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08.05.2019
Videobeweis-Chef Drees im Interview

„Der Fußball ist gerechter geworden“

© Imago Images


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Herr Drees, nach dem Pokalhalbfinale Werder gegen Bayern gab es Lob für die Reaktionen der Bremer. Haben Sie diese ebenfalls überrascht?

Das Lob bezog sich auf das faire Verhalten der Bremer Offiziellen - allen voran von Herrn Kohfeldt und Herrn Baumann - nach dem Spiel. Dieses war auch bei uns Schiedsrichtern intern ein großes Thema und wurde mit viel Respekt bedacht.

Im Laufe der Saison hat Werder häufiger über Schiedsrichter-Entscheidungen geklagt und sich mitunter benachteiligt gefühlt. Ist das aus Ihrer Sicht nachvollziehbar?

Das muss man deutlich unterscheiden. Nehmen wir das Pokalhalbfinale, da habe ich natürlich Verständnis für Kritik. Die Szene, die zum Elfmeter der Bayern führte, ist falsch beurteilt worden und hatte, da es ein K.-o.-Spiel war, leider unmittelbare Konsequenzen. Geht es jedoch um Ermessensentscheidungen auf dem Feld, beispielsweise bei einem vermeintlichen Handspiel, kommen Schiedsrichter und Vertreter der Vereine nicht immer auf den gleichen Nenner. Da entstehen Diskussionen, an deren Ende nicht immer eine Einigung steht. Aber das hat nichts mit Benachteiligungen zu tun.

Öffentlich sprechen Spieler, Trainer, Manager und Schiedsrichter häufig übereinander. Gibt es Ebenen, auf denen beide Seiten auch miteinander reden?

Ja, diese Wege existieren natürlich. Ein Austausch findet eigentlich permanent statt. Auch mit Frank Baumann habe ich mit etwas Abstand zum Pokalspiel ein ausführliches und sehr gutes Gespräch geführt. Diese Gespräche, die gemeinsame Analyse, ist extrem wichtig – für beide Seiten. Wir Schiedsrichter müssen die Sicht und Bewertung der Vereine kennen und uns damit auseinandersetzen. Und umgekehrt. Deshalb stehen wir im permanenten Austausch.

Die größte Kritik entfacht derzeit die unterschiedliche Auslegung des Handspiels: Mal wird etwas als Handspiel gewertet, mal nicht. Warum ist das so?

Das Handspiel ist aktuell sicher eine der größten Herausforderungen für uns Schiedsrichter. Da hilft der Video-Assistent leider nur bedingt, denn er hat diese Bewertung ja ebenfalls durchzuführen. Es gibt einen Regeltext, vorgegeben von der Fifa, der Grundlage der Entscheidungen ist. Dieser Text ist mit Beispielen gefüllt, mit Kriterien. Bestraft werden sollen absichtliche Handspiele. Fraglich ist jedoch, wann Absicht besteht und wie diese nachzuweisen ist. Letztlich müsste der jeweilige Spieler befragt werden, ob es sich bei seinem Handspiel um Absicht gehandelt hat. Ich unterstelle mal, dass die meisten das nicht sonderlich gerne einräumen würden.

Es braucht also möglichst genaue Regeln?

Wir müssen uns Kriterien bedienen, die eine Absicht mit hoher Wahrscheinlichkeit nachweisen: Ist die Armhaltung natürlich? Verbreitert der Arm die Körperoberfläche? Ist die Hand oberhalb der Schulter? Wie ist der Bewegungsablauf? Wie ist die Entfernung des Balles zum Handspielort? Diese Kriterien sollen helfen, eine Entscheidung zu treffen. Sie sind aber nicht bewertet, es gibt also keine Rangfolge, was als stärkstes Argument gewertet werden soll.

Was hat das zur Folge?

Ein Schiedsrichter überprüft alle Kriterien und entscheidet für sich selbst, welches für ihn Vorrang hat. In einer scheinbar vergleichbaren Situation kann es also sein, dass für einen anderen Schiedsrichter ein anderes Kriterium im Vordergrund steht und er deshalb zu einer anderen Entscheidung kommt als sein Kollege. Für die breite Öffentlichkeit sind beide Situationen aber vergleichbar und scheinbar komplett identisch. Das ist unser Problem: die Nachvollziehbarkeit, wann welches Kriterium ausschlaggebend für das strafbare Handspiel ist.

Zur neuen Saison wird es veränderte Regeln geben. Wie wird sich das auswirken?

Das IFAB (International Football Association Board; Anm. d. Red.), das die Regeln macht, will die Natürlichkeit des Bewegungsablaufes in den Vordergrund rücken. Ein Kriterium für einen Strafstoß ist, ob sich Arm oder Hand zum Ball bewegen. Ein neues Kriterium wird sein, ob sich Arm oder Hand oberhalb der Schulter befinden. Und es wird künftig auch eine Schwarz-Weiß-Entscheidung beim Handspiel geben. Wenn beim Erzielen oder der Vorbereitung eines Tores der Ball mit der Hand berührt wird, zählt das Tor nicht. Es geht dabei dann nicht um die Frage der Absicht, sondern nur darum, ob der Ball die Hand berührt hat oder eben nicht.

Gibt es weitere Beispiele für Veränderungen?

Wenn ein Spieler in der Bewegung ist und aus nächster Nähe den Ball an die Hand oder den Arm bekommt, ohne es vermeiden zu können, wird es keinen Strafstoß geben. Wenn ein Spieler sich am Boden liegend mit der Hand abstützt und dabei den Ball an die Hand bekommt, ist das ebenfalls nicht mehr strafbar. Das Gleiche gilt, wenn ein Spieler köpft oder schießt und sich dabei selbst an Hand oder Arm trifft. Das defensive Handspiel wird nicht anders gelöst. Es gibt weiterhin verschiedene Kriterien, die zu beachten sind.

Also bleibt das menschliche Ermessen die Schwachstelle, und es wird weiterhin Diskussionen über Fehlentscheidungen geben?

Das ließe sich nur durch eine Schwarz-Weiß-Entscheidung ändern. Also wenn jedes Handspiel strafbar wäre. Das würde aber vermutlich dazu führen, dass die Spieler vermehrt versuchen würden, dem Gegner an die Hand zu schießen, um einen Strafstoß zu bekommen. Das will aber doch niemand im Fußball. Wichtiger wäre es, dass wir klare Kriterien formulieren und diese dann anwenden.

Beinahe wöchentlich diskutiert wird auch über den Videobeweis. Wo liegen aus Ihrer Sicht die Schwachstellen?

Das muss man getrennt sehen, auch wenn es gerade in der emotional sehr aufgeladenen Schlussphase der Saison vielleicht schwererfällt. Im Großen und Ganzen machen die Video-Assistenten einen guten Job. Der Fußball ist eindeutig gerechter geworden. Ein Problem ist jedoch, dass die aktuelle Diskussion über Handspiele sehr stark in diesen Bereich hineinrutscht: Warum hat der Video-Assistent nichts gemacht? Aber der Video-Assistent kann dem Schiedsrichter auf dem Platz nur mitteilen, dass er den Verdacht eines strafbaren Handspiels hat und er dem Schiedsrichter empfehlen würde, sich die Situation in der Review-Area noch mal anzuschauen. Es gibt Bereiche, in denen wir uns noch weiter verbessern wollen. Beispielsweise in der Kommunikation: Hier ist wichtig, wie miteinander gesprochen wird. Daran arbeiten wir.

Ein oft gesagter Satz nach Spielen ist: „Wenn der Video-Assistent das nicht sieht, können wir ihn abschaffen." Macht der VAR den Fußball insgesamt gerechter oder nicht?

Es gibt eine Vielzahl an Fehlentscheidungen, die dank des Video-Assistenten korrigiert werden konnten: Tore, Abseits, Strafraumsituationen. Insofern, da kann ich mich nur wiederholen, macht der Video-Assistent den Fußball auf jeden Fall gerechter. Wir haben pro Saison circa 80 Situationen, die wir korrigieren können. Ohne Video-Assistent blieben diese 80 Situationen, die teilweise großen Einfluss auf das Spiel und das Ergebnis haben, falsch bewertet. Das wird häufig vergessen, weil die wenigen, ärgerlichen Fehler im Vordergrund der Medienberichterstattung stehen.

Verunsichert der Videobeweis die Referees?

Ganz klar nein. Egal mit welchem Schiedsrichter ich rede: Sie sind alle froh, dass es den Video-Assistenten als Unterstützung gibt, weil er hilft, Fehler zu minimieren.

Zur Person: 

Jochen Drees (49) ist seit 2001 DFB-Schiedsrichter, seit 2005 leitet er Partien in der 1. Bundesliga. Der Mediziner fungiert nicht nur als Video-Assistent, sondern ist inzwischen der DFB-Projektleiter Videobeweis.

Daniel1981 am 08.05.2019, 18:10
Will der uns eigentlich für dumm verkaufen?
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WERDER2016 am 08.05.2019, 20:50
Bla, bla, bla. In diesem Interview habe ich nichts Neues erfahren. Herr Drees gibt hier stereotyp fast wörtlich dieselben Antworten wie im ZDF-Sportstudio am letzten Samstag.

Aus meiner Sicht sollte man den Videobeweis auf Abseitspositionen (dort funktioniert er zu fast 100 %) und auf äußerst gravierende Fehleinschätzungen bei Fouls im Strafraum beschränken.

Die Auslegung, ob Handspiel oder nicht wird weiterhin Ermessenssache bleiben und auch mit den neuen Regelauslegungen nicht zielführend sein. Ähnliche Situationen werden auch in Zukunft nicht gleich bewertet werden.
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susanneundjens am 08.05.2019, 21:09
Der Videoschiri ist speziell für Werder die größte Ungerechtigkeit ....Ich würde Ihren Vorschlag ausdehnen auf nur ganz klar meßbare Sachen, also Tor oder nicht Tor und Abseits oder nicht Abseits.
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alanya_fuchs am 09.05.2019, 08:27
also Tor oder nicht Tor

Dafür bimmelt doch schon die Uhr per Chip im Ball.
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am 09.05.2019, 07:56
Der hier abgegebene Kommentar wurde geprüft. Es wurde ein Verstoß gegen die Community-Richtlinien festgestellt und der Kommentar daher gelöscht.
Wynton01 am 09.05.2019, 10:35
Ich war ein großer Fan den Videobeweis einzuführen. Ich konnte nie verstehen, warum bei so wichtigen Entscheidungen, bei denen es um Millionen geht, der Zuschauer am Fernseher mehr weiß, als der zuständige Schiedsrichter, das war grotesk.

Nun haben wir die Situation, dass der VAR manchmal hinzugezogen wird, manchmal nicht. Wenn er hinzugezogen wird, kann es sein, dass die beiden aneinander vorbeireden (Bayern-Bremen). Oder es gibt ein klares Handspiel, bei dem die Hand zum Ball geht (Bremen-Dortmund) und der VAR die gleiche Fehlentscheidung vornimmt. Das ist noch grotesker!! Ich glaube, dass wir mit hoher Wahrscheinlichkeit in Europa wären, wenn eine der Entscheidungen richtig gewesen wären.


Für mich, macht der VAR nur Sinn wenn er den Fussball deutlich verbessert. Zur Zeit ist er eine Farce und macht den Fussball maximal ein bisschen besser. Das ist zu wenig für den Aufwand, das ständige Warten und keinerlei Sicherheit auf richtige Entscheidungen.


Ich habe gelesen, dass er im Ausland wesentlich besser funktioniert. Wenn das der Fall ist, sitzt das Problem vor dem Bildschirm. Und dann bringt uns auch kein Bildschirm was.
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alanya_fuchs am 09.05.2019, 11:09
Ich glaube auch, dass der Fußball gerechter geworden ist. Man darf das nicht nur auf das Handspiel reduzieren.
Das Problem ist allerdings die uneinheitliche Regelauslegung. Es ist doch ein Witz, dass bei Boateng mit dem Rücken zum Ball bei einem Schuß aus 5m Elfmeter gepfiffen wird und bei Götze der Ball 30m in der Luft war und dann das Handspiel nicht gepfiffen wird. Da kann Herr Drees reden wie er will, das werde ich nicht verstehen.
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oldkarzwortel am 09.05.2019, 11:40
Ein Handspiel liegt vor, wenn ein Spieler den Ball absichtlich mit der Hand oder dem Arm berührt.

Folgendes ist zu berücksichtigen:

• die Bewegung der Hand zum Ball (nicht des Balls zur Hand),
• die Entfernung zwischen Gegner und Ball (unerwarteter Ball),
• die Position der Hand (das Berühren des Balls an sich ist noch kein Vergehen),

Für den Torhüter gelten beim Handspiel außerhalb des Strafraums die gleichen Regeln wie für alle übrigen Spieler. Innerhalb des Strafraums kann der Torhüter für kein Handspiel, das mit einem direkten Freistoß oder einer entsprechenden Strafe geahndet wird, bestraft werden, sondern nur für ein Handspiel, das einen indirekten Freistoß zur Folge hat - Fussball Regeln 2018/2019

Das sind die aktuellen Regeln, die es aber meines Wissens schon immer gab. Danach sind beide beschriebenen Situationen ein Handspiel und es muss Elfmeter geben. Boateng deht sich Richtung Ball um diesen zu blocken und macht das mit dem Ellenbogen. Götze geht mit der Hand zum Ball um den zu Stoppen und zu kontrollieren.
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alanya_fuchs am 09.05.2019, 12:06
Das sind wir wieder bei den verschiedenen Wahrnehmungen.
Ich sehe das bei Boateng völlig anders. Der Arm liegt eng am Körper an. Das er seinen Körper in die vermeintliche Schussbahn stellt ist legitim, wo soll der Arm also hin.
Mit dem Rücken zum Ball und angelegtem Arm kann das kein absichtliches Handspiel sein.
Wenn das zukünftig immer gepfiffen wird, kann sich der Abwehrspieler gleich ins Toraus stellen.
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oldkarzwortel am 09.05.2019, 17:26
Das kann man ja so machen aber dann muss die Regel einfach heissen :

• die Bewegung des Arms oder der Hand zum Ball ohne das beide am Körper angelegt sind (nicht des Balls zu Arm und Hand)

ganz einfach und für jeden verständlich und auch leicht überprüfbar. Dann kann Boateng sich mit angelegtem Arm in den Ball drehen ohne in Gefahr zu geraten einen Elfmeter zu verursachen. Ich wäre dafür, den dann gäbe es weniger Debatten und Werder hätte ein paar Punkte mehr auf dem Konto.
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WERDER2016 am 09.05.2019, 18:06
Wenn alles denn mal so einfach wäre.

Über das Handspiel von Boateng braucht man allerdings nicht mehr zu diskutieren, das wurde selbst von hochoffizieller Seite als Fehler anerkannt. Wenn man jetzt ganz böse sein will, könnte man auch behaupten, dass dieser Elfmeter nur gegeben wurde, um dem vermeintlichen Bayernbonus etwas den Wind aus den Segeln zu nehmen. Der Schiri dachte sicherlich, dass die auch ohne das Geschenk für 96 gewinnen werden.
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oldkarzwortel am 10.05.2019, 08:17
Um das mal etwas überspitzt auszudrücken : Ulli Höneß hat beschlosssen, dass dies kein Elfmeter war. Dann beschlossen das alle Bayerverantwortlichen und Spieler, danach die genze versammelte Char von Sky Experten und Sprecher, dann die Sprecher des Sportstudios, zu allem Übel kam der DFB und die DFL dazu und alle Schiedrichter des DFB sowie deren Obmänner und zum Schluss steht es in Ihrem Kommentar. Das alles obwohl es nicht den Regeln entspricht.

Die Hand (in diesem Fall Arm) gewegt sich bewust zum Ball um diesen zu blocken.

Wer das anders sieht, der sollte nochmal draufschauen.

www.youtube.com/watch?v=Dzi0xZCAe4Q
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