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Rasenreport
06.03.2019
Werders Spiel gegen Schalke vor 15 Jahren

Der große Spannungsabfall

© dpa


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Clemens Götze hatte den Abend genau geplant. Er wollte sich mit einem Bekannten treffen, um gemütlich das Eröffnungsspiel der Bundesliga-Saison 2004/05 zwischen Werder und Schalke im Fernsehen zu schauen. Rechtzeitig vor dem Anpfiff machte er sich auf den Weg und hätte sich zu diesem Zeitpunkt wohl nicht einmal in seinen kühnsten Träumen vorstellen können, dass er zu einem der Hauptdarsteller dieses denkwürdigen Bundesliga-Abends werden sollte. Götze hatte Bereitschaftsdienst als Entstörungsmonteur des Energieversorgers swb. Als er unterwegs war zu seinem Bekannten, erreichte ihn der Anruf: Stromausfall, ausgerechnet im ausverkauften Weserstadion. Es lag nun an Götze und an seinem Kollegen Thomas Weide die Störung zu beheben und damit den Fußballabend für 42.500 Zuschauer im Stadion sowie Millionen Fans vor den Bildschirmen zu retten. „Aber darüber habe ich erst einmal gar nicht nachgedacht“, sagt Götze.

Der 51-Jährige lacht viel, wenn er die kurioseste Geschichte seines Berufslebens erzählt. Keine Frage: Er erinnert sich gerne daran, und wenn Werder in dieser Woche erstmals seit rund 15 Jahren wieder an einem Freitagabend den FC Schalke empfängt, werden bei Götze zwangsläufig Erinnerungen wach. An dem erwähnten Freitagabend im August 2004 fuhren Götze und sein Kollege nach der Alarmierung erst einmal zum Umspannwerk an der Bismarckstraße, währenddessen herrschte einige Hundert Meter weiter im Stadion Ratlosigkeit. Der rote Teppich war ausgerollt worden. Werders versammelte Ehrenspielführer sollten mit der Meisterschale, die die Bremer in der Vorsaison geholt hatten, feierlich auf den Rasen schreiten. Als sie losgehen wollten, gab die Stadionregie jedoch das Stopp-Signal.

Das Flutlicht leuchtete zwar so hell wie eh und je, aber alle Monitore im Stadion waren wegen des Stromausfalls schwarz, die Mikrofone gingen auch nicht. Das Eröffnungsspiel sollte live in der ARD gezeigt werden, was nun nicht mehr möglich war. Als offizieller Grund für den aufgeschobenen Spielbeginn wurden aber Sicherheitsgründe angegeben, schließlich funktionierten auch die Überwachungssysteme im Stadion nicht mehr.

Dann ging auch noch das Licht aus

Fabian Ernst stand damals in Werders Startelf und musste mit seinen Teamkollegen auf einmal wieder zurück in die Kabine. „Es war nicht einfach, die Spannung so lange hochzuhalten“, erinnert sich der heute 39-Jährige. Die Fans auf den Rängen blieben derweil bemerkenswert gelassen. Um 21.15 Uhr, 45 Minuten später als geplant, sollte die Partie dann starten. Beide Mannschaften machten sich auf dem Platz bereit, als auch noch drei der vier Flutlichtmasten ausfielen. War nun alles verloren? Die Verantwortlichen überlegten bereits, wie sie 42.500 enttäuschte Menschen möglichst ohne Komplikationen aus dem Stadion bekommen sollten. „Wir hatten die Information, dass das Spiel eventuell ganz abgesagt wird“, erzählt Ernst.

Dazu kam es aber nicht. Ab 21.35 Uhr rollte der Ball. Um 23.13 Uhr, in der 84. Spielminute, schoss Nelson Valdez den 1:0-Siegtreffer für Werder. Es ist bis heute das späteste Tor der Bundesliga-Geschichte. Dass es fallen konnte, war auch Clemens Götze und Thomas Weide zu verdanken. Die beiden hatten das Stromnetz abgefahren, von Station zu Station. Auf dem Gelände des Klinikums an der St.-Jürgen-Straße lokalisierten sie die defekte Muffe, die für das ganze Schlamassel verantwortlich war. „Wir haben die Reservestrecke zugeschaltet, um den Fehler zu umgehen“, schildert Götze. „Das war eigentlich Routine, ein normaler Kabelfehler.“ Schwierig sei es nur gewesen, von A nach B zu kommen. „Die Straßen waren voll, überall waren Fans“, sagt Götze und lacht. „Einen Scheibenwischer am Auto haben wir verloren.“

Dass Millionen von Menschen im Grunde nur auf ihn und seinen Kollegen warteten, wurde dem Entstörungsmonteur erst bewusst, als das Weserstadion wieder Strom hatte. „Erstmal macht man nur seinen Job, danach haben wir realisiert, was los war.“ Rückblickend scheint es fast so, als wäre es Clemens Götzes Schicksal gewesen, an diesem außergewöhnlichen Abend einen gewöhnlichen Fehler zu beheben. Bei swb geben sie den Starkstromkabeln Namen, um die Kommunikation im Tagesgeschäft zu erleichtern. Das 10.000-Volt-Kabel mit der defekten Muffe hieß Carola, genau wie Clemens Götzes Schwester. Und das Reservekabel, das den Fußballabend rettete, hieß Clemens. Wie auch sonst?

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