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Rasenreport
23.01.2019
Nuri Sahin im Mein-Werder-Interview

„Du wirst nie ärmer, wenn du gibst“

© nordphoto


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Werte wie Ehrlichkeit oder Respekt gehen im heutigen Fußballgeschäft oft verloren. Wie wichtig sind solche Dinge für Sie?

Ehrlichkeit und Respekt sind mir wichtiger als Fußball. Ich will natürlich Fußball spielen, ein guter Fußballer sein, ich will erfolgreich sein, aber wenn es heißen sollte, dass ich dafür unehrlich sein muss, das geht nicht. Und wenn mir jemand sagt, ein Trainer kann nicht immer ehrlich sein, dann würde ich immer sagen: Man muss ehrlich sein. Das ist für mich sehr, sehr wichtig. Ich hatte mit Jürgen Klopp den ehrlichsten Trainer dieser Welt, der dir auch mal verbal in die Fresse hauen konnte – und du wusstest, er meint es trotzdem gut und ehrlich mit dir.

Aber kann Ehrlichkeit, gerade im Profifußball, nicht auch ein Hindernis für den Erfolg sein?

Ich glaube, die Chance auf Erfolg wächst, wenn du ein Umfeld schaffst, wo sich jeder austoben kann, wo jeder er selbst sein kann, wo jeder weiß, dass hinter dem Rücken nicht geredet wird. Wo du weißt, dass dein Trainer zu dir das sagt, hintenherum dann aber etwas anderes erzählt, das sind so Sachen, die kann ich einfach nicht haben und damit werde ich mein Leben lang nicht klarkommen – und das werde ich auch immer ansprechen. Da ist es mir auch egal, ob es Jürgen Klopp ist, mein Vater, mein Bruder oder mein Sohn. Und wenn ich mal nicht ehrlich sein sollte, dann erwarte ich auch von den Menschen, dass sie zu mir kommen und das sagen.

Der Fußball wird immer kommerzieller. Vertragslaufzeiten von Spielern sind dabei meist nicht mehr als Zahlen auf Papier und letztlich nur ein Faktor, um noch mehr Geld zu verdienen durch höhere Ablösesummen. Und wenn der Verein den Spieler trotzdem nicht aus einem laufenden Vertrag lassen will, greifen Profis mittlerweile auch zu drastischen Maßnahmen wie Streiks. Wie sehen Sie diese Entwicklung?

Es ist absolut ein „Player’s Game“ geworden. Das ist Fakt. Da kannst du auch einen Sechsjahresvertrag unterschreiben, der Spieler findet aber auch daraus manchmal einen Weg. Diese Entwicklung ist nicht gut. Ich finde, dass es sehr wichtig ist, auch innerhalb des Vereins seinen Vertrag zu respektieren. Und wenn der Vertrag so gestrickt ist, dass du nicht weggehen kannst, dann kannst du auch nicht weg. Wenn du eine Ausstiegsklausel hast, dann kannst du weg.

Mit der Kommerzialisierung im Fußball gehen stetig steigende Spielergehälter einher, die vielen Profis großen materiellen Luxus ermöglichen. Über die Sozialen Netzwerke bekommen die Fans das oftmals vorgeführt. Teils entstehen regelrechte Protz-Posts. Wie lässt sich das mit der Vorbildfunktion, die Profis gerade für die Kinder und Jugendlichen auf den Bolzplätzen haben, noch vereinbaren? Werden da nicht völlig falsche Werte vermittelt?

Wie er es mit der Vorbildfunktion hält, das muss jeder für sich wissen. Das hat ja auch etwas mit Erziehung zu tun. Ich hatte auch schon schöne Autos, ich habe auch jetzt ein schönes Auto. Es geht aber immer darum, wie lebt man das vor. Wenn ich mich jetzt hinstelle und bei Instagram meine Autos und mein Haus poste und zeige, ich habe das und das und das – das halte ich für absoluten Schwachsinn. Das ist unnötig, weil das überhaupt nichts mit einer Vorbildfunktion zu tun hat. Gerade in der Zeit, wo der Fußball etwas abdriftet, das Geschäft abdriftet von den Fans, ist es ein sehr schmaler Grat. Für mich war nie das Geld die Motivation. Mein Traum war es immer, im Westfalenstadion zu spielen. Und ich glaube, die Kinder auf dem Bolzplatz haben immer noch diesen Traum. Aber durch Social Media ist es einfach eine andere Welt – auch Fußballwelt - geworden.

Schon Jungprofis mit 17, 18, 19 Jahren haben heutzutage hoch dotierte Verträge, verdienen teils Millionen im Jahr. Verändert das ihr Selbstbewusstsein, ihr Auftreten? Wie spiegelt sich diese Entwicklung in der Kabine wider?

Es ist sehr gefährlich, die Jungs verdienen mehr als ich in meinem dritten oder vierten Profijahr. Aber in der Kabine muss eine Hierarchie herrschen. Das ist meine Meinung. Allerdings muss sich auch da jeder entfalten können. Es wäre schrecklich, wenn beispielweise bei Werder junge Spieler wie Josh Sargent oder Jojo Eggestein in die Kabine kommen und sich nicht entfalten können. Das würde man auch auf dem Platz merken. Auf der anderen Seite muss den jungen Spielern klar sein, wo sie gerade sind. Und das ist ein sehr schmaler Grat. Wenn ich merke, dass es ein 17-, 18-Jähriger für selbstverständlich hält, bei Werder Bremen bei den Profis zu trainieren - ein bisschen kommt und geht, gutes Geld verdient und ihm das reicht, dann würde ich immer dazwischen grätschen und ihm meine Meinung sagen. Aber ein Eggestein oder ein Sargent, die sich absolut professionell benehmen und auch mitnehmen, was du ihnen sagst. Das ist dann natürlich ein Genuss, solche Jungs dabei zu haben.

Trotz einer klaren Hierarchie in der Kabine, ist die Gefahr groß, dass gerade junge Spieler mit den Begleitumständen im Profifußball, dem vielen Geld, dem Ruhm, Social Media, nicht klarkommen und die Realität aus den Augen verlieren, oder?

Man kann sehr leicht abheben. Ich habe guten Kontakt zu Youssoufa Moukoko, der in Dortmund für viel Aufsehen sorgt. Mit seinen 14 Jahren hat er auf Social Media, ich weiß nicht wie viele Follower. Gefühlt sagen ihm alle, du bist der Beste. Das ist sehr, sehr gefährlich. Ein Junge mit 14 Jahren kann das noch nicht einordnen. Und da kann ihn die Realität dann auch schnell einholen und dann fällst du in ein Loch. Ich finde, da sind die Eltern natürlich in erster Linie aber auch die Vereine in der Verantwortung, zu helfen und auch einen Riegel vorzuschieben, wenn es ausartet. Ich benutze Social Media auch, ich denke, dass ich das vernünftig benutze – aber Social Media kann extrem gefährlich werden.

Ein ganz anderes Thema: Im Trainingslager in Südafrika haben Sie mit Werder eine Township besucht. Wie wichtig sind solche Erlebnisse im Kontrast zum Geschäft Profifußball?

Für mich, für uns alle, war es ein sehr wichtiges Erlebnis, um geerdet und dankbar da rauszugehen. Uns geht es unglaublich gut. Uns allen Menschen in Deutschland geht es eigentlich sehr gut. Wenn du dann durch so eine Township fährst und die Verhältnisse siehst – dann ist das ein Moment, um dankbar zu sein. Man sollte sich solche Momente immer wieder vor Augen führen, am besten vor Ort Menschen helfen, denen es nicht so gut geht wie uns. Gerade uns Fußballern geht es extrem gut. Auch durch den finanziellen Aspekt.

Sie waren im vergangenen Jahr mit Neven Subotic für seine Stiftung „100% Zukunft spenden“ in Äthiopien. Die Stiftung sorgt durch den Bau von Brunnen dafür, dass Menschen direkteren Zugang zu Trinkwasser haben. Sie sind nicht nur Spender, sondern auch Botschafter der Stiftung. Was bedeutet das ganz persönlich für Sie?

Meine Mama hat immer zu mir gesagt: Du wirst nie ärmer, wenn du anderen Menschen gibst. Und das versuche ich auch so zu machen. Meine Religion, mein Glaube, sagt mir auch, dass man sich gegenseitig helfen soll. Mir geht es immer gut, wenn ich sehe, dass ein Kind lacht. Dass ein Kind glücklich ist, dass Menschen glücklich sind. Es ist einfach schön solche Momente zu erleben. Gerade die Sache mit Neven in Äthiopien hat das ganze Sportliche, den ganzen Druck, worüber ich mir vorher schon viele Gedanken gemacht habe, ein bisschen relativiert. Ich habe ein Riesenglück in meiner Karriere gehabt, so ein gutes Leben für meine Familie ermöglicht. Ich komme aus ganz normalen Verhältnissen. Ich hatte Eltern, die Firmenarbeiter waren. Wir haben zu viert mit ganz normalem Einkommen gelebt. Uns ging es aber trotzdem gut, unsere Eltern haben uns alles ermöglicht. Die Verhältnisse, in denen wir jetzt leben, sind natürlich eine ganz andere Dimension. Deswegen bin ich sehr, sehr dankbar und habe auch eine Familie, die dankbar ist. Das ist auch sehr wichtig, dass deine Familie es nicht für selbstverständlich hält.

Auf Ihrer Homepage schreiben Sie, dass „Normalität“ Ihr größter Luxus ist. Was meinen Sie damit genau?

Ich bin gerne zwischen den Menschen, habe auch kein Problem, Fotos zu machen. Für mich ist es einfach wichtig, wenn ich zum Beispiel mit Freunden essen gehe, dass ich da meine Ruhe habe. Wenn dann ein Kind kommt und ein Foto machen möchte, mache ich das trotzdem super gerne. Wenn ich mich am Wochenende bei meiner Mannschaft in Meinerzhagen auf die Bank setze und der Fotograf nicht das Spiel, sondern die ganze Zeit mich fotografiert, dann sind das so Momente, in denen ich denke: Das sind meine Freunde, die da spielen, das ist die Mannschaft, die da spielt – mein Bruder ist hier, das sind die Hauptakteure. Du musst nicht Fotos von mir machen. Das sind Momente, in denen ich mir etwas mehr Normalität wünsche. Jeder auf der Welt weiß, dass ich meinem Heimatverein helfe, das muss nicht jede Woche in der Zeitung stehen. Luxus ist für mich, wenn ich mit meiner Familie im Restaurant sitze, meine Kinder drum herum spielen, meine Freunde dabei sind und andere Leute das respektieren, weil ich ja auch andere Leute respektiere, wenn sie Essen gehen und ihre Ruhe haben wollen.

Im ersten Teil des Interviews mit Nuri Sahin lest ihr, wie der Mittelfeldspieler seine erste Halbserie bei Werder bewertet, was er zu seinem Geschwindigkeitsdefizit sagt und wie sich Sahin auf eine mögliche Trainerkarriere vorbereitet. Das Interview findet sich hier.

Mein Werder hat sich zudem auf Spurensuche begeben: Manch einer vergisst in der Glitzerwelt des Fußballs, wo er herkommt. Bei Nuri Sahin ist das anders. Für seinen Heimatklub RSV Meinerzhagen ist der Werder-Profi Ratgeber, Sponsor und Vorbild. Unser Ortsbesuch findet sich hier.

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