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28.01.2019
Serie zu Werder Bremens 120. Geburtstag (1)

Die „Sphinx aus dem Norden“

© Georg Schmidt


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Das Weserstadion bebte, als am 24. August 1947 der Siegtreffer zum 3:1 gegen den 1. FC Nürnberg fiel. Die Begeisterung der 30.000 Zuschauer kannte keine Grenzen. Als „größtes sportliches Ereignis“ seit Bestehen des Weserstadions feierte der WESER-KURIER den Sieg des Oberligisten Werder Bremen gegen den Süddeutschen Meister.

Der bekannte Nationalspieler und spätere WM-Held von 1954, Max Morlock, hatte die überraschende Führung für Werder zwar eine Viertelstunde vor Schluss ausgeglichen. Doch dann legten die Werderaner durch zwei Neuzugänge nach: Erst besorgte Horst Gernhardt die erneute Führung, kurz vorm Abpfiff machte Kurt Wunderlich mit einem Kopfballtreffer die Sensation perfekt. Wirklich zu bedeuten hatte die Partie freilich nichts, es handelte sich nur um ein Freundschaftsspiel in der Saisonvorbereitung für die neue Oberliga Nord. Und doch hatte Werder ein Ausrufezeichen gesetzt – die Euphorie in Bremen war groß, so kurz vor dem Ligastart.

Doch bevor Werder in der Oberliga starten konnte, musste sich der Verein neu erfinden. Einfach den Faden wiederaufzunehmen, kam nicht infrage – die regimetreuen Vereine standen auf dem Index. Der amerikanischen Besatzungsmacht schwebte das Modell eines klassenübergreifenden Einheitssports vor, die früheren Arbeitersportvereine und die bürgerlichen Vereine sollten sich zusammenraufen. Das geschah auch: Am 10. November 1945 fusionierten der Sportverein Werder Bremen von 1899 und die 1933 verbotenen Vereine TV Vorwärts Bremen und Freie Schwimmer von 1910 Bremen zum Turn- und Sportverein TuS Werder von 1945. Doch die Militärregierung beharrte auf Vereinsnamen, die von jenen aus NS-Zeiten deutlich abzuweichen hatten. Die Folge: Bereits wenige Monate später wurde die neue Bezeichnung in SV Grün-Weiß von 1899 umgeändert. Erst als die Amerikaner ihre Vorbehalte aufgaben, konnte der SV Werder am 25. März 1946 zum traditionellen Vereinsnamen zurückkehren.

Bremer Stadtmeisterschaft nur ein schwacher Trost

Nur langsam war nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs der Spitzenfußball in der britischen Besatzungszone in Nord- und Westdeutschland aus den Startlöchern gekommen. Ganz anders in Süddeutschland und Berlin, wo der Spielbetrieb der Oberligen Süd, Südwest und Berlin bereits im Oktober 1945 angelaufen war. Eifersüchtig blickten Werders Funktionäre auf die Konkurrenz. Nur im lokalen Rahmen die Kräfte zu messen, das war zu wenig für die hochgesteckten Ziele des Vereins. Erst mit einiger Verspätung nahm die erste Herrenmannschaft ab März 1946 am Bremer Spielbetrieb teil. Statt Punktspiele gegen norddeutsche Topmannschaften auszutragen, trat der SV Werder gegen Woltmershausen oder Blumenthal an. Da war es nur ein schwacher Trost, dass der Verein sich den Gewinn der Bremer Stadtmeisterschaft an die Fahnen heften konnte.

Doch bereits in der folgenden Spielzeit mischte Werder 1946/1947 in der Nordgruppe einer zweigeteilten Niedersachsenliga mit. Dabei traf Werder auf einen alten Bekannten aus der Vorsaison, den Bremer Vizemeister aus Blumenthal, aber auch auf namhaftere Vereine wie den VfB Oldenburg oder den VfL Osnabrück. Schon damals sorgte der im Saisonverlauf vom MTV Saalfeld aus Thüringen zum Team gestoßene Gernhardt für Begeisterungsstürme. Seine beiden Treffer gegen Osnabrück sicherten Werder am letzten Spieltag den Gewinn der Meisterschaft der Niedersachsen-Gruppe Nord und damit die Qualifikation für die neue Oberliga Nord ab 1947/1948. In zwei Endspielen setzte sich die Mannschaft gegen Eintracht Braunschweig als Meister der Gruppe Süd durch und wurde Niedersachsenmeister.


Das war für längere Zeit der letzte Titel. Der Start der Elf in ihre erste Oberligasaison verlief durchwachsen. Ein Lichtblick war das Lokalderby gegen den „Proletenverein“ Bremer SV, das der „Bonzenklub“ Werder im Oktober 1947 mit 4:1 durch vier Tore von Gernhardt gewann. Doch die Experten trauten der Mannschaft nicht so recht. „Die nächsten Spiele werden beweisen müssen, ob Werder wieder da ist“, hieß es im WESER-KURIER. Es kam anders als erhofft. Nach der 0:2-Niederlage gegen Tabellenführer St. Pauli lautete das vernichtende Fazit: „Es blieb beim guten Willen der Bremer und in der zweiten Halbzeit nicht einmal bei dem.“ Als es im November 1947 eine 0:6-Klatsche gegen den ambitionierten Hamburger SV setzte, brannte die Hütte. Warum altbewährte Kräfte zurückstecken müssten „zugunsten von ‚Importen‘, die nicht einschlagen und noch nicht einmal Verbandsligareife besitzen“, schrieb der WESER-KURIER.

Die „Texas-Elf“

Ein eindeutiger Hinweis darauf, dass keine reinen Amateure mehr am Ball waren. Wollte ein Verein oben mitspielen, reichten Fußballer aus dem eigenen Umfeld nicht aus. Man musste sich mit auswärtigen Akteuren verstärken. Wie Gernhardt, der keineswegs aus reiner Liebe an die Weser gewechselt war. Vielmehr hatte der Verein ihn mit einem verlockenden Angebot geködert. Der legendäre Mittelstürmer zählt zu einer Reihe von Spielern, die in den frühen Nachkriegsjahren nur dank tatkräftiger Unterstützung der Zigarettenfabrik Martin Brinkmann zu Werder wechselten. Entweder stellte die Firma die Spieler ein oder zahlte ihnen ein stattliches Handgeld. Neben Gernhardt und Wunderlich profitierte von dem Engage-
ment unter anderem Herbert Burdenski von Schalke 04, Vater des späteren Torhüters von Werder Dieter Burdenski. Da Brinkmann damals eine Zigarettenmarke namens Texas im Sortiment hatte, sprach der Volksmund von Werders Mannschaft als der „Texas-Elf“.

An den fragwürdigen Spielerverpflichtungen änderte sich auch nichts, als der Deutsche Fußball-Bund (DFB) 1949 das Vertragsspielerstatut einführte. Ein Versuch, die Quadratur des Kreises hinzubekommen: Durch ein festgesetztes Monatsgehalt in Höhe von maximal 320 Mark sollte der Realität Rechnung getragen werden, von Berufsspielern wollte man aber nichts wissen und sprach lieber von Entschädigungen als von Gehalt. „Doch dafür wechselte kein namhafter Spieler den Verein“, erinnerte sich später ein Kenner der Szene. „Das ‚Lockmittel‘ waren Handgelder, die aus ‚schwarzen Kassen‘ gezahlt wurden.“ Diese Handgelder konnten ohne Weiteres im fünfstelligen Bereich liegen. Für den bundesweit umworbenen Ausnahmespieler Willi Schröder von Bremen 1860 wollte der Hamburger SV 1953 stolze 15 000 Mark auf den Tisch legen, Werder soll 10 000 Mark geboten haben und Eintracht Braunschweig sogar 20 000 Mark.

Bezahlt machte sich der finanzielle Aufwand nicht. Am Ende der Auftaktsaison in der Oberliga Nord reichte es 1948 nach dem verkorksten Start gerade noch für den vierten Platz. An eine Teilnahme an der Endrunde im Kampf um die Deutsche Meisterschaft war nicht zu denken. Qualifiziert waren nur die Meister der fünf Oberligen Nord, West, Südwest, Süd und Berlin sowie drei zweitplatzierte Mannschaften. 1949 rutschte Werder sogar auf den achten Platz ab und landete hinter dem Lokalrivalen Bremer SV (BSV), der die Saison als Fünfter beendete. Für den vormaligen Eliteklub ein schwerer Schlag, der im Bremer Westen mancherlei Häme hervorgerufen haben dürfte. „So mancher Regenschirm wurde nicht nur zum Schutz vor Regen genutzt“, schreibt Werder-Experte Harald Klingebiel über die aufgeheizte Stimmung auf den Rängen, wenn ein Derby anstand. Freilich musste der BSV danach fast immer gegen den Abstieg kämpfen, 1955 war die Klasse nicht mehr zu halten. Dem Wiederaufstieg 1961 folgte ein kurzes Intermezzo, nach einer Saison musste sich der Verein wieder verabschieden.

Werder konnte in den folgenden Spielzeiten nie vollends überzeugen. In der Saison 1949/1950 sprang wiederum der vierte Platz heraus, über den zweimaligen dritten Rang 1953 und 1955 kamen die Bremer bis 1958 nicht hinaus. Eine ernüchternde Bilanz. Die Elf präsentierte sich oft als launische Diva: Gegen Spitzenmannschaften gewann das Team, gegen schwächere Gegner kassierte es unerwartete Niederlagen. Deshalb nannte man Werder auch die „Sphinx des Nordens“. Konstant spielte dagegen der zweifache Deutsche Meister Hamburger SV. In den 16 Spielzeiten der Oberliga von 1948 bis 1963 holte der Verein 15 Mal den norddeutschen Titel. Nur einmal reichte es nicht für den ersten Platz: in der Saison 1953/54, als der Verein wegen seiner unerlaubten finanziellen Avancen an die Adresse Willi Schröders mit einem Abzug von vier Punkten bestraft wurde – der Titel wäre auch ohne Punkteabzug nicht zu verteidigen gewesen, Hannover 96 machte das Rennen. Als Lohn für die gepflegte Spielkultur sprang 1960 für den HSV die Deutsche Meisterschaft heraus.

Wolffs Plädoyer für den Profifußball

Der Skandal um Schröder blieb auch für Werder nicht ohne Folge. Ins Rollen kam der Stein, als eine Borgward-Niederlassung in Bremen mit dem Spruch „Dieses Auto kaufte Nationalspieler Willi Schröder“ warb. Angesichts seiner bekannten eher dürftigen finanziellen Verhältnisse ein Wunder. Erklärlich eigentlich nur mit einem stattlichen Handgeld, das ein anderer Verein als Werder gezahlt haben musste, da Schröders Abschied aus Bremen ein offenes Geheimnis war. Laut Klingebiel brachte eine Anzeige aus dem Umfeld des Vereins die Sache vor das Sportgericht. Dumm, dass bei den Ermittlungen nicht nur der Verstoß des HSV ans Tageslicht kam, sondern auch das Angebot, das Werder dem Spieler unterbreitet hatte. Werder musste eine Geldstrafe in Höhe von 1000 Mark zahlen. Schröder büßte seinen Amateurstatus ein und wurde bis zum 31. Dezember 1954 gesperrt, Werders Albert Drewes hatte dagegen mit seiner Berufung gegen das Tätigkeitsverbot Erfolg.

In Kombination mit dem wachsenden Schuldenberg löste die Affäre einen heftigen Streit im Verein aus. Der Zwist entzündete sich an Geschäftsführer Hans Wolff, einem vehementen Befürworter des Spitzenfußballs. „Die Menge will nicht edle Amateureinfalt sehen, sondern erstklassigen Fußball“, lautete sein Credo. Erstklassigen Fußball könne aber nur spielen, wer keine existenziellen Sorgen habe. Ein Plädoyer für den Profifußball. Und tatsächlich gab es den nicht unbegründeten Verdacht, Wolff führe schwarze Kassen, um Spieler wie Schröder an den Verein zu binden. Über seine Machtfülle überwarf sich der Vorstand – die einen stützten ihn, die anderen wollten seinen Sturz. Zwischen den Kontrahenten kam es 1954/1955 zu einem juristischen Tauziehen, ein Notvorstand ohne demokratische Legitimation übernahm die ­laufenden Geschäfte. Erst die Intervention des Ehrenpräsidenten Alfred Ries im ­Januar 1956 glättete die Wogen, auf sein Drän­gen bestätigten die Mitglieder den Notvorstand.

Mit dem Engagement des ehemaligen HSV-Trainers Georg Knöpfle ab 1958 ging es sportlich aufwärts. Die vormals launenhafte „Sphinx des Nordens“ belegte bis zur Einführung der Bundesliga 1963 konstant den zweiten Platz hinter dem Serienmeister Hamburger SV. „Aus einer nicht gewachsenen, sondern nur zusammengekauften Elf war endlich eine organische Einheit geworden“, schreibt Klingebiel. Nun bekamen die Zuschauer in der Endrunde um die Deutsche Meisterschaft hochkarätige Klubs aus Deutschland im Weserstadion zu sehen. Doch beim Kräftemessen der acht Teams in zwei Vierergruppen reichte es nie für den ersten Platz, der zum Finaleinzug berechtigt hätte. Dafür holte sich Werder 1961 mit dem DFB-Pokal die erste nationale Trophäe seiner Vereinsgeschichte. Nach Toren von Willi Schröder und Helmut Jagielski bezwang die Elf von der Weser den 1. FC Kaiserslautern mit 2:0.

Derweil nahmen die Pläne zur Einführung der Bundesliga Gestalt an. Dabei griff der DFB auf Pläne zurück, die seit 1932 in der Schublade lagen. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs hatte eine eingleisige Liga allein wegen der verschiedenen Besatzungszonen keine Erfolgsaussichten. Der einzige Trost: Fünf Oberligen als höchste Spielklasse des deutschen Fußballs waren besser als die 16 Gauligen von 1933. Dass das nicht das letzte Wort sein konnte, war klar – wollte Deutschland international mithalten, musste eine eingleisige erste Liga mit Profifußballern her. Für diese Bundesliga qualifizierte sich der SV Werder Bremen dank seiner fünften Vizemeisterschaft in Folge in der letzten Oberligasaison 1962/1963 ohne Probleme.

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