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02.03.2019
Casteels' Entwicklung in Wolfsburg

Der Torspieler

© dpa


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Es hat eine ganze Weile gedauert, ehe Koen Casteels und die Bundesliga endlich so richtig zueinander gefunden haben. Casteels war 19 Jahre jung, als er seine Heimat verließ und es bei der TSG Hoffenheim versuchen wollte. Deutschland statt Belgien, Bundesliga statt Jupiler League, Bayern München statt Zulte Waregem.

Der Sprung von der Ersatzbank des KRC Genk in eine der besten Ligen Europas war enorm, Hoffenheim mit seinem durch Ralf Rangnick geprägten Jugendstil und seinem Faible für entwicklungsfähige Spieler aber eine wohl überlegte Entscheidung. Casteels sollte in einem ruhigen Umfeld an einem eher unaufgeregten Standort lernen. Dass sich die Gemengelage quasi mit Casteels‘ Ankunft in Hoffenheim radikal veränderte, war dagegen nicht geplant.

Tribüne, Ersatzbank, Verletzungen

Fünf Trainer in nicht einmal zwei Jahren verschliss die TSG, die komplett ihre Linie verlor und phasenweise nur noch wild und ohne erkennbares Konzept einkaufte. Auch auf der Torhüterposition, wo Casteels im Sommer 2012 plötzlich unter anderem Tim Wiese vor die Nase gesetzt bekam. Am Ende einer katastrophalen Saison war es dann nicht Wiese, sondern Casteels, der Hoffenheim in der Relegation doch noch in der Bundesliga hielt.

Casteels wurde zu einem der jüngsten Stammtorhüter der Bundesliga, bis er sich im Frühjahr 2014 das Schienbein brach. Die schwere Verletzung war letztlich der Anfang vom Ende seiner Zeit in Hoffenheim, nach seiner Genesung nahm Casteels das Vertragsangebot aus Wolfsburg an, obwohl auch da die Aussichten nicht besonders rosig waren: In der damaligen Spitzenmannschaft hütete die damalige Spitzenkraft Diego Benaglio das Tor, also erwies Klaus Allofs seinem ehemaligen Klub diesen kleinen Gefallen und verlieh Casteels sofort weiter an Werder.

In Bremen kam er erst sieben Spiele vor dem Ende der Saison 2014/15 an Raphael Wolf vorbei, zurück in Wolfsburg nicht an Meister- und Pokalheld Benaglio. Also wieder in die Warteschleife, immer auf dem Sprung zu einer neuen Herausforderung. Gerüchte gab es immer wieder, unter anderem sollen sich auch Werder und Casteels im Sommer 2017 nochmals nähergekommen sein. Da schließt sich auch der Kreis: Werder holte Jiri Pavlenka, Casteels sich endgültig den Stammplatz im Wolfsburger Tor.

Denken wie ein Feldspieler

Seit jener Saison ist Casteels nicht nur die unumstrittene Nummer eins in Wolfsburg, sondern hat sich auch zu einem der besten Torhüter der Liga entwickelt. Das ist natürlich auch Werder-Trainer Florian Kohfeldt nicht verborgen geblieben, der Casteels aus seiner Zeit als Co-Trainer unter Viktor Skripnik kennt. „Er ist mit dem Ball am Fuß wie ein weiterer Feldspieler, den sie immer wieder einbauen in die Spieleröffnung, und er hält einfach unfassbar gut dieses Jahr. Das freut mich sehr für ihn“, sagte Kohfeldt auf der Pressekonferenz am Freitag. „Er hat fast fehlerlos gespielt, vielleicht kann er am Sonntag mal einen einstreuen.“

Casteels‘ Ansatz ist dabei ein etwas anderer, als ihn zum Beispiel Pavlenka bei Werder verfolgt. Der Tscheche ist eher ein Vertreter der klassischen Torhüterschule, der sich nicht besonders einbringt in den eigenen Spielaufbau und auch nur ein wohl dosiertes Risiko eingeht mit dem Ball am Fuß.

Casteels dagegen, Kohfeldts Lob hat es angedeutet, ist der Typ mitspielender Torhüter, der im gegnerischen Ballbesitz immer auf dem Sprung ist, eine Situation auch weit vor dem eigenen Tor in Libero-Art zu löschen und im eigenen Spielaufbau in die Rolle des elften Feldspielers schlüpft. Casteels war bis zu seinem 15. Lebensjahr selbst in den höchsten belgischen Jugendligen Torhüter und Feldspieler, wechselte munter hin und her.

Das hat seine fußballerischen Fähigkeiten und seine Technik verfeinert und ein Gefühl dafür entwickelt, in welchen Spielsituationen sich ein Feldspieler frei bewegen und zum Beispiel drehen kann und in welchen er sofort unter Druck geraten könnte. Dieses Wissen wiederum beeinflusst seine Entscheidungsfindung als Torhüter und wann er welches Risiko nehmen kann im Passspiel. Casteels verkörpert so etwas wie eine Mischung aus viel Torhüter und ein bisschen Feldspieler, findige Experten haben dafür einst den Begriff des Torspielers etabliert.

Anführer und Identifikationsfigur

Casteels kann den Ball dazu nicht nur weit, sondern auch sehr genau spielen, in der Bundesliga gibt es nur wenige Torhüter, die einen ähnlichen Hub mit Präzision vereinbaren können wie der Belgier. Das ist für das Wolfsburger Spiel durchaus von Vorteil, immerhin gibt es ganz vorne im Angriff mit Wout Weghorst und dem derzeit verletzten Daniel Ginczek gleich zwei bullige, groß gewachsene Abnehmer, die mit Casteels‘ langen Bällen auch etwas anzufangen wissen.

Mindestens ebenso wichtig wie diese handwerklichen Fähigkeiten mit dem Fuß, seine Reaktionsschnelligkeit auf der Linie und seine Strafraumbeherrschung sind aber seine Fähigkeiten als Anführer und Identifikationsfigur. Wolfsburgs Mannschaften der vergangenen Jahre zeichneten sich immer durch eine hohe individuelle Qualität aus, aber der Kitt untereinander fehlte, um aus einer Ansammlung aus Individualisten eine Gemeinschaft zu formen. Mit der Ernennung zum stellvertretenden Kapitän hat Casteels für sich noch einmal einen großen Entwicklungsschritt gemacht.

Längst ist er zu einem Spieler gereift, an dem sich der Rest aus- und aufrichten kann und dessen Wort in der Kabine Gewicht hat. Die Tatsache, dass sich Casteels in einwandfreiem Deutsch verständigen kann und einen guten Draht zu Trainer Bruno Labbadia pflegt, hilft dabei natürlich. In Wolfsburg wollen sie den Torhüter zu einem der Gesichter des Klubs machen und den Vertrag vorzeitig verlängern. Koen Casteels ist endlich angekommen.

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