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Rasenreport
25.03.2019
Pro und Contra zu Eggesteins DFB-Debüt

Gewinner! Oder Verlierer?

© nordphoto


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Der Schluss war so schnell gezogen, wie er eindeutig war: Nationaltrainer Joachim Löw lädt ein, und Werder hat endlich wieder einen Nationalspieler. Der Fakt, dass Maximilian Eggestein für die Länderspiele gegen Serbien und die Niederlande nominiert wurde, ließ schließlich nichts anderes zu. Eggestein, so viel war klar, ist ein Gewinner.

Und jetzt?

Die Partien gegen Serbien und die Niederlande sind gespielt, aber ohne, dass Eggestein dabei zum Einsatz kam. Ist er nun, weil er zwar dabei war, aber irgendwie auch nicht so richtig, weil er nicht eine Minute für Deutschland auf dem Platz stand, ein Verlierer? Das ist eine Frage der Perspektive. Im Sommer, so ist es Stand jetzt geplant, spielt Eggestein für Deutschlands U 21 die Europameisterschaft in Italien und San Marino. Und nicht die Länder­spiele gegen Weißrussland und Estland. Eggestein hätte also, statt die Zeit in der A-Nationalelf abzusitzen, für die U 21 im Einsatz sein können. Er wäre im Spielrhythmus geblieben, auch Werder hätte pro­fitiert.

Lernen kann aber auch, wer sich von den Besten etwas abschaut. Und das geht bei der A-Nationalmannschaft naturgemäß besser als in der U 21. Und in den Kreis der besten deutschen Fußballer berufen zu werden, ist immer eine große Ehre.

Eine Diskussion, ob Eggesteins Nominierung ein Erfolg für ihn war oder nicht.

Es braucht Geduld – von Christoph Sonnenberg

Meine erste Nominierung für die Nationalmannschaft erhielt ich zum Länderspiel gegen Argentinien im März 2010. Es war das erste im WM-Jahr, das letzte von Michael Ballack (was zu diesem Zeitpunkt niemand wusste), und in der Startelf standen Spieler wie René Adler, Mesut Özil und Bastian Schweinsteiger. Und: Lionel Messi stürmte für Argentinien.

Ich war stolz, dabei zu sein dürfen, und habe mir alles mit großen Augen angeschaut. Geschrieben hätte ich am liebsten alles, jedes Interview geführt und jeden Termin besetzt. Es war dann anders, ich habe keine Zeile geschrieben und war nur dabei statt mittendrin. Trotzdem war mir klar, dass ich beim nächsten Länderspiel unbedingt wieder zu dem Team gehören wollte, das für meine Zeitung über die Nationalelf berichtete.

Maximilian Eggestein wird es ähnlich ergangen sein, zumindest vermute ich das. Auch wenn er in keinem der beiden Spiele gegen Serbien und die Niederlande auch nur eine Minute auf dem Platz gestanden hat, wird ihm das Erlebte von Nutzen sein. Dabei zu sein, wenn die besten Fußballer einer Nation ausgewählt werden, zeugt von Qualität. Wer zum ersten Mal dabei ist, bleibt häufig zunächst in der Rolle des Zuschauers. Aber wer aufmerksam zuschaut, und diese Eigenschaft darf man Eggestein zugestehen, lernt auch.

Zunächst ist da die Einladung, das persönliche Gespräch mit Joachim Löw. Die ist schon für sich genommen eine Auszeichnung und das Signal, dass die Leistung Eggesteins wahrgenommen wird, auch vom wichtigsten Trainer des Landes. Es ist also eine kleine Belohnung, die als solche auch wertgeschätzt werden sollte. Was nicht bedeutet, dass es reicht, nominiert zu werden. Zu spielen muss und sollte jederzeit das Ziel sein. Dass Eggestein es zu diesem Zeitpunkt noch nicht erreicht hat, ist kein Anlass für Wut oder Unzufriedenheit.

Es gab gute Gründe für Löw, einen Neuling in diesen Partien nicht einzusetzen. Der Bundestrainer selbst stand vor dem Spiel gegen Serbien unter erheblichem Druck. Es war Löws erster Auftritt nach der dauerhaften Ausmusterung der Weltmeister Boateng, Müller und Hummels. Ein fehlerhafter Auftritt hätte die Diskussion schnell wieder in den Mittelpunkt gerückt. Experimente hätten sich angeboten, falls Deutschland eine klare Führung erspielt hätte. Das aber war nicht der Fall.

Die zweite Möglichkeit, das Spiel in den Niederlanden, war aus sportlichen Gründen zu wichtig, um einfach mal etwas auszuprobieren. Und das blieb es bis in die Nachspielzeit. Die Selbstsicherheit, die Unantastbarkeit, jede Entscheidung widerspruchslos durchzusetzen, hat Löw nicht mehr. Also blieb Eggestein zweimal über 90 Minuten auf der Bank. Zumal es im Mittelfeld reichlich Konkurrenz auf seiner Position gab. Es gibt keinen Anlass für Eggestein, unzufrieden zu sein. Er muss auf seine Chance im Nationalteam warten. Wenn sie kommt, muss er sie nutzen – darauf kommt es an.

Chance vertan – von Malte Bürger

Werder muss also weiter auf seinen nächsten A-Nationalspieler warten. Maximilian Eggestein war zwar dicht dran und gehörte in den vergangenen Tagen zum Kader von Bundestrainer Joachim Löw, geblieben ist ihm in den Partien gegen Serbien und die Niederlande letztlich aber nur die Zuschauerrolle. Das war zu erwarten. Wirklich überraschend ist es jedenfalls nicht, dass ein Premierengast bei einer derart großen Konkurrenz auf seiner Position nicht auch gleich den Rasen entert und die ganze Nation mit seinen fußballerischen Künsten verzückt – so sehr das Bremer Fanherz im ersten Moment vielleicht auch geblutet haben mag. Und mal ehrlich, was bringt ein Kurzauftritt dank einer Einwechslung in der Nachspielzeit?! Da freuen sich allenfalls die Freunde der Statistik.

Für Maximilian Eggestein gab es stattdessen ein anderes Ziel bei seiner ersten Reise mit dem DFB-Tross. Der Werder-Profi sollte in den Kreis derer hineinschnuppern, zu denen er ab der neuen Saison bestenfalls dauerhaft gehören kann. Denn – und da sind sich die meisten Experten einig – das Zeug zum Elitekicker hat der 22-Jährige nach seinen bisherigen Leistungen im grün-weißen Dress zweifelsfrei. Es war also gewissermaßen ein Antrittsbesuch für das, was Eggestein demnächst in einem nun halbwegs bekannten Umfeld noch bevorsteht. So weit, so nachvollziehbar.

Andererseits hätte Eggestein seinen intensiven Schnupperkurs problemlos auch nach der Sommerpause absolvieren können. Nachteile wären ihm dadurch wohl nicht entstanden. So nun aber fehlte Werders Mittelfeldmann jetzt bei der deutschen U21, für die er nicht nur ein zentraler Spieler ist, sondern die er im Sommer auch durch die Europameisterschaft in Italien und San Marino führen soll. Nicht grundlos hat der Chefcoach des deutschen Nachwuchses, Stefan Kuntz, den Bremer noch einmal als „Unterschiedspieler“ bezeichnet. Umso wichtiger für die Erfolgsgeschichte dieses Turniers ist es deshalb, dass ein Leistungsträger, an dem sich die Kollegen orientieren sollen, im Vorfeld auch dauerhaft beim Team weilt.

Die deutsche U 21 hat in den vergangenen Tagen gegen Frankreich und England getestet – keineswegs Leichtgewichte im europäischen Fußball. Spiele also, in denen ein Maximilian Eggestein nicht nur im Rhythmus geblieben, sondern zudem als zentrale Figur der Mannschaft weiter gereift wäre. Auch Verantwortung im Kleinen kann schließlich eine große Wirkung entfalten. Profitiert hätten davon der Spieler selbst, Werder und langfristig auch der DFB. Der Deutsche Fußball-Bund peilt nicht weniger als die Titelverteidigung an, da sollten die ­Protagonisten so ideal aufeinander eingestimmt sein wie nur irgend möglich. Stattdessen wurde der zweite Schritt etwas vorschnell vor dem ersten gemacht und eine gute Chance – bei aller sportlichen Berechtigung – leichtfertig vertan.

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