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07.10.2017
Die Elf der Vergessenen - Teil 2: Sauer

Bremens Beckenbauer

© frei


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Wenn Otto Rehhagel zur Kabinenpredigt ansetzte und von „unserem Sonnenkönig“ sprach, zuckte Gunnar Sauer sofort zusammen. Der Werder-Libero wusste genau, dass er gemeint war und dass dieser Spitzname nichts Gutes verhieß. „So hat Otto mich manchmal genannt. Wenn er etwas zu kritisieren hatte, konnte er vor der gesamten Mannschaft sehr deutlich werden“, erinnert sich Sauer und lacht. Da er früher die Pässe lieber mit dem Außenrist als mit der Innenseite spielte und auch mal in der Diskothek anzutreffen war, wurde er von Werders Trainerlegende kurzerhand nach dem französischen „Sonnenkönig“ Ludwig XIV. benannt, dem Inbegriff der Extravaganz.

Gunnar Sauer konnte damit gut leben. Der spielstarke Libero wusste, dass Rehhagel insgeheim ein Fan von ihm war, auch wenn der Coach es nie zugegeben hätte. „Er hat mir gerne gesagt: Wenn meine Frau nicht wäre, würden Sie bei mir gar nicht mehr spielen“, erzählt Sauer. Tatsächlich aber hat er fast immer gespielt – wenn er denn fit war. Sauer wurde mit Werder zweimal Deutscher Meister, zweimal DFB-Pokalsieger und einmal Europapokalsieger. Ohne sein spätes Tor in der regulären Spielzeit wäre 1987 das „Wunder von der Weser“, der 6:2-Sieg nach Verlängerung gegen Spartak Moskau, gar nicht möglich gewesen.

Viel Verletzungspech

Sauer galt als der kommende deutsche Libero. Rehhagel nannte ihn nicht nur „Sonnenkönig“, sondern auch „Beckenbauer-Verschnitt“. Die Saison 1987/88 beendete Werder als Meister mit nur 22 Gegentoren, und der Chef der wohl besten Bremer Abwehr aller Zeiten hieß Gunnar Sauer. Die Experten waren sich damals einig: Dem Jungen aus Cuxhaven mit der eleganten Ballbehandlung und den zielgenauen 50-Meter-Pässen stand eine große Karriere bevor.

Heute trägt Gunnar Sauer einen dunklen Anzug und sitzt in einem bordeauxroten Ledersessel im edel eingerichteten Gesprächszimmer der Firma „Robert C. Spies“, für die er seit zwölf Jahren als Immobilienberater arbeitet. Der Eindruck täuscht nicht: Mit dem Fußballgeschäft hat der Ex-Profi kaum noch etwas zu tun, aber er redet gerne über seine Zeit bei Werder. Sogar seine lange Leidenszeit bringt er ungefragt zur Sprache. Der 53-Jährige weiß, dass er seine Geschichte nicht erzählen kann, ohne das Verletzungspech anzusprechen, das die ganz große Karriere verhinderte.

Alles begann am 13. September 1988. Sauer war Deutscher Meister, hatte im deutschen EM-Kader gestanden, jedoch kein Spiel bestritten. Bei den Olympischen Spielen in Seoul rechnete er sich nun gute Einsatzchancen aus. Am Tag vor dem Abflug stand allerdings das Bundesliga-Heimspiel gegen die Bayern auf dem Programm, und dabei verletzte sich Sauer am Fuß. „Ich bin trotzdem mitgeflogen zu Olympia, konnte aber kein Spiel machen“, sagt er. Rund vier Monate fiel Sauer anschließend aus. Immerhin: Die Bronzemedaille, die das deutsche Team holte, hat er trotzdem bekommen.

Knapp drei Jahre später schlug das Verletzungspech ein weiteres Mal erbarmungslos zu – wieder in einem Moment, in dem alles bestens zu laufen schien. Werder gewann das DFB-Pokalfinale 1991 nach Elfmeterschießen gegen Köln. Sauer feierte den Triumph mit Schmerzen, denn er hatte während des Spiels einen Tritt in die Achillesferse bekommen. Was er da noch nicht wusste: Vier Operationen sollten nötig sein, bis er wieder Fußball spielen konnte.

Sauer hadert nicht

„Beim ersten Mal wurde die Verletzung falsch operiert, dann war nicht mehr die Achillessehne, sondern ein Nerv das Problem“, blickt Sauer zurück. Quälend lange zweieinhalb Jahre ging er fast jeden Tag in den Kraftraum des Weserstadions und saß ständig beim Arzt. Ans Fußballspielen war nicht einmal zu denken. „Für mich ging es darum, überhaupt wieder schmerzfrei laufen zu können“, betont der Ex-Werderaner. Nach der vierten Operation verschwanden die Schmerzen, und Sauer schaffte es tatsächlich zurück in die Bundesliga. Fast drei Jahre lagen zwischen seinem letzten Liga-Einsatz und seinem Comeback im April 1994. Unangefochtener Stammspieler wie früher wurde er nicht mehr. „Ohne das Verletzungspech hätte ich sicherlich ein paar Länderspiele gemacht“, glaubt Sauer.

Mit dem Schicksal hadern will er aber nicht: „Man hat eben den Körper, den man hat.“ Und sehen lassen kann sich Sauers Vita mit 134 Bundesliga-Spielen (acht Tore) und den gewonnenen Titeln trotz allem. Werder verließ er 1996 nach mehr als 15 Jahren. Bei Hertha BSC, dem VfB Leipzig und dem VfB Oldenburg blieb Sauer eher kurz, ehe er komplett mit dem Fußball abschloss. „Ich habe aufgehört, und das war es“, sagt er. Kein Job als Trainer, kein Job als Berater, keine Prominenten-Spiele. Sauer schlug einen ganz anderen Weg ein. Schon als aktiver Spieler hatte er Altbremer Häuser gekauft und renoviert. „Man hat als Profi viel Zeit, ich war praktisch der Bauleiter“, sagt er. So schaffte Sauer den Einstieg in die Immobilienbranche. Heute vermittelt er ab und zu auch Häuser an Bundesliga-Profis, Claudio Pizarro war zum Beispiel sein Kunde.

Außerdem laufen ihm ehemalige Mitspieler wie Marco Bode oder Thomas Wolter regelmäßig über den Weg. Als die Europapokalsieger von 1992 beim „Tag der Fans“ im August ihr Jubiläum feierten, kam es zum Wiedersehen mit seinem alten Trainer Otto Rehhagel. „Otto war als Trainer autoritär, aber immer fair“, betont Gunnar Sauer. „Ich habe ihm viel zu verdanken, nicht nur sportlich. Er war eine Art Vaterersatz für viele Spieler.“ Übrigens: „Sonnenkönig“ nennt Rehhagel Sauer inzwischen nicht mehr.

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