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10.05.2019
Gegner Hoffenheim in der Analyse

Das große Paradoxon der Liga

© dpa


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Das sind Hoffenheims Stärken:

Gewagte These: Hoffenheim ist im eigenen Ballbesitz die beste Mannschaft der Liga. Die TSG ist eine der variabelsten und am schwersten zu verteidigende Mannschaft überhaupt mit so vielen offensiven Lösungsmöglichkeiten, die es der Mannschaft in jeder Spielsituation ermöglichen, sich reihenweise bester Chancen zu erspielen.

Hoffenheim kann geduldigen Ballbesitz spielen oder überfallartige Konter, im Kader stehen echte Brecher im Angriff, aber auch kleine, flinke Spieler mit viel Tempo und Zug zum Tor. Dazu laufstarke und energische Flügelverteidiger und klassische Sechser und Zehner im Zentrum. Und eine Bank, die es in sich hat.

Durch den vermutlichen Ausfall von Benjamin Hübner und den sicheren Ausfall von Stefan Posch (Gelbsperre) hat Julian Nagelsmann in der Innenverteidigung ein paar Probleme und könnte sich mit einer Viererkette in der letzten Linie behelfen. Ein 4-3-3 oder 4-4-2 mit Raute im Mittelfeld bieten sich an und sind für die Mannschaft in der Umsetzung kein Problem. Wobei die Wahl der Grundordnung nichts an den grundlegenden Prinzipien ändert, die der Trainer einfordert und die seine Mannschaft wie im Schlaf abrufen kann. Jeder Angriff ist vom Anspiel weg so konzipiert, dass in allen Bereichen diese klar festgelegte Prinzipien verfolgt werden, bei trotzdem größtmöglicher Variabilität.

Hoffenheim kombiniert bis zum Angriffsdrittel nach klaren Vorgaben, unter anderem viel mit diagonalen Zuspielen, um bessere Passwinkel zu haben und förmlich im Zickzack durch das gegnerische Pressing zu spielen. In einer Art Raute bewegt sich der Ball gerne nach vorne, erst raus auf den Flügel und dann vom Übergangsdrittel wieder zurück ins Zentrum. Diese Rautenbildung erzeugt immer wieder Strukturen für das Spiel über den Dritten und damit ein sicheres Vorrücken mit Ball.

Die Mannschaft bedient sich zudem gerne klassischer Steil-Klatsch-Kombinationen und spielt bewusst riskant und eng an den Gegenspielern vorbei in die Zwischenräume, die dauerhaft besetzt sein sollen. Der Gegner soll das Gefühl des vermeintlichen Zugriffs haben und riskanter aufrücken oder sich zusammenziehen. Dann wird aus der engen Situation schnell rausverlagert und die ballferne Seite zum Durchbruch über die enorm offensiven Außenverteidiger genutzt.

Im letzten Drittel sind dann eher Kreativität und Intuition gefragt. Funktionieren die spielerischen Lösungen nicht oder ist der Gegner im Pressing zu gut aufgestellt und das Risiko auf tiefe Ballverluste zu groß, dann greift Hoffenheim dank körperlich robuster Angreifer auch auf hohe Zuspiele in die Spitze oder Diagonalbälle hinter die Abwehrkette zurück. Auch Flanken aus dem Halbfeld sind dann ein Mittel der Wahl.

Im Spiel gegen den Ball ist die enorme Intensität ein Markenzeichen. Das erzeugt im Pressing und Gegenpressing jede Menge Tempo im Spiel und es wird geradezu dogmatisch nach vorne verteidigt. Die Pressingauslöser sind in der Regel mit dem Zuspiel auf das ausgesuchte Pressingopfer klar definiert. Greifen die Abläufe dann ineinander und sind die herausrückenden Spieler gut abgesichert, kann Hoffenheim seinen Gegner regelrecht erdrücken.

Das sind Hoffenheims Schwächen:

Gar nicht so gewagte These: Keine andere Mannschaft der Liga vergibt so viele Großchancen wie die TSG. In etlichen Spielen hatte Nagelsmanns Mannschaft deutlich mehr Chancen als der Gegner, konnte diese Partien dann aber nicht immer für sich entscheiden. Aktuellste Beispiele: Das Spiel am vergangenen Wochenende in Gladbach. Hoffenheim kam auf einen Expected-Goals-Wert von 3,24, der Gegner auf einen Wert von 1,24. Endstand: 2:2. Oder in der Woche davor, im Heimspiel gegen Wolfsburg. Hoffenheim mit bärenstarken 3,39, der Gegner mit 2,04. Endstand: 1:4.

Es waren die Spiele elf und zwölf in dieser Saison, in denen die Mannschaft in Führung ging und am Ende doch wieder Punkte verschenkte. Insgesamt sind es nun schon deren 26, so viele hat keine andere Mannschaft der Liga auch nur annähernd nach einer Führung noch abgegeben. 26 Aluminiumtreffer sind natürlich auch Liga-Höchstwert. Die Chancenverwertung ist auch am Ende der Saison das ganz große Übel und bleibt einer Spitzenmannschaft unwürdig.

Es gibt aber noch mehr Probleme: Das aggressive Pressing ist gerade im Zentrum nicht besonders gut abgesichert. Hoffenheim lässt die meisten Konteraktionen für den Gegner überhaupt zu, der Sechserraum ist unabhängig von der Grundordnung immer die große Problemstelle. Schwierigkeiten hat die Mannschaft auch mit langen Bällen über das eigene Pressing und hinter die letzte Verteidigungslinie.

Der riskante tiefe Spielaufbau mit dem Einbeziehen von Torhüter Oliver Baumann und einigen versuchten vertikalen Pässen in die Spitze bringt auch den einen oder anderen Ballverlust mit sich. Grundsätzlich sollte die Absicherung mit den Innenverteidigern gut sein, in diesen geöffneten und aufgefächerten Spielsituationen ist Hoffenheim nach einem Ballverlust aber trotzdem ziemlich verwundbar.

Und es gibt in dieser Saison massive Schwierigkeiten gegen die Großen der Liga: Hoffenheim hat mit Ausnahme von der Partie gegen Bayer Leverkusen (4:1) gegen kein Team unter den ersten Zehn der Tabelle gewonnen.

Das ist der Schlüsselspieler:

Kerem Demirbay hat bisher eine wechselhafte Saison hinter sich und hat mit seinem angekündigten Wechsel nach Leverkusen inklusive öffentlicher Kollegenschelte in seinem letzten Heimspiel für die TSG vielleicht nicht den besten Stand. Trotzdem ist der (ehemalige) Nationalspieler die wichtigste Figur in Hoffenheims Offensivspiel. Als Achter oder klassischer Zehner ordnet Demirbay das Spiel und gibt klar den Rhythmus vor. Anders als sein zu erwartendes Pendant auf der Acht Nadiem Amiri ist Demirbay weniger der Dribbler als ein herausragender Passspieler, der immer wieder die Tiefe anspielt oder selbst gerne den Abschluss sucht. Dazu ist er ein brandgefährlicher Schütze, der Hoffenheims Standards zu echten Waffen macht.

Die Umfrage zum Spiel gibt es hier:

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