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Rasenreport
23.03.2019
Zu Besuch beim Jugendverein der Eggesteins

Der Bolzplatz der ballverliebten Brüder

© Christian Platz


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Das Vereinsheim des TSV Havelse sieht nicht so aus wie die Vereinsheime aus den Kindheitserinnerungen vieler Menschen. Keine dunklen Ecken, in denen biertrinkende Männer über Fußball fachsimpeln. Kein Gelsenkirchener Barock als Einrichtungsstil. Keine verstaubten Pokale auf alten, wackligen Holzregalen. Stattdessen gibt es große Fenster, viel Licht, eine minimalistische Einrichtung und einen großen Tresen. Nur in einer Ecke verströmt der Raum ein wenig von diesem ganz speziellen Vereinsheimcharme. An einer Steinwand hängen dort mehrere Schwarz-Weiß-Bilder – Vereinsgeschichte auf Fotopapier.

Ein Bild zeigt Volker Finke auf der Havelser Trainerbank. Noch bevor er mit den Freiburger „Breisgau-Brasilianern“ in den 90er-Jahren ganz Fußball-Deutschland überraschte, stieg er mit dem TSV in die zweite Liga auf. Über viele, viele Jahre war Finke daher das größte Aushängeschild des TSV Havelse, doch das hat sich geändert. Das große Thema in Havelse sind jetzt zwei Brüder, die in der Jugend für den TSV kickten und sich bei Werder in der Bundesliga durchgesetzt haben: Maximilian und Johannes Eggestein.

Ihre Bilder hängen zwar noch nicht im Vereinsheim. „Aber bei uns verfolgen alle Woche für Woche wie die Brüder sich in Bremen beweisen“, sagt Thomas Dulski, der Fußball-Abteilungsleiter des TSV Havelse. Ganz klar: In Havelse wollen die meisten Jugendkicker irgendwann einmal so sein wie „Jojo“ oder wie „Maxi“, der nun auch noch zum ersten Mal zur Nationalmannschaft eingeladen wurde.  „Dass es zwei Jungs aus unserem Verein geschafft haben, ist für all unsere Jugendspieler ein großer Ansporn“, sagt Sven Havekost.

Er hat früher in Havelse beide Eggesteins trainiert. Zuerst kam Maximilian. Der hatte beim TSV Schloß Ricklingen mit dem Kicken angefangen und wechselte in der E-Jugend einen Ortsteil weiter zum TSV Havelse, dem Vorzeigeklub der 60.000-Einwohner-Stadt Garbsen bei Hannover. Dann folgte ihm Johannes. Weil der Stürmer so gut war, kam er als C-Jugend-Spieler schon regelmäßig bei den Älteren im B-Jugend-Team von Havekost zum Einsatz. Später betreute der Coach den jüngeren Eggestein-Bruder noch ein Jahr durchgehend in der B-Jugend.

Jugendtrainer aus Leidenschaft

Sven Havekost trägt eine rote TSV-Trainingsjacke und bewegt sich auf dem Vereinsgelände wie in seinem eigenen Garten. Er plaudert kurz mit der Vereinswirtin, begrüßt den Platzwart. Seit 2007 trainiert er Jugendteams in Havelse. Zusätzlich betreut der 50-Jährige seit Kurzem auch noch das erste Herrenteam des SC Wedemark. Havekost ist ein Fußballverrückter. Er liebt es, über seinen Sport zu reden, und steht sechs Tage pro Woche auf dem Fußballplatz. „Die Entwicklung und Begeisterung der jungen Spieler zu sehen macht einfach wahnsinnig viel Spaß“, sagt er. Der Gladbach-Fan ist nicht Trainer geworden, um Talente für die Bundesliga auszubilden. Als der ältere seiner zwei Söhne einst zum TSV Havelse wechselte, stieg er dort auch als Trainer, einfach nur zum Spaß.

Ein bisschen stolz macht es ihn natürlich trotzdem, dass er die Eggestein-Brüder auf einem Abschnitt ihres Weges begleiten durfte. Ein Fernsehteam war schon einmal in Havelse, kurz nachdem Johannes Eggestein sein erstes Bundesliga-Tor geschossen hatte. Er mache so etwas gerne mit, sagt Havekost. Die alten Geschichten hat er zwar schon oft erzählt, doch er gibt sie immer noch mit Euphorie in der Stimme zum Besten. Im Vereinsheim mit dem Bild von Volker Finke in der Ecke bestellt sich Havekost einen Kaffee, blickt durch die großen Glasscheiben auf die Trainingsplätze, auf denen früher die Eggestein-Brüder kickten, und kramt in seinen Erinnerungen. „Maxi war unser Käpt’n und ein echter Leader. Er hat im zentralen Mittelfeld die Fäden gezogen“, schildert der Jugendtrainer. „Er ist damals schon gerannt und gerannt, weil er der Mannschaft überall helfen wollte.“

Mit dem älteren Bruder verbindet der Trainer seinen größten Erfolg: 2011 gewannen die C-Junioren des TSV Havelse die deutsche Futsal-Meisterschaft. Im Finale siegte das Team um Kapitän Maximilian Eggestein mit 2:0 gegen den Karlsruher SC. „Das war ein echtes Highlight“, schwärmt Havekost. Draußen auf dem Rasen gewann das Team zudem die Niedersachsenmeisterschaft. „Wir hatten eine Top-Mannschaft“, sagt Havekost. Neben Maximilian Eggestein gehörte etwa Fynn Arkenberg zum Kader, der zwei Bundesliga-Spiele für Hannover bestritt und jetzt beim Drittligisten Hallescher FC unter Vertrag steht.

Während Maximilian also der Kopf eines starken Kollektivs war, fiel Johannes beim TSV Havelse aufgrund seiner individuellen Qualität auf. Auch er hatte starke Mitspieler wie Janni Serra, der jetzt bei Holstein Kiel spielt. Johannes Eggestein stand trotzdem fast immer Mittelpunkt, weil er fast immer traf. „Ein Knipser vor dem Herrn“, sagt Sven Havekost und lacht. „Ich kann mich kaum an ein Spiel erinnern, in dem Jojo nicht getroffen hat.“ Besonders im Gedächtnis geblieben ist ihm eine Partie, in der der jüngere Eggestein-Bruder gleich sieben Tore erzielte. „Ein echter Vollblutstürmer“, unterstreicht Havekost. „Auch wenn er als Jüngerer schon bei den Älteren mitgespielt hat, hatte er nie Probleme sich durchzusetzen.“

Überrascht von der neuen Rolle

Dass Johannes Eggestein bei Werder seit Saisonbeginn nicht mehr im Sturmzentrum, sondern eher auf den Flügeln oder sogar auf der Achter-Position im Mittelfeld zum Einsatz kommt, hat Havekost ziemlich überrascht. „Früher hätte man ihn nirgendwo anders aufstellen können als vorne im Sturmzentrum. Aber er muss natürlich auch sehen, wo er seine Chance bekommt.“ Der Jugendtrainer freut sich, dass beide Eggestein-Brüder den Sprung in die Bundesliga geschafft haben. „Sie haben es verdient. Das sind sehr bodenständige Jungs“, sagt Havekost. „Ihre Eltern haben immer darauf geachtet, dass auch die Schule nicht zu kurz kommt.“ Bei den Spielen konnten sich die Eggesteins ebenfalls auf familiäre Unterstützung verlassen. Ihre Eltern Sandra und Karl, der für Havelse einst in der zweiten Liga spielte, waren oft da. „Und ihr Opa hat immer zugeschaut“, erinnert sich Havekost und zeigt nach draußen zu den Rasenplätzen. Dort haben die Eggestein-Brüder früher trainiert und gespielt, ganz wichtige Jugendspiele wurden auch mal im Havelser Stadion ausgetragen, das 3500 Zuschauer fasst.

Die Anlage des TSV liegt idyllisch im Grünen. Einige Einfamilienhäuser grenzen direkt an die Plätze. Hinter den Häusern schlängelt sich eine Straße entlang in Richtung des nächsten Ortes Seelze. Dort pusten in der Ferne zwei Türme einer Chemie-Fabrik gemächlich weißen Rauch in den Himmel. Es ist bemerkenswert ruhig an diesem Ort, an dem die Eggestein-Brüder reifen konnten. Der TSV Havelse war ihre Zwischenstation. Sie kamen beide vom kleinen TSV Schloß Ricklingen in direkter Nachbarschaft und zogen irgendwann weiter ins Leistungszentrum des Bundesligisten SV Werder in rund 100 Kilometern Entfernung. „Wir sehen es als unsere Aufgabe an, Nachwuchsspieler für die Profivereine auszubilden“, sagt Sven Havekost. „Wenn das gelingt, wertet das unsere Arbeit auf.“

Im Kabinengang, den die Spieler bei jedem Training und jedem Spiel mehrfach durchschreiten, sind die hellen Wände kahl. Nur ein weißer Bilderrahmen hängt dort. Darin zu sehen ist ein Schreiben der Deutschen Fußball Liga, das den TSV Havelse nach Johannes Eggesteins Bundesliga-Debüt im August 2017 erreichte. Die DFL dankt dem Verein für die „herausragende Förderung“ des Werder-Spielers. „Nach Maxis Debüt im Jahr 2014 haben wir so etwas nicht bekommen. Da gab es das vielleicht noch nicht“, sagt Havekost.

Eine Geldprämie erhielt der TSV Havelse dagegen in beiden Fällen: Der Deutsche Fußball-Bund belohnt die Jugendklubs mit einer Ausbildungsentschädigung, wenn es ein Spieler in die Bundesliga schafft. Das Geld floss in die Jugendarbeit, und die Urkunde für Johannes Eggestein haben die Klubverantwortlichen nun ganz bewusst an solch einem prominenten Platz aufgehängt. „Damit die Jugendspieler genau wissen, warum sie bei uns im Verein sind und was für Möglichkeiten sich bei uns bieten“, erklärt Thomas Dulski, der Leiter der Fußballsparte.

Schuhe für den alten Verein

In Havelse sind sie also stolz auf die Eggesteins, und auch die Brüder haben ihren früheren Verein nicht vergessen. Hin und wieder macht sich ihre Mutter mit einem Paket in der Hand auf den Weg zum Vereinsgelände. „Dann bringt sie Fußballschuhe der beiden vorbei. Die bekommen so viele Schuhe zur Verfügung gestellt und tragen die oft nur ein paar Mal“, erzählt Sven Havekost. Also spenden die Eggesteins ihre Schuhe dem TSV Havelse. „Wir geben sie weiter an Jugendspieler, die finanziell nicht so gut dastehen“, sagt Havekost. „Für unsere Jungs ist es natürlich sehr cool, die Schuhe der Eggestein-Brüder zu tragen.“

Maximilian Eggestein hat Havekost auch schon ein paar Mal getroffen, wenn der Werder-Profi an freien Tagen zum TSV Havelse kam, um beim Spiel einer Jugendmannschaft zuzuschauen. Ab und zu schreibt sich Havekost mit den beiden Brüdern zudem Nachrichten bei Facebook. Und ihr Opa schickt ihm manchmal Links zu Zeitungsartikeln über die Eggesteins. Schon früher habe er sich sehr gut mit Maximilian und Johannes verstanden, weil sie bereits als Jugendspieler Musterschüler gewesen seien, schildert Havekost. „Beide waren sehr wissbegierig, wollten sich immer verbessern.“ Charakterlich seien die Brüder stets einwandfrei aufgetreten, nur eines mochten sie überhaupt nicht: „Man durfte ihnen nicht den Ball wegnehmen. Sie wollten immer nur Fußball spielen, egal ob auf dem Platz, im Garten oder zu Hause im Keller.“

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