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28.05.2019
Tourés unglaubliches Juve-Abenteuer

Der Jäger des verlorenen Glücks

© imago images


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Die Sonne strahlt, als Idrissa Touré zum Telefon greift. „Hier in Italien ist es immer heiß“, sagt er im Gespräch mit Mein Werder und lacht. Die gute Laune, sie ist endgültig zurück im Leben des 21-Jährigen. Weil es nun auch sportlich wieder läuft. Touré steht eigentlich noch bei Werder unter Vertrag, ist in der vergangenen Saison aber an Juventus Turin ausgeliehen worden. Zwar nur an die zweite Mannschaft, trotzdem war der Mittelfeldspieler mittendrin im großen Zirkus. Jetzt plant er den Neustart.

Eigentlich bräuchte Idrissa Touré gar keinen Stimmungsaufheller, er ist ohnehin eine echte Frohnatur. Jemand der weiß, wie man die schönen Seiten des Lebens genießt. Oder wie man in Turin sagt: la dolce vita. Doch es gab eine Zeit, da hat er es vielleicht eine Spur übertrieben – zumindest dann, wenn man ein erfolgreicher Fußballprofi werden will. Und Talent hat er, davon war man auch beim DFB überzeugt. In der deutschen U18 war Touré einst Kapitän, für RB Leipzig spielte er im März 2016 wenige Sekunden in der 2. Bundesliga und war somit der erste Nachwuchsakteur des Vereins, dem dieses Kunststück gelang. Im Grunde nur eine Randnotiz, doch für den Klub ein kleiner Meilenstein. Mit anderen Worten: Rosiger hätten die Zukunftsaussichten des gebürtigen Berliners kaum sein können.

Der Fluch des Zimmerbrandes

Doch dann kam der Oktober 2016 und eine Reise mit der U19 des DFB. Der deutsche Nachwuchs hatte in der EM-Qualifikation gerade Gibraltar mit 5:0 geschlagen – auch dank eines Treffers von Idrissa Touré. Nur zwei Tage später folgte das nächste Spiel in Albanien, doch da war Touré nur noch Zuschauer. Schlimmer noch: Für ihn war die DFB-Karriere vorbei. Mit seinem Leipziger Kollegen Vitaly Janelt hatte er nicht nur eine Wasserpfeife geraucht, sondern mit der Shisha auch noch einen Zimmerbrand im Hotel verursacht. Eine Geschichte, die seither wie eine dunkle Wolke über der Karriere Idrissa Tourés schwebt.

„Nach dieser Sache ging es wirklich nur noch abwärts“, sagt Touré heute. "Ich hatte einen schlechten Ruf, die Leute haben nur noch gedacht, dass ich nie lernen und es nie schaffen würde.“ In Leipzig war der Weg für Idrissa Touré dann auch zeitnah beendet, der damalige RB-Sportvorstand Ralf Rangnick begründete die Entscheidung auch damit, dass Touré und Janelt „bei uns schon ein bisschen was auf dem Kerbholz“ gehabt hätten. „Ich hatte damals halt viele kleine Sachen auf dem Konto, die sich gehäuft haben und so zu etwas Großem wurden“, sagt Touré. „Die Bettruhe war zum Beispiel um 22.30 Uhr, aber welcher 17-Jährige geht genau um diese Zeit schlafen.“ Dennoch erinnert er sich gern an die Station in Sachsen zurück. „Es war in Leipzig eine tolle Zeit, das war ein Sprungbrett für mich.“

Märchenhafter Anruf

Tatsächlich wurde viel gesprungen. Im Januar 2017 ging es für Idrissa Touré weiter zur U23 des FC Schalke 04, im Folgesommer wurde er zu Werders U23 transferiert. Dort absolvierte er während der Abstiegssaison aus der 3. Liga 35 Partien und erzielte zwei Tore. Für höhere Aufgaben empfahl er sich jedoch nicht, Florian Kohfeldt hatte als Cheftrainer der Profis vorerst keine Verwendung für ihn. Und so sollte Touré verliehen werden, eigentlich nach Venlo. „Ich habe damals zehn Tage Zeit gehabt, um mich zu beweisen, doch schon nach drei Tagen hat der dortige Coach meinem Vater gesagt, dass er mehr Wert auf erfahrenere Spieler legt“, sagt der 21-Jährige. „Da ich nicht zu einer Mannschaft wechseln wollte, bei der ich dann nicht spiele, haben wir das damals beiderseitig abgebrochen.“

Venlo wollte nicht, Werder wollte nicht. Irgendwie klang das gewaltig nach Sackgasse. Bis wieder einmal Idrissa Tourés Telefon klingelte. „Dann kam zwei, drei Tage später der Anruf von meinem Berater, dass sich Juventus gemeldet hat und interessiert ist“, erinnert er sich. „Ich habe sofort meine Familie angerufen und ihr davon erzählt. Es war unglaublich, ich konnte es gar nicht realisieren.“

Training mit Cristiano Ronaldo

Damit war er nicht allein, in Deutschland staunte man durchaus über seinen Wechsel. Wie also kam dieses Märchen zustande? „Bei Juve kannte man mich schon länger, ich wurde bereits beobachtet, als ich noch für RB Leipzig gespielt habe“, sagt Touré. „Als dann die zweite Mannschaft von Juventus neu aufgebaut wurde, haben sie sich gedacht, dass ich in dieses Projekt sehr gut hineinpassen würde.“ Das Klischee ist billig, eben weil es um Italien geht. Und doch war es für Idrissa Touré ein Angebot, das er nicht ablehnen konnte. „Wenige Tage später wurde dann auch noch bekannt gegeben, dass Cristiano Ronaldo ebenfalls nach Turin wechselt. Da war ich natürlich noch glücklicher.“

Und plötzlich war Touré also mittendrin im ganz großen Zirkus, eine Stadt im Ausnahmezustand. Alles drehte sich nur noch um den Weltfußballer, die Medien hyperventilierten förmlich wegen CR7. Und was machte Touré? Der blieb ziemlich ruhig. „Als ich das erste Mal mit all diesen großen Spieler trainiert habe, war es natürlich unglaublich. Sie haben aber direkt sehr viel mit mir geredet und ich habe auch gleich Freunde gefunden“, sagt er. „Mit Sami Khedira oder Emre Can habe ich mich sehr gut verstanden, auch mit den französischsprachigen Spielern wie Blaise Matuidi war das so.“

Zurück im Rampenlicht

Zwei bis drei Mal die Woche trainierte er mit den Topstars, stolz verbreitete er ein Bild von sich und Ronaldo bei einer Einheit. Der fußballerische Ernst fand aber zwei Etagen tiefer statt, dort wo die Aufregung nicht ganz so groß ist. Als Stammkraft stand Touré in 34 Spielen auf dem Platz, erzielte dabei zwei Tore und landete mit Juves U23 im tristen Mittelfeld der drittklassigen Liga C.

War es also ein verlorenes Jahr? Keineswegs. „Ich habe den Fußball noch einmal ganz neu kennengelernt“, sagt er. „Mit dem Wechsel von Werder zu Juventus haben sich viele Türen wieder neu geöffnet. Auf mich wurde man wieder aufmerksam. Juve pickt sich ja nicht aus Zufall einen Spieler heraus. Es ist eine große Ehre, dass sich mich ausgewählt haben und ich diesen Klub genießen kann.“

Der Traum von der Topliga

Ob die Kaufoption, die sich die Italiener im Vorsommer gesichert haben, gezogen wird, ist noch unklar. Aktuell werden Gespräche geführt, wie es weitergehen soll. In der ersten Mannschaft tummeln sich allerdings die Spieler mit den ganz großen Namen, noch ein Jahr in Liga drei passt nicht in Tourés Karriereplan. „Es darf jetzt gern noch ein bisschen höher gehen. Ich habe es langsam satt, in der zweiten Mannschaft oder dritten Liga zu spielen“, bekräftigt er. Bei Werder ist noch immer kein Platz für ihn, auch wenn er an der Weser noch einen Vertrag bis zum Juni 2021 besitzt. Daher ist eine erneute Leihe nicht unwahrscheinlich. Es gibt Gerüchte über einen Wechsel zurück nach Deutschland, zum Zweitligisten Erzgebirge Aue. Dort könnte Idrissa Touré beweisen, dass er tatsächlich gereift ist. „Ich bin allein im letzten Jahr fünf, sechs Schritte im Kopf erwachsener geworden. Auch meine ganze Mentalität hat sich enorm gesteigert. Hier bin ich wirklich zum Mann geworden“, sagt er.

Sein Traum ist und bleibt ein Klub in einer der fünf europäischen Topligen. „Dort möchte ich mich beweisen“, sagt Touré. Es ist nicht nur so dahergesagt, der Glaube daran schwingt in seiner Stimme mit. Dafür war das vergangene Jahr einfach zu positiv, dort hat er es seinen Kritikern gezeigt, wie er findet. Und genau deshalb hat er auch wieder allen Grund zum Lachen.

NickNameless am 28.05.2019, 15:06
"Ich bin allein im letzten Jahr fünf, sechs Schritte im Kopf erwachsener geworden. Auch meine ganze Mentalität hat sich enorm gesteigert. Hier bin ich wirklich zum Mann geworden."


...und reisst mit dem letzten Satz alles wieder ein.

Was macht denn einen Mann in dem Alter aus? Unter der Woche keine Sportwagen in die Leitplanken zu hämmern?


„Schauen Sie mal, wo ich bin. Ich trainiere mit Spielern zusammen, von denen andere nur träumen können.“


Auch wenn man sich nur "viele, kleine Sachen" geleistet hat, wäre etwas Demut vielleicht angebracht. Das kann ich aus einem solchen Satz nun überhaupt nicht raushören. Soviel zum Thema "erwachsen sein"...

Sorry, aber der kann mich mit solchen Aussagen charakterlich noch so gar nicht überzeugen.
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