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Rasenreport
07.03.2019
Werders Punkteausbeute in der Analyse

Die gefühlte Verbesserung

© nordphoto


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Eindrücke können trügerisch sein, aber Zahlen lügen nicht. Gefühlt spielt Werder, da sind sich die meisten Beobachter einig, den besten Fußball seit Jahren. Und wer Belege dafür sucht, findet sie schnell in den Statistiken: Von 47,6 Prozent Ballbesitz in der Vorsaison steigerte sich die Mannschaft von Florian Kohfeldt auf 52,8 Prozent, die Passquote legte von 76,3 Prozent auf 80,1 Prozent zu. Und standen im Vorjahr nach 24 Spieltagen noch 26 Punkte zu Buche, sind es in dieser Saison satte 33.

Aber ist es wirklich so einfach? Eintracht Frankfurt, in der Tabelle sieben Zähler voraus und in der Europa League im Achtelfinale, begnügt sich schließlich auch nur mit einem Ballbesitzdurchschnitt von 47,5 Prozent. Und RB Leipzig, deutlich auf Champions-League-Kurs, bringt nur 75 Prozent aller Zuspiele zum eigenen Mann. Beide Mannschaften haben allerdings kein Problem, sondern schlicht einen deutlich stärker auf Pressing und Unruhe ausgerichteten Stil als Werder.

Die Frage nach der Objektivität

Die Rahmendaten, die mit dem Bremer Aufschwung verknüpft werden, sind also mehr als eine Identitätsfindung zu verstehen, weniger als qualitativer Zugewinn. Kohfeldt ist es gelungen, seiner Mannschaft ein besser funktionierendes Positionsspiel einzuimpfen und verfolgt einen Ansatz, der Umschaltangriffe bislang weniger stark gewichtet als der seiner Vorgänger. Das mag angenehmer anzuschauen sein – ob es wirklich mehr Erfolg verspricht, lässt sich so allerdings nicht feststellen.

Meist geht der nächste Blick auf die Tabelle. Diese sei schließlich der eine, objektive Maßstab, an dem sich die Leistung eines Teams ablesen lassen sollte. Eine Ansicht, die durchaus fragwürdig ist: Oft genug entscheiden Glück und Pech in der Chancenverwertung, schicksalhafte Schiedsrichterentscheidungen und Ausfälle von Schlüsselspielern über die entscheidenden Nuancen einer Partie und können somit den Unterschied zwischen null und drei Punkten ausmachen. Mitunter gleichen sich solche Effekte im Verlaufe einer Saison aus – 34 Spiele sind allerdings immer noch eine eher kleine Stichprobengröße. Lässt man sich aber auf das Argument der nackten Zahlen ein, steht Werder auf den ersten Blick in der Saison 2018/2019 eben besser da als noch in der Spielzeit 2017/2018.

An den niedrigen Hürden gestrauchelt

Dabei verkennt diese Sichtweise ein wichtiges Detail: Der Spielplan unterscheidet sich von Saison zu Saison. In anderen Worten: Die dicken Brocken, gegen die Werder in der Vergangenheit kaum punkten konnte, kommen erst noch. Vergleicht man die Spiele Gegner für Gegner mit denen das Vorjahres (und tauscht entsprechend Auf- und Absteiger gegeneinander aus), ergibt sich keine Verbesserung um sieben Punkte, sondern sogar ein Minus von drei Zählern. Vor allem in den scheinbar einfachen Heimspielen gegen das Keller-Trio aus Stuttgart, Hannover und Nürnberg ließ Kohfeldts Mannschaft ganze sechs Punkte liegen, kam gegen tiefstehende Gegner mitunter zu selten in Tempoaktionen.

Natürlich ist auch diese Vergleichsmethode nicht perfekt. Schalke 04 etwa, kommender Gegner und amtierender Vize-Meister, war vor Jahresfrist selbst einer der dickeren Brocken der Liga. Mittlerweile sind die Gelsenkirchener im Abstiegskampf angekommen. Das gehört zum Geschäft: Kader (und manchmal auch Trainer, nicht zuletzt bei Werder selbst) verändern sich im Laufe eines Jahres, unvorhersehbare Formkurven tun ihr übriges. Aber: Dass unter den verbliebenen zehn Bremer Gegnern die komplette Top Vier der Liga, das zweitbeste Rückrundenteam Bayer Leverkusen sowie eine Auswärtspartie gegen Hoffenheim zu finden ist, spricht dafür, dass man es bisher an der Weser verhältnismäßig leicht hatte. Wer also argumentieren möchte, dass Werder sich gar zurückentwickelt habe, findet auch dafür in den Zahlen Munition.

Der Weg ist noch nicht zu Ende

Letztlich ist die Bewertung des Bremer Weges zu diesem Zeitpunkt auch eine der Perspektive. Wen der Skeptizismus treibt, der wird seine Sicht auf die Dinge eher darin wiederfinden, dass Werder nur 16 Punkte aus den letzten 16 Spielen holen konnte. Rechnet man sich eher den Optimisten zu, passt die Erkenntnis von acht Pflichtspielen in Serie ohne Niederlage eher in das grün-weiße Weltbild. Beides sind Fakten einer Saison der durchschnittlichen Resultate, die mehr als eine legitime Interpretation zulassen.

In der Hektik des Bundesliga-Alltags kann es schwerfallen, diese Ambivalenz auszuhalten. Freut man sich über eine Saison ohne Abstiegssorgen – oder ärgert man sich darüber, dass der europäische Wettbewerb Woche für Woche unwahrscheinlicher wird? Und: Muss zwischen diesen beiden Optionen überhaupt ein „oder“ stehen? Im Bremer Fall entschädigt für den Moment zumindest die bislang starke Pokalsaison für die mittelmäßige Ausbeute in der Liga. Auch das Positivbeispiel aus Frankfurt hatte in der Vorsaison nicht die Konstanz, den Weg zurück nach Europa über die Liga zu gehen. Werder könnte ein ähnliches Initiationserlebnis, wie die Eintracht es mit ihrem Pokalsieg erlebte, für den nächsten Schritt gut gebrauchen – ganz zu schweigen von den zusätzlichen Einnahmen.

Wohltuende Ruhe

Vor allem aber bedeutet die komfortable Tabellensituation zehn Spieltage vor Saisonende eine Planungssicherheit, die man in Bremen so in den letzten Jahren nicht kannte. Statt Notfallpläne für einen drohenden Abstieg zu schmieden, kann Sportchef Frank Baumann in Ruhe kommende Kaderveränderungen vorbereiten, während junge Spiele wie Johannes Eggestein, Josh Sargent oder Milot Rashica ohne den ganz großen Druck Spielpraxis auf Bundesliganiveau sammeln können. Das mag nicht immer den kurzfristigen Erfolg bringen, der spätestens mit dem ambitioniert formulierten Saisonziel auf dem Wunschzettel vieler Beobachter gelandet ist. Aber es schafft ein Fundament, von dem sich sportliche Erfolge leichter entwickeln lassen als in Krisenzeiten.

Übrigens: In der Vorsaison ging das Heimspiel gegen Schalke mit 1:2 verloren. Sollte Werder am Freitag (Anstoß: 20.30 Uhr) also gewinnen, hätte man im Direktvergleich wieder mit der vorangegangenen Spielzeit gleichgezogen. Und eben auch noch neun Spiele Zeit, um gegen hochkarätige Gegner zu beweisen, dass die sportliche Entwicklung an der Weser wieder in die richtige Richtung geht. 

Greenkeeper am 08.03.2019, 08:25
In der heutigen Medienlandschaft ist es nunmal so, dass viel produziert werden muss und Cedric Voigt hat aus allerhand richtigen Fakten einen lesenswerten, unterhaltsamen Artikel geschrieben, bei dem die Hauptaussage der Unterhaltung wegen auf viele Worte aufgeblasen wurde, ohne dass sie deswegen weniger wahr wäre: Abgerechnet wird zum Schluß und bei der gegenwärtigen Momentaufnahme ist für jeden was dabei. Jeder kann die Bewertung der Saison so drehen, wie er will: Der besserwisserische Meckeronkel genauso wie der träumerische Begeisterte. Es ist ungerecht, die Enttäuschung über diese Lage an Herrn Voigt auszulassen, denn er ist Journalist und kein Hellseher.

Kritik muss man an Mannschaft und Trainer richten, dass sie offenbar ein Stück weit das Selbstbewußtsein verloren haben, die Zielstrebigkeit vermissen lassen, ihre Fehlerquote erhöht haben und insgesamt zu viel liegen lassen.

Die Mannschaft und den Trainer jetzt etwas härter in die Pflicht zu nehmen und Platz 9 als neues Minimalziel auszurufen(zusätzlich zum Maximalziel Europa) würde vielleicht helfen. Mein gefühlter Eindruck ist, dass Kohfeldt manchmal zuviel will und die Mannschaft zu viele bzw. Zu komplizierte Aufgaben gestellt bekommt und sich damit verzettelt.
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joey65 am 08.03.2019, 10:55
Bei all den Schlagabtauschen hier muss ich "Anna" in der Kernaussage recht geben: Hier und auch drüben (Deichstube) steht Quantität vor Qualität.
Das Produkt der beiden Begriffe ist tatsächlich eine Konstante.
(Ich werde auch diesen Post unter den anderen Artikel setzten ...)
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