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16.04.2019
Lemke im Mein-Werder-Interview

„Andere Bundesländer werden folgen"

© dpa


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Herr Lemke, im Polizeikosten-Prozess hat das Land Bremen gegen die Deutsche Fußball-Liga (DFL) gewonnen. Hat Sie das Urteil überrascht?

Es hat mich nicht überrascht. Denn ich kann in dieser Frage beide Positionen nachvollziehen. Einerseits die Forderung des Senats, die von einer großen Mehrheit der Bevölkerung getragen wird, bei Hochsicherheitsspielen die entstehenden Kosten nicht den Steuerzahlern die Mehrkosten zu überlassen. Andererseits darf es doch nicht angehen, dem SV Werder in dieser Frage als einzigem Verein der Bundesliga diesen Wettbewerbsnachteil aufzuerlegen. Nun sollte die Prozessführung aber auch zu Ende sein, alle sollten positiv nach vorne schauen und für alle tragbare Kompromisse eingehen.

Denken Sie, dass die DFL eine weitere Instanz bemühen wird? Christian Seifert, der Vorsitzende der DFL, hat das jüngst angedeutet.

Ich glaube es nicht. Irgendwann zweifeln die Menschen sonst an den handelnden Personen. Christian Seifert macht für die Bundesligavereine einen hervorragenden Job, in dieser Frage kann ich ihm jedoch nicht folgen.

Hätte der Prozess vermieden werden können?

Ja. Es hätte versucht werden müssen, im Vorfeld eine Lösung zu finden. Beide Seiten hätten früher und intensiver miteinander reden müssen, um die aktuelle Entwicklung zu vermeiden. Da gab es ganz offensichtlich Kommunikationsprobleme von Beginn an.

In der Bevölkerung gibt es laut Umfragen eine hohe Akzeptanz für die Beteiligung des Fußballs an Polizeikosten bei Risikospielen. Wie erklären Sie sich das?

In den letzten Jahren sind im Fußball Dinge passiert, mit denen sich viele nicht mehr identifizieren können. Dass Franck Ribery ein vergoldetes Steak isst, versteht angesichts der immer größer werdenden Spanne zwischen Arm und Reich kaum jemand. Dass bestimmte Bevölkerungsschichten jeden Euro umdrehen müssen, während einige Fußballer in der Bundesliga mehr als eine Million Euro im Monat verdienen und mehr als 15 Autos im Besitz haben, ebenfalls nicht. Das sind Auswüchse, die dem Fußball nicht guttun. Dass Menschen mit wenig Geld angesichts solcher Nachrichten nicht bereit sind, zusätzliche Polizeikosten mit ihren Steuergeldern zu finanzieren, kann ich verstehen. Wohl wissend, dass Werder dem Ansehen Bremens weltweit nutzt, und einer der besten Steuerzahler und Sympathieträger in unserem Land ist.

Die DFL hat angekündigt, sich die vom Land Bremen in Rechnung gestellten Summen von Werder zurückzuholen. Sollte Werder versuchen, sich dagegen zu wehren, oder ist es kontraproduktiv, sich mit der DFL anzulegen?

Ich würde es rechtlich sehr genau überprüfen lassen und mit Juristen klären, ob es eine Möglichkeit gibt, dem zu entgehen. Denn die Rolle des Veranstalters liegt meines Erachtens klar bei der DFL. Wenn die DFL etwas beschließt – Geldstrafen ausspricht, Spiele ansetzt – muss Werder sich dem auf der Grundlage der bestehenden Verträge beugen. Die DFL ist eine übergeordnete Organisation, die etwas durchführt und veranstaltet. Auch diese Frage sollte man auf dem Wege von Verhandlungen und nicht über die Gerichte regeln. Demnächst werden die Umsätze der DFL wohl von 4,4 Milliarden auf knapp fünf Milliarden Euro pro Saison steigen. Ein guter Zeitpunkt, über einen Solidarpakt für die Bundesliga zu beschließen, um das leidige Thema endlich zu den Akten zu legen.

Werder beklagt aufgrund des Urteils einen Wettbewerbsnachteil gegenüber anderen Bundesligisten. Wie groß ist der?

Es ist eindeutig ein Wettbewerbsnachteil, wenn ein Bundesland andere Abgaben verlangt als die anderen 15. Deshalb kann es nicht allein bei Werder abgeladen werden, das wäre eine unglaubliche Ungerechtigkeit. Werder muss mit dem vergleichbar kleinen Budget von etwa 110 Millionen Euro gegen Klubs wie Bayern mit über 700 Millionen Euro Umsatz antreten. Da ist es doch verständlich, dass unsere Verantwortlichen um jeden Betrag kämpfen.

Rechnen Sie damit, dass andere Bundesländer dem Bremer Beispiel folgen und den betreffenden Vereinen zusätzliche Polizeikosten in Rechnung stellen?

Das kann ich mir gut vorstellen, wenn ein Land, das nicht in Saus und Braus lebt, darauf zurückgreifen wird. Es ist eigentlich logisch und ich bin ziemlich sicher, dass das passieren wird. Vielleicht nicht spontan, aber vielleicht wenn neue politische Koalitionen in den Ländern gebildet werden.

Christian Seifert hat angekündigt, dass es bezüglich der Polizeikosten keinen Solidarpakt geben wird. Bei den Fernseheinnahmen gibt es ihn. Ist das nachvollziehbar?

Die Frage muss Herr Seifert beantworten. Die Idee eines Solidarpakts finde ich – wie gesagt – vernünftig. Man muss sich ja vor Augen halten, dass wir über eine Summe reden, die für die DFL nur eine sehr geringe Belastung darstellen würde.

Die Uefa plant, die Champions League nach dem Jahr 2024 zu reformieren, das Ziel dabei wird sein, noch mehr Geld zu verdienen. Die Fifa will mit derselben Absicht neue Wettbewerbe schaffen. Verliert der Fußball immer mehr den Bezug zur Basis?

Der Ursprung ist die Gier nach immer mehr Geld. Ich kenne Menschen, die ihr Leben lang voller Begeisterung ins Stadion gegangen sind, nun aber lieber zur 1. Herren ihres örtlichen Klubs gehen. Da steckt eine große Gefahr für den Bundesligafußball.

Lässt sich diese Entwicklung stoppen?

Indem die Fans aufbegehren. Neue Anstoßzeiten im Sinne einer besseren Fernsehvermarktung könnte es ja bald geben, weil beispielsweise Samstagmittag eine tolle Zeit für den asiatischen Markt wäre. Fans haben die Macht, das zu verhindern. Sie wollen und können montags nicht ins Stadion gehen, wie sie es in dieser Saison demonstriert  haben. Und die Proteste haben ja Wirkung gezeigt, im neuen Fernsehvertrag wird es keine Spiele am Montag mehr geben.

DFB-Präsident Reinhard Grindel ist über nicht gemeldete Nebeneinkünfte und eine geschenkte Uhr gestolpert. Welche Wirkung hat das auf den Amateurfußball und die vielen ehrenamtlichen Mitarbeiter?

Das war peinlich und für viele Ehrenamtliche demotivierend! Grindel hat viele Fehler gemacht. Angefangen bei der Vertragsverlängerung mit Joachim Löw vor der Weltmeisterschaft, sein Verhalten bei Mesut Özil, die Kritik an Löw aufgrund der Ausmusterung der Nationalspieler Mats Hummels, Thomas Müller und Jerome Boateng, dem Verschweigen von Einnahmen durch ein Aufsichtsratsmandat. Das alles hat keine gute Wirkung gehabt.

Der DFB hatte zuletzt kein großes Glück mit seinen Präsidenten. Wer wäre ein guter Kandidat oder eine gute Kandidatin?

Unser ehemaliger Präsident Dr. Franz Böhmert wäre eine Idealbesetzung, leider lebt er nicht mehr. Auch Werner Klatten, Aufsichtsratsvorsitzender der Deutschen Sporthilfe, hat alles, was es bräuchte, ist aber leider nach den Statuten zu alt. Ich sehe in Deutschland mindestens zehn Leute, die das könnten, und da ist auch eine Frau dabei. Ich werde aber keinen Namen nennen. (lacht)

Zur Person: 

Willi Lemke (72) war 18 Jahre Werder-Manager. Danach saß er von 2003 bis 2016 im Aufsichtsrat des Klubs, davon die meiste Zeit als dessen Vorsitzender. Für die UN war Lemke von 2008 bis 2016 Sonderberater für Sport.

Greenkeeper10 am 16.04.2019, 20:36
Willi du hast recht
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Netzorath am 17.04.2019, 11:41
Vor allem hinsichtlich der Konsequenzen des Polizeikosten-Urteils redet jemand, der weiß, wovon er spricht und sich wohltuend abhebt von so manchem, der sich in letzter Zeit (auch hier) dazu eingelassen hat.

Die Fans hätten, wie der Protest gegen die Montagsspiele gezeigt hat, viel mehr Möglichkeiten, etwas gegen falsche Entwicklungen zu unternehmen, vor allem, indem sie einfach den Spielen fernblieben und zu den 1. Herren nebenan gingen. Wenn sie daran dann Gefallen fänden, würde sich mancher der heute noch so arroganten Herren wundern, die meinen, die Fans würden aber auch alles mitmachen.
Der Fußball ist derzeit dabei zu überdrehen. Wer alles toleriert, alles bezahlt, jede Anstoßzeit hinnimmt, begünstigt das. Das sollte man sich selbst auch klarmachen. Die Fans müssen aufbegehren, genauso ist es. Wenn ich allerdings sehe, wie viele Leute sich auf eher belanglose Dinge stürzen wie z.B., was Claudio nach seiner Karriere macht, und wie wenige diesen Beitrag, in dem es um die Zukunft des Fußballs geht, zu lesen scheinen, macht das nicht gerade optimistisch.

Sehr gutes Interview!
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muttimulle am 17.04.2019, 18:26
@netzorath

Auf den Punkt gebracht. Danke!

Besonders Ihr Statement zum Pizarro Artikel. Das man meint sich zu diesem Thema überhaupt äußern zu müssen...... Erstaunlich.
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susanneundjens am 17.04.2019, 19:05
Tja @netzorath, so sieht es wohl aus. Beim Thema Polizeikosten ist es ja so, dass es in England, Frankreich und Spanien genauso gemacht wird wie Lemke es prophezeit. Und in Deutschland wird es auch so kommen, spätestens dann wenn NRW nachzieht mit all den Erst- und Zweitligisten. Dann wird Seifert schnell ganz anders reden über den Fonds.... Und tatsächlich werden die Dinge hier seltsam gewichtet. Bei diesem Pizarro-Artikel ist mein Standpunkt dort gewesen, dass alle doch echt locker bleiben können. Man wird halt wieder etwas ernster genommen und fertig. Der Eine oder Andere nimmt sich so einen Artikel aber ganz schön zu Herzen. Da liegt @muttimulle schon ganz richtig.
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delles.wiki am 17.04.2019, 21:51
@Netzorath
Was gibt es da nicht zu verstehen? Alle freuen sich über Claudio Pizarro als spielende Legende im Werderdress. Ist doch klar, dass die Leute emotional reagieren, wenn dann kurz vor den großen Spielen eine solche Meldung aus München kommt. Als Indikator für die Wichtigkeit der behandelten Themen taugt die Anzahl der Kommentare natürlich nicht. Davon sollten Sie sich nicht irritieren lassen.
Ihren Pessimismus in Bezug auf die Entwicklung des Fußballbusiness teile ich dagegen ausdrücklich.
Auch wenn beispielsweise der lange Kampf der 96-Fans gegen die 50+1-Regelung offensichtlich Martin Kind das Leben schwer macht, glaube ich nicht, dass sich diese Entwicklung aufhalten lässt . Die Premierleague boomt, obwohl Fankultur in England so ziemlich verloren gegangen ist. Der Rubel rollt und das ist sie Hauptsache. Dem "Produkt" Premierleague hat es nicht geschadet und die Welt hockt vor den Fernsehern und guckt sich die Stars an. Wenn ich höre, dass die Bundesliga angeblich auch diesen Weg gehen muss, damit sie international konkurrenzfähig bleiben kann, wird mir schlecht. Ich finde eher, dass man einen solchen Unsinn unterlassen, sondern lieber verlässlich wirtschaften und eine ausgewogene Liga anstreben sollte. Dann kommen eben nicht die ganz großen Stars. Die Bayern wird es vielleicht schmerzen, dass sie mit den Engländern nicht konkurrieren können im Kampf um die größten Stars, aber ich finde, das Maß ist übervoll und es ist aberwitzig, was sie da in England veranstalten.
Aber Bayern wollte ja offensichtlich eh schon in einer europäischen Spitzenliga starten, und die Dortmunder offensichtlich auch (bei denen frage ich mich heute noch, warum die mit ihrer Großmannssucht nicht insolvent waren und weiter in der Liga verbleiben durften). Eine solche Liga würde mich, glaube ich, nur am Rande interessieren und sollte für die Bundesliga 50+1 fallen und es nur noch und ausschließlich darum gehen, wer den potenteren Investor an Land ziehen kann, wäre es mit meiner Fußballleidenschaft diesbezüglich wohl auch vorbei, vermute ich mal.
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delles.wiki am 17.04.2019, 13:34
Zum Himmel stinkende Korruption im Weltfußball, und die WM in Russland haben wir trotzdem geguckt und ebenso werden wir die in Katar gucken, trotz offensichtlicher menschenverachtender Zustände.
Schalke konnte sich lange Zeit nur aufgrund immenser Zuwendungen aus Russland über Wasser halten und hat einen, wie ich finde, dubiosen Fleischfabrikant an seiner Spitze. Bayern hat mächtige Mitglieder im Aufsichtsrat und ebenso massive Zuwendungen, und als wenn das nicht reichen würde, nutzt der Verein seine Marktmacht in den Verhandlungen zu einer ungerechten Verteilung der Fernsehgelder. Und halb Leipzig jubelt einem Retortenklub zu (deren Verantwortlich aber zugegebenermaßen einen guten Job machen). Wolfsburg und Leverkusen werden seit ewigen Zeiten mit Millionen von Konzernen gepimpt, die sich meiner Ansicht mach viel eher um das Gemeinwohl kümmern müssten, als Abermillionen im Profifußball zu versenken. Und das sind nur ein paar Beispiele von Auswüchsen im Profifußball in unserem Land, die mit Chancengleichheit und fairem sportlichen Wettkampf schon lange nichts mehr zu tun haben. Und wen interessieren diese nationalen und internationalen Verwerfungen?
Ein paar Ultragruppierungen trommeln gegen solche Auswüchse an und die Fans von Hannover 96 haben meinen ganzen Respekt für ihren langen Kampf gegen 50+1.
Ich glaube aber, die breite Masse lässt sich gerne berieseln und ist da weit weniger kritisch als die leidenschaftlichen Fans. Die breite Masse aber bringt das Geld. Und irgendwie haben wir alle doch die Arroganz der Verantwortlichen mit unserem Konsumverhalten auch genährt. Seitdem ausschließlich Sky die Champions-League überträgt, geht zumindest dieser Wettbewerb komplett an mir vorüber, obwohl man dort den besten Fußball sieht. Einerseits schade, andererseits nicht.
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Greenkeeper am 17.04.2019, 14:38
Ich sehe ihn trotz seiner Verdienste für Werder kritisch, aber dies ist ein gutes Interview und es zeigt, welche Klasse er hat.

Vergleicht das mal mit Grindel und den anderen handelnden Personen bei DFB und DFL, das ist wie Kreisklasse gegen CL.
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Fehleinkauf am 18.04.2019, 12:23
Hochrisikospiele, und die damit verbundenen Polizeikosten, haben nichts mit Riberys Steak oder den Autos der Spieler zu tun.
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delles.wiki am 18.04.2019, 13:36
Nein, aber darum geht es ja auch nicht ausschließlich im obigen Artikel.
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