des Werder Spiels, wie es Kohfeldt nach diesem Spiel treffend beschrieben hatte.

Ob man jetzt schon bei Martin Harnik, der ja auch noch einen gültigen Vertrag hat, in Nostalgien schwelgen muss ist natürlich eine andere Frage!
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