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Rasenreport Life und Style
22.03.2019
Modell eines Bremer Psychologen

Gesichtsanalyse für einen besseren Kader

© nordphoto


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Milot Rashica strahlte, Max Kruse sowieso und auch Martin Harnik und Maximilian Eggestein lächelten zufrieden. Ihre Kollegen sahen nicht weniger glücklich aus. Werders Gesichter des Erfolges, sie konnten sich im Anschluss an das Leverkusen-Spiel wahrlich sehen lassen. Zumal es häufig genug ja auch schon anders war, nicht selten schlichen die Bremer Profis mit traurigen, enttäuschten Blicken zurück in Richtung Kabine. Wer die jeweilige Partie zuvor verpasst hatte, wusste spätestens beim folgenden Mienenspiel, was Sache war. Volker Schwabe geht da sogar noch einen Schritt weiter. Der Psychologe liest in Gesichtern viel mehr – und hat so erkannt, dass Werders Aufstellung alles andere als optimal ist.

War die Taktik wirklich die richtige? Ist dieser Spieler momentan nicht eigentlich viel zu schwach, um andauernd zu spielen? Wenn auf dem Platz nicht alles rund läuft, werden Fragen wie diese viel und heiß diskutiert. In den Medien ebenso wie an den Stammtischen. Sieht sich Volker Schwabe Fußballspiele an, dann ist er mit einer anderen, recht unüblichen Überlegung beschäftigt: „Ich schaue, wie passen die unterschiedlichen Charaktere am besten zusammen, sodass eine Synergie erzielt werden kann“, sagt er. „Wir haben Menschen, die unterschiedlich sind, aber jetzt etwas zusammen machen sollen. Was bringt jeder Einzelne an Verhaltensweisen mit, die relevant für die ganze Gruppe sind und welche Schlüsse kann man ziehen, um diese möglichst gewinnbringend zu nutzen.“

Volker Schwabe hat Politik und Psychologie studiert, eine der bestimmenden Fragen seines Tuns ist: „Warum entscheiden wir uns für andere Menschen – im Beruf, in der Politik, in der Liebe?“ Vor mittlerweile 27 Jahren begann er zudem mit der Porträtmalerei, was für seinen späteren Werdegang nicht unerheblich war. „Ich habe mir bewusst gemacht, dass es enorm viel Wissen über die Bedeutung des Gesichtes gibt und habe mich inzwischen darauf spezialisiert, Gesichter beziehungsweise den Ausdruck des Charakters im Gesicht zu analysieren.“

Stimmt die Balance in einer Mannschaft?

Schwabe macht das nicht einfach nur zum Hobby. In Bremen arbeitet er für die WBS Akademie, die diverse Schulungen und Seminare für Unternehmen und Berufstätige anbietet. Der Personalcoach hat dabei einen besonderen Blick auf seine Kunden, anhand ihrer Mimik kann er Stärken erkennen und berufliche Eignungen ausloten. Wie er das macht? Die Antwort ist so einfach wie kompliziert: „Man nehme die Muskulatur des Menschen im Gesicht, denn alles, was dort passiert, hat eine Aussage“, sagt Schwabe. Für den Laien sind derartige Merkmale kaum zu erkennen, der Gesichtsanalytiker kann die individuellen Ausprägungen dagegen tatsächlich in Sekundenbruchteilen – nicht selten zum Erstaunen des Gegenübers – lesen wie ein offenes Buch. „Relevant sind drei Muskelpartien: die des Denkens, des Fühlens und des Handelns.“

Und genau nach diesem Muster untersucht Volker Schwabe seit einiger Zeit Fußballteams, vor allem aus der Bundesliga- und der WM-Historie. „Und dabei bin ich fast vom Glauben abgefallen.“ Wo nämlich die sportliche Glückseligkeit zu Hause ist, da gibt es auch ein klares Muster in der Aufstellung. „Erfolgreiche Teams haben eine beispiellose Art der Kommunikation“, sagt er. Nun ist aber eben nicht jeder Spieler prädestiniert für eine solche Aufgabe. Schwabe unterscheidet in vier Kategorien. So gibt es den Teamplayer, der stets gemeinsam entscheidet und ideal für eine kommunikative Achse in einer Formation ist. Hinzu kommen die Chefs („Ich weiß, was für uns richtig ist.“, die Arbeiter („Hauptsache es wird etwas gemacht.“) und die Einzelkämpfer („Ich entscheide für mich.“)

Keiner dieser Typen ist grundsätzlich schädlich für ein Team – allerdings komme es auf die richtige Mischung an, betont Volker Schwabe. „Eine gesunde Mannschaft muss ausgewogen sein, es kann nicht nur diesen Teamplayer geben – oder nur den Chef, nur den Egoisten oder das Arbeitstier“, sagt er. „Ich habe festgestellt, dass eine erfolgreiche Mannschaft ein oder zwei zentrale Kommunikatoren hat, die um sich herum Chefs haben.“


„Kohfeldt handelt an individuellen Charakteren vorbei“

Wenn der 43-Jährige nun speziell auf Werder schaut, wundert es ihn nicht, dass die Bremer zwischenzeitlich im Mittelfeld der Liga festhingen: „Eine Mannschaft, in der die vier Charaktertypen entsprechend der fußballerischen Qualität, der Position und der Philosophie des Trainers ausbalanciert sind, besitzt eine deutlich höhere Erfolgswahrscheinlichkeit als eine Mannschaft wie Werder, die vor allem aufgrund der individuellen Fähigkeiten ihrer Mitglieder zusammengestellt wurde.“

Volker Schwabe ist ein großer Fan von Florian Kohfeldt, seine Arbeit beeindruckt ihn. Besonders die Fähigkeit, spontan auf Entwicklungen im Spiel reagieren zu können, imponiert ihm. Diese Qualität des Coaches führe jedoch automatisch zu einem Problem, glaubt Schwabe. „Das setzt in seiner Mannschaft eine Kommunikationsfähigkeit und eine Ausgewogenheit der Charaktere voraus, die nicht gegeben ist. Florian Kohfeldt ist ein hervorragender Fußball-Analytiker. Wenn er aber ein System umstellt, um beispielsweise wie gegen Wolfsburg ein besseres Umschaltspiel zu haben und die dafür nötige Kommunikation unter den Spielern voraussetzt, dann handelt er quasi an den individuellen Charakteren vorbei.“

Ganz besonders im Zentrum gebe es demnach Nachholbedarf. „Mit Maximilian Eggestein, Davy Klaassen oder Nuri Sahin gibt es Typen im Mittelfeld, die Platzhirsche sind und jeweils für sich wissen, was jetzt richtig ist. Sie lassen Ideen anderer Spieler tendenziell eher ausklingen und bewerten eine Situation noch einmal neu“, sagt Schwabe. „Sie agieren immer dann gut, wenn sie einen Teamplayer oder ein Arbeitstier zwischen sich haben. Ansonsten stocken sie in ihren Bewegungen und es vergehen Sekundenbruchteile, die in anderen Konstellationen genutzt werden. Man braucht in der Mitte einen Spieler, der schneller auf die anderen reagiert und ihre Ideen und Bewegungen schneller aufnimmt und schleunig weiterarbeitet.“ Aktuell hat Werder laut Schwabes Beobachtungen  solche Spieler in Person von Theo Gebre Selassie, Ludwig Augustinsson, Martin Harnik, Jiri Pavlenka oder in Ansätzen auch Philipp Bargfrede. Aufgrund ihrer Positionen reicht das jedoch nicht, um das Ungleichgewicht aufzufangen.

Werders Spieler haben starke Egos

Überhaupt gibt es nach Ansicht des Psychologen einen hohen Anteil an Akteuren, die bevorzugt eigene Ideen verwirklichen wollen. „Werder hat viele Spieler, die ihre Stärken dann zeigen, wenn sie provoziert werden – weil sie starke Egos haben“, sagt Schwabe, der sogar glaubt: „Es ist eine Mannschaft, die Rückstände gewissermaßen im Unterbewusstsein provoziert, um eine Herausforderung zu haben.“ Danach funktioniere das Team besser, als wenn es von Beginn an das Spiel gestalten müsse.

Natürlich weiß auch Volker Schwabe, dass seine Analysen allein keine Siege garantieren – dafür fließen zu viele Faktoren in ein Spiel ein. Manchmal ist es eben doch die individuelle Qualität eines Spielers, die in einer eigentlich verkorksten Partie den Unterschied ausmacht. Trotzdem ist er sich sicher: „Das rettet in einzelnen Spielen Punkte, aber auf Dauer funktioniert das weniger.“

Bei einem deutschen Zweitligisten fließt Schwabes Expertise bereits ein, wenn es um die Kaderzusammenstellung geht. „Man kann Spieler und ihre Leistungen nicht in einem anderen Verein sehen, dort herausnehmen und sagen, dass er hier genauso spielt“, sagt Schwabe. „Das geht nicht. Es ist immer wieder ein Punkt, wie agiert der Spieler mit den Spielern, die jetzt um ihn herum sind.“ Volker Schwabe versteht sich keinesfalls als Spielervermittler, bei ihm schlummern keinerlei vielversprechende Talente in der Kartei, die er gewinnbringend an den Mann oder Verein bringen will. Er gibt nur Tipps, welcher Profi aufgrund seines ganz eigenen Charakters in ein bestehendes Gerüst passen könnte. So hat er es auch schon erfolgreich für fußballferne Unternehmen getan, wenn es um den Aufbau dortiger Teams ging. Warum nicht also auch einer Profi-Mannschaft ein passendes Gesicht verpassen – den richtigen Blick dafür scheint er zu haben.

RosiB. am 22.03.2019, 17:17
Hört sich sehr gut an!
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Nomolas am 22.03.2019, 17:28
Demnächst in dieser App:
Physiotherapeut behauptet: "Werder könnte Meister werden, wenn sich die Spieler 20 Minunten länger massieren lassen würden!"
Angler ist sich sicher: "Werder würde besser spielen, wenn die Spieler mehr Fisch essen!"
Pilotenvereinigung: "Die Spieler müssen abgehobener werden, dann klappt es auch mit Europa!"
Ultras: "Ohne Pyro's habt ihr eh keine Chance!"
So ziemlich jeder Fan: "Nur mit meiner Aufstellung kann Werder gewinnen!"
Alle Medien: "Nur wir wissen wie es besser geht, die Trainer haben eh alle nur Glück!"

To Topic: Gesichtsanalyse für besseren Kader.
Ernsthaft?
Du spielst zwar scheiße, aber dein Gesicht passt zum Kader. Dich verpflichten wir...
Wir sind doch nicht der HSV....
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sventiede am 22.03.2019, 17:55
Gut gebrüllt, Löwe 🤠
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Zami1981 am 23.03.2019, 09:16
Wer immer auf der Stelle tritt und nicht mal neue Wege probiert wird sich auch nicht weiter entwickeln......
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1-Werder am 23.03.2019, 08:35
Psychologen in allen Ehren, davon hat Werder m.W. bereits zu Zeiten von A. Nouri Gebrauch gemacht. Die Analysen von V. Schwalbe sind m.E. sehr gewagt, lassen sich kaum belegen. Damit verstehe ich die Aussagen von V. Schwalbe als eine Frühlingsschwalbe..., und die haben seit dem 21. März freien Flug....
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alanya_fuchs am 23.03.2019, 09:03
Was sagt Herr Schwalbe zum Gesicht vom ablösefreien Lewis Holtby? Der war aus meiner Sicht immer in falschen Händen. Kohfeldt würde ihm gut tun und Holtby dann auch Werder.
Schließlich muss man gewappnet sein, falls Kruse und Eggestein doch Umzugskartons kaufen gehen.
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Furioso am 24.03.2019, 10:41
Das würde mich allerdings auch interessieren, ansonsten ist das ein interessanter Ansatz den man mit einfließen lassen könnte in die Kaderplanung. Und es ist endlich mal ein Erklärungsansatz für diese Rückstände denen wir öfter mal hinterherlaufen müssen und das danach auf einmal das Spiel von Werder besser wird
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