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Rasenreport
31.03.2019
Werder nach dem 3:1 gegen Mainz

Der gefühlte Sieg



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Es war ein Scherz, der die Gefühlslage ganz gut auf den Punkt brachte. “Die erste Blitztabelle seit sieben Jahren”, sagte Florian Kohfeldt und grinste. Kurz vor Ende des Spiels gegen Mainz hatte ein Tor in Dortmund dafür gesorgt, dass auf der Anzeigetafel des Weserstadions noch während des Spiels die Bundesligatabelle eingeblendet wurde. Auf Platz sechs stand Werder dort, was die ohnehin gute Stimmung zu einer noch besseren machte. 3:1 führten die Bremer gegen Mainz, und weil Dortmund Wolfsburg in der Nachspielzeit in Rückstand gebracht hatte, kletterten die Bremer am VfL vorbei auf Rang sechs. Der Platz, der am Ende reichen würde, um sich für die Europa League zu qualifizieren. Das ganze Stadion sang vom Europapokal, und es herrschte eine glückselige Stimmung im Weserstadion, wie es sie seit ewigen Zeiten nicht mehr gegeben hatte. Mag sein, dass es sieben Jahre her ist, wie Kohfeldt nach dem Spiel anmerkte. Vermutlich eher ein wenig länger.

Werder steht jetzt dort, wo sie nach eigener Zielsetzung am Ende der Saison stehen wollen. Dass es trotz zahlreicher und zahlungskräftiger Konkurrenz tatsächlich im Bereich des Möglichen liegen würde, auf einen der europäischen Plätzen zu klettern, haben wahrscheinlich nur Menschen geglaubt, denen grün-weißes Blut durch die Adern fließt. Selbst Optimisten hat es die Mannschaft schwer gemacht, zu viele Punkte hatte Werder im Verlauf der Spielzeit verschenkt. Zu oft hat die Mannschaft in entscheidenden Momente nicht zugepackt, sondern zugeschaut. Doch jetzt, in der wichtigsten Phase der Saison, ist Werder offenbar in der Lage abzurufen, was abgerufen werden muss. Die (Blitz-) Tabelle lügt bekanntlich nicht.

“Ich saß hier Weihnachten und habe gesagt, im Wintertrainingslager wollen wir daran arbeiten, ein Spiel zu fühlen. Wann der richtige Moment eines Spiels da ist”, sagte Kohfeldt.  “Gegen Mainz haben wir das schon sehr gut gemacht.” Es war tatsächlich ein gefühlter Sieg, da Werder immer wieder in den wichtigen Momenten die richtigen Entscheidungen getroffen hatte. In etlichen Phasen des Spiels gab Werder die Kontrolle über das Geschehen aus der Hand und war seltsam passiv. Wenn es aber wirklich eng wurde, Mainz also auf den Anschlusstreffer drängte, schlug Werder zu. Es waren die Tore, die das Spiel in die richtigen Bahnen lenkte: Erst das 2:0 durch Max Kruse, dann das 3:1, ebenfalls durch Kruse. Eine Fähigkeit, die in der Hinrunde fehlte. Entweder, weil gute Chancen schlampig vergeben oder Tore zugelassen wurden, wenn der Gegner Druck aufbaute. Nun scheint die Mannschaft einen großen Entwicklungsschritt gemacht zu haben.

Werder ist in der entscheidenden Phase da 

“Wir haben es in den letzten Wochen schon gezeigt, gegen Leverkusen und Schalke, dass wir da sind, wenn Spiele sich entscheiden. Da sind wir definitiv weiter”, sagte Frank Baumann. “Es ist ein Prozess, das abzurufen, wenn es notwendig ist und ein Spiel lesen zu können.” Der Sportchef, ohnehin kein Typ, der sich euphorischen Momenten hingibt, will dem Sieg gegen Mainz zwar nicht zu viel Gewicht beimessen. Die Fähigkeit, in entscheidenden Situationen zuzugreifen, lasse aber sehr wohl Rückschlüsse auf die letzten Spiele der Saison zu: “Es wichtig, es im Bewusstsein verankert zu haben, das zu können. Und wir haben es jetzt ja schon über einen längeren Zeitraum abgerufen.”

Werder, so scheint es, ist in der entscheidenden Phase der Saison da. “Vor nicht allzu langer Zeit wurde geschrieben, wir haben Europa abgegeben. Jetzt haben wir es wieder erreicht”, sagte Martin Harnik.  “Es ist eine gute Situation für uns. Wir haben unser Ziel in der eigenen Hand, das ist wichtig. Es war ein toller Spieltag für uns.” Viel mehr an Emotionen war nicht. Baumann, Kohfeldt und die Spieler waren bemüht, die drei Punkte gegen Mainz nicht zu überhöhen. “Ein Heimsieg fühlt sich immer gut an, aber wir wissen, dass wir noch nichts erreicht haben. Wir müssen weiter arbeiten und nicht über Ziele reden”, sagte Baumann. “Der Tabellenplatz ist nicht entscheidend. Nicht jetzt. Sondern am Ende der Saison.”

„Wir haben noch etwas Wichtiges vor“

Der Blick gilt nicht dem Moment, er gilt dem, was in dieser Saison noch möglich ist. Manager, Trainer und Spieler scheinen sich dabei einig zu sein. “Es war ein schöner Moment. Aber in der Kabine war eher die Stimmung: Regenerieren, Mittwoch haben wir etwas Wichtiges vor”, beschrieb Kohfeldt die Situation nach Abpfiff. Mittwoch steht das Pokalviertelfinale gegen Schalke auf dem Programm. “Genau das brauchen wir. Wir müssen die Haltung haben, zuzupacken. Wir sind Sportler. Wir haben die Möglichkeit jetzt, in dieser Saison, etwas zu erreichen. Und wir wollen das auch erreichen.”

Die Menschen im Stadion aber genossen den Moment, als sei es der 34. und letzte Spieltag der Saison. Erst wurde der Europapokal besungen, später, als die Spieler Arm in Arm vor der Ostkurve tanzten, gar die Deutsche Meisterschaft. Es waren ekstatische Momente, die es zuletzt im erfolgreich bestrittenen Abstiegskampf gegeben hatte, nun aber sind sie vom sportlichen Erfolg geprägt und nicht der Erleichterung, im letzten Moment die Kurve bekommen zu haben. “Die Zuschauer haben viele schwere Jahre hinter sich. Deswegen ist die Freude da, und sie sollen es genießen, davon träumen und singen”, sagte Baumann. “Die Fans haben einen schönen Abend und können auch die nächsten Tage noch davon zehren. Wir haben ab Sonntag einen anderen Fokus.” Dann geht es um den Pokal. Denn auch dort geht es für Werder noch um ein Ziel, den Pokalsieg. Es könnte also noch genügend Gründe zur Freude geben in dieser Saison.

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