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Rasenreport
08.12.2018
Vor 25 Jahren siegt Werder gegen Anderlecht

„Das wohl größte Wunder von der Weser“

© imago


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Dieter Eilts wollte einfach nur sitzen bleiben. Er wollte nicht wieder raus in dieses eiskalte Stadion – raus in den kalten Wind und den peitschenden Regen. Werders Mittelfeldrenner galt eigentlich als unerschütterlicher Kämpfer, doch dieses Spiel hätte seinen unbändigen Willen fast gebrochen. „Mir ging es beschissen, der Gegner hatte uns schwindelig gespielt“, schildert Eilts heute seinen Gemütszustand. Er saß während der Halbzeitpause in der Kabine und dachte: „Es war typisches Werder-Wetter, aber ich wollte am liebsten drinnen bleiben. Dort war es warm, schön, und es gab was zu trinken.“

Natürlich ging Eilts trotzdem wieder nach draußen, und das war auch gut so. Sonst hätte er eines der legendären „Wunder von der Weser“ verpasst, denn das Spiel, das Eilts in der Halbzeit schon fast abgehakt hatte, war Werders Duell mit dem belgischen Meister RSC Anderlecht am 8. Dezember 1993 in der Champions League. Den Ausgang kennt jeder echte Werder-Fan: Nach einem 0:3-Rückstand gewannen die Bremer vor 25 Jahren noch mit 5:3.

Was diese Partie so besonders macht, ist die Tatsache, dass die Bremer mehr als eine Stunde lang eine unteriridische Leistung boten, um sich dann in einen 25-minütigen Rausch zu spielen, wie man ihn nur äußerst selten erlebt. "Warum uns anfangs gar nichts gelungen ist, weiß ich nicht. Wir sind extrem motiviert ins Spiel gegangen“, sagt Eilts. Es war schließlich auch eine besondere Partie, denn es war Werders erstes Heimspiel in der Champions-League-Gruppenphase überhaupt. Die Bremer hatten sich als erste deutsche Mannschaft für die Gruppenphase der Königsklasse qualifiziert, in der damals nur die Meister spielten.

Nach der 2:3-Auftaktniederlage beim FC Porto war allen bei Werder klar, dass gegen Anderlecht nur ein Sieg weiterhalf, doch dann wurden die Bremer im eigenen Stadion vorgeführt und vor den Augen „Fußball-Europas“ phasenweise der Lächerlichkeit preisgegeben. „Die Belgier haben mit uns Jojo gespielt“, fasst Eilts zusammen. „Wir sind nur hinterhergelaufen. Ich habe nur die Hacken der Gegenspieler gesehen.“ Zwangsläufig fielen die Tore für den belgischen Meister. Philippe Albert in der 16. Spielminute nach einem katastrophalen Fehler von Werder-Torwart Oliver Reck und Danny Boffin per Doppelpack (18., 33.) sorgten für die 3:0-Pausenführung. Wie geprügelte Hunde schlichen die Werder-Spieler in die Kabine.

Ärger in den VIP-Räumen

„Der Trainer hat in der Halbzeit alles versucht, aber mich hat er mit seinen Worten gar nicht mehr erreicht. Und ich glaube, den meisten Mitspielern ging es genauso“, erzählt Eilts von Otto Rehhagels Pausenansprache. Der heute 53-Jährige hat in seiner langen Karriere mit 390 Bundesliga-Einsätzen für Werder vieles erlebt, aber „dass uns eine Mannschaft derart dominiert hat wie Anderlecht, das gab es nur einmal“. In der zweiten Halbzeit ging die Demontage sogar noch weiter, denn die Belgier blieben klar überlegen. „Ich habe vom Spielfeld aus gesehen, dass sich auf den Tribünen immer größere Lücken bildeten“, sagt Eilts. Bei Kälte und Regen verließen viele der 27.000 Zuschauer das Weserstadion vorzeitig, was sich als übler Fehler herausstellen sollte. Bereits in der Halbzeit hatten die Werder-Verantwortlichen in den VIP-Räumen erboste Premiumkunden besänftigen müssen, die sich über die dürftige Leistung der Mannschaft beschwerten.

In der damals noch unüberdachten Ostkurve dagegen sangen die treuen Werder-Fans einfach weiter. Egal, wie schlecht ihre Mannschaft spielte. Egal, wie laut die Zuschauer auf den anderen Tribünen pfiffen. Die völlig durchnässten Anhänger im Osten des Weserstadions hielten tapfer durch, und sie sollten dafür in einem Ausmaß belohnt werden, das sie sich wohl nicht einmal in ihren kühnsten Träumen hätten ausmalen können. Das "Wunder von der Weser" begann exakt in der 66. Minute. Nach einem Steilpass von Eilts tauchte Wynton Rufer frei vor Anderlechts Torwart Filip De Wilde auf und lupfte den Ball zum 1:3 ins Tor. Was danach genau passierte, kann Eilts sich bis heute nicht erklären. „Auf einmal hat beim RSC Anderlecht nichts mehr geklappt, und bei uns funktionierte alles."

Genau in der Phase, als das Spiel kippte, wurde Luc Nilis auf Seiten des RSC Anderlecht eingewechselt. Eigentlich war er der Topstürmer der Mannschaft, doch nach einer fast einjährigen Pause wegen eines Kreuzbandrisses war er zunächst auf der Bank geblieben. 25 Jahre später reichen die Stichworte „Werder“ und „1993“ aus, damit Nilis sagt: „Ich erinnere mich gut an das Spiel.“ Von der Bank aus habe er gesehen, „dass wir ins Wanken gerieten“. In der 70. Minute kam Nilis dann in die Partie, und er wusste kaum, wie ihm geschah. „Plötzlich stand es nach furchtbaren Fehlern 4:3 für Werder“, erzählt der heutige Co-Trainer des niederländischen Ehrendivisionärs VVV-Venlo gegenüber Mein Werder.

Bratseths Tor als Initialzündung

Rune Bratseth hatte in der 72. Minute nach einem Torwartfehler von De Wilde das 2:3 geköpft. „Das war die Initialzündung“, betont Eilts. Die Bremer waren nun im Rausch, während die Gäste von einer Verlegenheit in die nächste stolperten. Bernd Hobsch köpfte in der 80. Minute das 3:3, ehe Marco Bode das umjubelte 4:3 schoss (83.). Was viele Werder-Fans inzwischen vergessen haben: Kurz nach der Bremer Führung fehlte nicht viel, und das „Wunder von der Weser“ wäre doch kein „Wunder von der Weser“ geworden. Anderlecht bekam kurz vor Schluss einen Freistoß in günstiger Positon, den Luc Nilis traumhaft über die Mauer schlenzte. „Der Ball schien reinzugehen, doch irgendwie hat es der Torwart geschafft, den Schuss zu halten“, schildert Nilis, heute 51 Jahre alt. Reck, der bis dahin wahrlich keinen guten Tag erwischt hatte, konnte mit dieser Aktion also auch noch seinen Beitrag zum Sieg leisten. Den Schlusspunkt setzte Rufer mit seinem Treffer zum 5:3 in der 89. Minute.

„Das war eine dramatische Niederlage. Dieses Spiel konnten und mussten wir eigentlich gewinnen“, sagt Luc Nilis, der sich den Spielverlauf auch 25 Jahre später nicht so richtig erklären kann. Für Dieter Eilts ist heute klar: „Das war das wohl größte Wunder von der Weser.“ Er wolle damit diese anderen großartigen Spiele gegen Spartak Moskau, Dynamo Berlin und Olympique Lyon nicht abwerten, betont die Werder-Legende. „Aber gegen Anderlecht war es eben die größte Überraschung, weil alles in so kurzer Zeit passiert ist.“

Dementsprechend ausgelassen war die Stimmung bei den Bremern nach dem Spiel. „Ich weiß noch genau, wie Wynton Rufer bei strömendem Regen im Handstand über den Platz gelaufen ist“, sagt Eilts. Rufer gab später in Unterwäsche Interviews. Das Trikot, die Hose und die Stutzen hatte er im Überschwang der Gefühle an Fans verschenkt. „Dieses Spiel gehört für mich in die Top Ten aller Fußballspiele, die jemals auf der Welt gespielt worden sind“, jubelte Rufer damals. Und auch der WESER-KURIER warf nach dem Fußballfest alle journalistische Zurückhaltung über Bord. Die Überschrift des Spielberichts lautete: „Wahnsinn! Irre! Unglaublich!“

Asterix1977 am 08.12.2018, 20:30
Ich war dabei. Wir waren noch Kinder. Viele hatten das Stadion schon verlassen, aber wir waren geblieben. Es war fantastisch!
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Pit88 am 08.12.2018, 23:50
Ich war damals mit dem Auto unterwegs und habe die Reportage im Autoradio verfolgt. WAAAHNSINNIG 👍💚
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susanneundjens am 09.12.2018, 11:43
Tja, goldene Tage waren das. Was war das für eine Aufholjagd und wie nass war ich damals..
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cleverever am 09.12.2018, 12:19
Ich hatte Super-Karten auf den "Premium-Plätzen" im Stadion . Nach der Halbzeit war ich dort ziemlich allein. Da ich auch völlig durchnäßt und durchgefroren war, bin ich dann vorzeitig mit dem Taxi nach Hause gefahren. Im Taxi ging es dann Schlag auf Schlag mit den Toren und ich bin fast durchgedreht. Den Rest des Spieles habe ich im TV geschaut. Die anschließende Bronchitis war auch nicht ohne...
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