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Rasenreport
12.06.2019
Ex-Kapitän Junuzovic im Mein-Werder-Interview

„Die Stimmung in Bremen ist einzigartig“

© imago images


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Endlich ist der Fluch besiegt…

Es war ein super Erlebnis, jetzt einmal Titel zu gewinnen – und dann noch innerhalb von drei Tagen. Wir haben das ganze Jahr hart dafür gekämpft und uns belohnt.

Es ist kaum zu glauben, aber durch dieses Double haben Sie ihre ersten Profititel überhaupt in Ihrer Karriere gewonnen. Wie groß ist die Last, die von Ihnen abgefallen ist?

Die Last war nicht so groß. Ich habe bislang eine Karriere gehabt, in der es sicherlich ein paar schwierige Phasen gab, aber auch mit überragenden Momenten. Ich habe so viel mitnehmen können. Sicher ist es aber schön, wenn man einen Titel feiern kann, weil es ein besonderes  Gefühl ist, wenn man etwas in den Händen halten kann.

Und jetzt winken obendrein auch noch die ersten Einsätze in der Champions League. Ist das noch einmal ein ganz besonderes i-Tüpfelchen, dass Sie die Königsklasse jetzt auch noch einmal mitnehmen dürfen?

Ja, natürlich. Im letzten Jahr war es sehr bitter, als wir gegen Roter Stern Belgrad klar besser waren, aber doch noch in der Qualifikation ausgeschieden sind. Aber sowas passiert. Im Fußball ist einfach alles möglich, das sieht man immer wieder. Das hat man auch jetzt in den Halbfinals gesehen. Deswegen lieben wir den Fußball, deswegen zieht er die Massen so an.

Sie sprechen das Champions-League-Halbfinale an. Gefühlt die ganze Welt hat mit Ajax Amsterdam getrauert, als das Aus kam. Sie müssten sich in Salzburg dagegen ordentlich gefreut haben, dass Tottenham gewonnen hat, weil so Ihre direkte Qualifikation quasi gesichert war.

Man muss Ajax einen riesigen Respekt für die Leistungen zollen, wir hätten es auch ihnen sehr gegönnt. Andererseits hat aber auch Tottenham immer an sich geglaubt und nie aufgesteckt. Da brauchst du einen richtig starken Kopf und einen tollen Charakter. Letztlich haben es sich die Engländer also auch verdient. Dass es für uns am Ende besser war, kommt dann halt einfach dazu. Grundsätzlich waren diese Spiele aber Werbung für den Fußball – und das ist es, was zählt.

Wenn Sie solche Leistungen sehen: Was bedeutet es für Sie, sich auf solch einem Level demnächst noch einmal beweisen zu dürfen, zu müssen und zu können?

Es waren für uns in der Europa League schon vergleichbare Matches , es ist einfach etwas Besonderes.  Wir hatten immer ein volles Haus und eine überragende Stimmung. Das waren unheimlich geile Spiele, die du noch einmal aus einer ganz anderen Sichtweise spielst. Es herrscht ein ganz anderes Flair, es ist elektrisierend. Die Champions League ist dann noch einmal eine Stufe höher. Wenn du dann die Hymne hörst – ach, das ist schon geil (grinst).

Ist das Jahr 2019 Ihr Jahr?

Es ist ja noch nicht vorbei.

Stimmt.

Sicherlich war es bis jetzt richtig gut. Wir haben immer mal wieder schwächere Phasen gehabt, dann aber als Einheit unsere Ziele erreicht. Die Stimmung in der Mannschaft ist überragend, auf und neben dem Platz. Wir haben uns das hart erarbeitet und deshalb ist die Freude jetzt umso größer.

In Deutschland gibt es immer noch das Vorurteil, dass wenn man für Salzburg spielt, man dann auch die beiden nationalen Titel holen muss. Es ist also eine Selbstverständlichkeit. War es genau das?

Eben nicht. Es wird von außen immer leichter dargestellt als es ist. Tatsächlich hatten wir viele Spiele, in denen es am Ende eng war. Wir haben zwölf Tore nach  der 90. Minute gemacht, davon viele entscheidende. Es gilt, ob gegen vermeintlich schwache Gegner oder gegen Topmannschaften, wenn die Mannschaft nicht 100% fokussiert und konzentriert über die volle Spielzeit arbeitet, kannst du in der Regel nicht gewinnen.

Natürlich gibt es für einen Klub wie RB Salzburg den Druck, unbedingt Titel zu holen. Wie schön war es dennoch, dass Sie endlich mal wieder eine Saison spielen konnten, in der es richtig gut läuft und in der Sie sich nicht mit dem psychischen Stress eines Abstiegskampfes auseinandersetzen mussten?

Natürlich könnte man das so sagen, aber du hast den Druck eben so oder so. Bei Werder habe ich damals die andere Seite kennen gelernt, die mental sehr schwierig ist. Da musst du vor allem in der Kabine als Einheit agieren. Da habe ich sehr viele Dinge für mich mitnehmen können. Solche Drucksituationen wie in Bremen, die helfen dir auch für das normale Leben. Du kannst bestimmte Dinge vernünftig einschätzen, sie relativieren, Unwichtiges beiseiteschieben und fokussiert bleiben. Sprich: Du lernst, dass du nicht von Nebenschauplätzen geblendet wirst. Deswegen will ich diese teilweise schwierige Zeit überhaupt nicht missen.

Gab es dennoch Phasen in Bremen, in denen Sie an sich selbst gezweifelt haben? In denen Sie sich gefragt haben, warum es eigentlich mit Ihnen auf dem Platz nicht viel besser läuft? Sie sind ja nun auch nicht der allerschlechteste Kicker.

Natürlich hatte ich solche Gedanken im Kopf und habe daran gearbeitet, dass es besser wird. Genau das meinte ich mit dieser individuellen Entwicklung. Ich war sehr lange in Bremen, die Mannschaft wurde durch Ein- und Verkäufe immer wieder durchgemischt und alles begann bei null. Dann sind wir wieder schlecht gestartet, es ging nie von Anfang an bergauf. Natürlich gab es dann Phasen, wo du ins Grübeln und Zweifeln kommst, aber das ist menschlich. Die Frage ist, wie du dich da rausholst. Du kannst ja auch aufgeben und die Situation so lassen, wie sie ist. Ich habe für mich aber immer versucht, positiv zu denken und daran zu glauben, dass es besser wird. Gott sei Dank, haben wir es immer wieder geschafft.

Kaum sind Sie weg, läuft es aber auch bei Werder wieder besser. Zufall?

Werder hat dieses Mal einen guten Start hingelegt und spielt richtig guten Fußball. Die Mannschaft hätte definitiv mehr Punkte verdient gehabt. Ich habe mir jedes Spiel angeschaut, wenn es möglich war und natürlich verfolgt, was meine Jungs so machen. Es freut mich, dass es bei ihnen so gut gelaufen ist. Allerdings glaube ich nicht, dass dies etwas mit meiner Person zu tun hat.

Sie sagen „meine Jungs“. Wie sehr fehlt Ihnen Werder im Alltag? Es sind ja doch sechseinhalb in mehrfacher Hinsicht prägende Jahre gewesen?

Wenn man derart intensive Zeiten erlebt und zusammen mit den Fans die Enttäuschung gespürt hat, aber eben auch die positiven Dinge, dann denkt man natürlich häufig darüber nach. Ich erinnere mich gern an die Zeit zurück.

Und dann gibt es ja auch noch Theodor Gebre Selassie, der in Bremen munter weiter die rechte Seite rauf und runter läuft.

Ja, stimmt (lacht).

Sie haben bekanntlich eine sehr enge Verbindung zu ihm.

Wir verstehen uns sehr, sehr gut. Wir haben noch immer sehr viel Kontakt, telefonieren sehr oft.

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Das klingt danach, als wären Sie noch immer voll informiert, was innerhalb der Mannschaft passiert?

Ich weiß alles (lacht).

Schauen Sie dann auch bei Werders Trainingslager im Zillertal kurz vorbei oder lässt das die Zeit nicht zu?

Das weiß ich noch gar nicht. Aber wenn die Zeit gegeben ist, dann werde ich sicherlich vorbeischauen, weil Zell am Ziller ja gerade einmal anderthalb Stunden von hier weg ist.

Zum endgültigen Glück fehlt jetzt nur noch ein Champions-League-Duell zwischen Werder und Salzburg. Glauben Sie, dass Sie das noch als Spieler erleben werden?

Also, das wäre wirklich richtig geil (lacht). Ob das jetzt in der Champions League oder in der Europa League passiert, ist egal. Nochmal im Weserstadion aufzulaufen, das hätte schon ein besonderes Flair.

Stichwort Weserstadion. Zuletzt wurde wieder die überragende Stimmung dort gelobt. Wird man da als Spieler nicht auch süchtig und wie schwer fällt es Ihnen, jetzt auf diese Atmosphäre zu verzichten?

Es ist schon richtig cool. Wenn ich allein an das Pokal-Halbfinale gegen die Bayern denke und wie das Stadion nach dem 2:2 ausgerastet ist. Das sind Momente, die müssen die Jungs mitnehmen, genießen und jede Sekunde einfach aufsaugen. Das ist etwas ganz Besonderes. Die Bilder von früher werde ich immer im Kopf haben, weil die Stimmung in Bremen sicherlich einzigartig ist. Wenn du im Bus schon die Rampe herunter durch die Kurve fährst, das ist schon richtig, richtig geil. So hat jede Phase im Leben ihre Sternstunden, damals wie auch heute.

Das Gespräch führte Malte Bürger.

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