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01.02.2019
Serie zu Werder Bremens 120. Geburtstag (2)

Alfred Ries - fünfmal Retter in der Not

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Auch wenn der Ehrenvorsitzende eigentlich gar nicht im Land war, konnte der SV Werder Bremen auf Alfred Louis Ries nicht verzichten. Als der Schuldenberg einen kritischen Stand erreichte, probte die Schachabteilung im März 1955 den Aufstand gegen die Vereinsführung. Hoch gingen die Wogen im Streit um den längst unterhöhlten Amateurstatus der Vertragsspieler, sogar vor Gericht befehdeten sich die Widersacher. Nichts war mehr zu spüren vom schon damals viel beschworenen „Werder-Geist“, bei der Vorstandswahl im Januar 1956 drohten die Grabenkämpfe weiter zu eskalieren.

Dass es dazu nicht kam, war wesentlich Alfred Louis Ries zu verdanken. Drei Jahre nach seinem beruflich bedingten Rückzug von der Vereinsspitze hatte sein Wort bei Werder noch immer Gewicht. Der Berufsdiplomat wurde im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Ausland eingeflogen, um die Streithähne zur Räson zu bringen. „Die Versammlung war so gelegt worden, dass er bei einem Deutschlandbesuch einen kurzen Abstecher nach Bremen machen konnte“, schreiben die Werder-Experten Hans-Otto Busche und Heinz Fricke. Und tatsächlich zeigte sein überraschender Auftritt die erhoffte Wirkung, der umstrittene Notvorstand wurde im Amt bestätigt.

Keine Frage, der distinguierte Mann mit dem charakteristischen Schnurrbart war eine Institution bei Werder. Bereits seit 1909 gehörte er dem zehn Jahre zuvor gegründeten Verein an. Zu Kaisers Zeiten handelte es sich noch um einen elitären Klub. Laut Satzung durfte nur beitreten, wer eine höhere Schulbildung vorweisen konnte. Ein Kriterium, das der Kaufmannssohn problemlos erfüllte. Er besuchte erst eine dreijährige Vorschule für höhere Schulen und danach die Oberrealschule am Doventor. Dass er sich zum jüdischen Glauben bekannte, war kein Ausschlusskriterium, es scheint damals nicht sonderlich viel Aufsehen erregt zu haben.

Steile Karriere auf Funktionärsebene

Angesichts der späteren millionenfachen Ermordung von Juden durch NS-Deutschland ein denkwürdiger Umstand. Wie die meisten deutschen Juden sah sich auch Ries in erster Linie als deutscher Staatsbürger. Wie sie diente er im Ersten Weltkrieg als Soldat. Als Zugführer einer Maschinengewehrkompanie kämpfte er im deutschen Asienkorps und kehrte hochdekoriert nach Bremen zurück.

Das sollte die deutschen Juden allerdings nicht retten. Schon damals zogen düstere Wolken am politischen Horizont auf. Nachdem Deutschland den Krieg verloren hatte und in der Folge den Versailler Vertrag unterschreiben musste, fand mit der sogenannten Dolchstoßlegende eine wirkungsmächtige Verschwörungstheorie immer mehr Zulauf. Die Kernaussage: Das deutsche Heer sei „im Felde unbesiegt“ geblieben, nur heimtückische Wühlarbeit an der Heimatfront habe als Dolchstoß in den Rücken der kämpfenden Truppen den Zusammenbruch bewirkt. Verantwortlich dafür seien Sozialisten und Demokraten am Gängelband des internationalen Judentums.

Bei Werder scheint solches Gedankengut keinen nennenswerten Widerhall gefunden zu haben. Jedenfalls gibt es keinen Hinweis, dass Ries als praktizierender Jude mit Vorurteilen zu kämpfen hatte. Im Gegenteil, der erfolgreiche Kaufmann legte auf Funktionärsebene eine steile Karriere hin. Mit nur 25 Jahren wurde er im Krisenjahr 1923 zum ersten Mal an die Spitze des Vereins gewählt. Ein Vorgang, der sich mehrfach wiederholen sollte. Das Vertrauen der Mitglieder bescherte ihm auch 1926 und 1927 sowie von 1929 bis 1931 den Vereinsvorsitz.

Kurzum, Ries war damals nicht wegzudenken aus Werders Chefetage. Stand er einmal nicht als Vereinsvorsitzender in der Verantwortung, nahm er andere Führungsaufgaben wahr, so 1925 als Leiter der Fußballabteilung. „In diesen Jahren nahm Alfred Ries maßgeblichen Einfluss auf die Entwicklung seines Vereins“, konstatieren Lorenz Peiffer und Henry Wahlig in ihrem Buch „Juden im Sport während des Nationalsozialismus“.

Arbeiten für Ludwig Roselius

Auch beruflich konnte Ries nicht klagen. Nach ersten Stationen als Abteilungsleiter bei der Deutschen Tabak-Gesellschaft in Bremen und später in der Afrika-Sparte eines bremischen Handelshauses engagierte ihn 1925 der Gründer der Firma Kaffee Hag, Ludwig Roselius. Als Organisator der „Niederdeutschen Woche“ und der „Sport-Heimat-Woche“ hatte der junge Ries bei dem eifrigen Förderer der niederdeutschen Bewegung einen glänzenden Eindruck hinterlassen. Anfangs betreute Ries große Verkaufsbezirke im Norden, ab 1927 koordinierte er die Werbung des weltweit operierenden Unternehmens.


Das machte Ries so gut, dass Roselius ihn 1931 mit seinem Herzensanliegen betraute: Als Direktor der Böttcherstraße sollte er dem schon damals nicht unumstrittenen Prestigeprojekt zu mehr Anerkennung verhelfen. Dabei entbehrt es nicht einer gewissen Ironie, dass die Böttcherstraße ja keineswegs eine harmlose Spielerei des Kaffeemagnaten war. Vielmehr verstand Roselius die expressionistisch gestaltete Straße als steingewordenen Versuch, rassisch-völkische Denkmuster zu verbreiten. Als überzeugter Anhänger des Rassenphilosophen Herman Wirth teilte er dessen Theorie, eine arische Herrenrasse habe erst Atlantis hervorgebracht und danach die antiken Hochkulturen.

Dass Roselius nichts dabei fand, ausgerechnet Ries als Verantwortlichen für die Böttcherstraße einzusetzen, mutet merkwürdig an. Zumal der bekannte Mäzen auch keinen Hehl aus seiner Verehrung für Adolf Hitler machte. Zu erklären ist seine enge Zusammenarbeit mit Ries nur mit einer Hochachtung vor Charakter und Kompetenz – unabhängig von Religion oder Parteizugehörigkeit. Nicht nur Ries erfreute sich der Wertschätzung durch Roselius, auch Alfred Faust als früheres Mitglied der Bremer Räteregierung konnte als Verfolgter der Nationalsozialisten mit seiner Hilfe rechnen. Zu prominenten Politikern der von den Nazis verachteten „Systemzeit“ von 1918 bis 1933 pflegte Roselius persönliche Beziehungen.

Mit dem aufkommenden Nationalsozialismus hatte Ries’ Rückzug vom Vereinsvorsitz 1931 sicherlich nichts zu tun. Als ausschlaggebenden Grund vermuten Peiffer und Wahlig seine Berufung zum Direktor der Böttcherstraße. Beide Tätigkeiten ließen sich offenbar nicht miteinander vereinen. Was es dagegen mit seinem Weggang aus Bremen vor Hitlers Machtübernahme Anfang 1933 auf sich hat, ist nicht eindeutig zu klären. In später verfassten Lebensläufen machte Ries die „Zuspitzung der politischen Verhältnisse“ und beginnende Angriffe der nationalsozialistischen Presse verantwortlich. Womit wohl vor allem erste Schmähungen der Böttcherstraße als Zeugnis „artfremder Verfallskunst“ gemeint waren.

Deutlich konzilianter äußerte sich dagegen die bürgerliche Presse. Als sein bevorstehender Abschied im November 1932 bekannt wurde, schrieb die „Weser-Zeitung“: „Ein großer Freundeskreis sieht ihn ungern aus Bremen scheiden.“ Keine Spur von antisemitischen Zwischentönen auch bei der gemeinsamen Abschiedsfeier des Norddeutschen Sportverbandes und des SV Werder Bremen am 7. Januar 1933, bei der Ries mit Ehrungen geradezu überhäuft wurde. Seine Gastgeber verliehen ihm die Ehrenmitgliedschaft, zusätzlich gab es vom Verein und dem Deutschen Fußball-Bund jeweils eine Ehrennadel. Als Laudator sprach bei der Feier im Goldenen Saal der Böttcherstraße mit Wilhelm Kleemann (SPD) sogar ein amtierender Senator.

Drei Monate Gefängnis

Auch nach seinem Fortgang aus Bremen blieb Ries Angestellter von Kaffee Hag. In München übernahm er die Generalvertretung des Unternehmens. Bereits im Oktober 1933 räumte er jedoch seinen Posten, nach eigenem Bekunden unter dem Druck des mittelfränkischen NS-Gau­leiters Julius Streicher, Herausgeber des berüchtigten antisemitischen Hetzblattes „Der Stürmer“. Nach einer kurzen Zwischenstation als Repräsentant von Kaffee Hag im tschechischen Marienbad wurde er im Januar 1934 Direktor der jugoslawischen Kaffee-Hag-Niederlassung in Zagreb. „Damit beginnt endgültig die Zeit der Emigration“, schreiben Peiffer und Wahlig.

Wie lange Roselius noch seine schützende Hand über Ries hielt, ist nicht eindeutig zu beantworten. Nach der Liquidierung des Unternehmens in Zagreb verdiente sich Ries seine Brötchen als Generalvertreter etlicher deutscher und ausländischer Handelsfirmen, zusätzlich wurde er Direktor und Aufsichtsratsmitglied einer neuen Firma in Zagreb. 1940 wurde er – wie so viele Emigranten in anderen Staaten – interniert. Zwar gelang ihm zu Beginn der deutschen Invasion im April 1941 die Flucht, doch nach der Besetzung wurde er im Juni erneut verhaftet. Drei Monate saß er in einem Gefängnis der Gestapo.

Was sich anschließend bis Kriegsende ereignete, lässt sich kaum rekonstruieren. Im Wiedergutmachungsverfahren wurde der Verdacht lanciert, Ries sei ein Gestapospitzel gewesen, die Vorwürfe ließen sich aber nicht erhärten. Der Fall zeige „exemplarisch, mit welchen Vorurteilen, strukturellen Widerständen und konkretem Antisemitismus Shoa-Überlebende nach dem Zweiten Weltkrieg zu kämpfen hatten und bis heute haben“, urteilen die Autoren des Fanprojekts Bremen in ihrer Broschüre zu Ries aus dem Jahr 2017.

Dass Ries zuerst von seinen eigenen Landsleuten verfolgt und dann von den siegreichen Partisanen Titos von Juni bis Dezember 1945 als Deutscher in Haft genommen und überprüft wurde, spiegelt seine persönliche Tragik wider. Noch mehr indessen das Los seiner Eltern, die bereits Ende 1942 im Konzentrationslager Theresienstadt ermordet worden waren. Doch Ries ließ sich dadurch in seiner humanistischen Grundhaltung nicht beirren. „Wer Versöhnung will, muss sie praktizieren“, lautete sein Credo.

Nach seiner Rückkehr nach Bremen im Oktober 1946 musste Ries nicht lange nach einer neuen Betätigung suchen. Bürgermeister Wilhelm Kaisen (SPD) freute sich über den ausgewiesenen, dazu unbelasteten Fachmann und bot ihm die Leitung des Staatlichen Außenhandelskontors ab Januar 1947 an. Mit offenen Armen empfingen ihn auch die alten Vereinskameraden vom SV Werder. Bereits im Oktober 1947 wurde Ries abermals zu Werders Vorsitzendem gewählt. Dass sein Comeback in der Führungsetage so erstaunlich reibungslos verlief, erscheint auf den ersten Blick nur schwer verständlich – immerhin arbeitete er mit den Männern zusammen, die wenige Jahre zuvor Hitler gepriesen und bei Werder das Führerprinzip verankert hatten.

Diplomat für das Auswärtige Amt

Dies gilt besonders für den vormaligen Vereinsführer Willy Stöver mit seinen Treuebekenntnissen zum nationalsozialistischen Regime. Dass ausgerechnet dieser Mann als Stellvertreter von Ries fungierte, ihn sogar als „unseren Freund Alfred“ würdigte, klingt zynisch und heuchlerisch. Womöglich meinte Stöver es aber völlig ernst. Geht doch aus seinem Entnazifizierungsverfahren hervor, dass er noch lange mit Ries korrespondierte – die beiden Männer waren einer Zeugenaussage zufolge befreundet.

In den frühen Nachkriegsjahren nahm Ries eine Fülle von Ehrenämtern nicht nur im sportlichen Bereich wahr. Er war stellvertretender Vorsitzender des Norddeutschen Fußball-Verbandes, Presse- und Werbereferent beim Deutschen Fußball-Bund, stand der Deutschen Olympischen Gesellschaft Bremen vor und war Vizepräsident des Deutschen Sportbundes, der Vorläuferorganisation des Deutschen Olympischen Sportbundes. 1950 ließ Ries zusammen mit Gleichgesinnten den Rotary Club Bremen wieder aufleben, dem er bereits 1932 angehört hatte. Daneben engagierte er sich im Rundfunkrat Bremen und als Aufsichtsratsvorsitzender der Bremer Sport-Toto-Gesellschaft. Nicht zu vergessen seine Hilfe beim Wiederaufbau der jüdischen Gemeinde.

Doch Ries zog es fort. Wie schon 1931 legte er 1953 den Vorsitz bei Werder und seine Ehrenämter aus beruflichen Gründen nieder. Als Diplomat im Dienst des Auswärtigen Amts kehrte Ries zunächst bis 1957 nach Jugoslawien zurück, ab 1958 leitete er den Wirtschaftsdienst im deutschen Generalkonsulat in Kalkutta. Der Höhepunkt seiner Diplomatenkarriere war der Posten des deutschen Botschafters in Liberia, den er von 1959 bis zum Eintritt in den Ruhestand 1963 bekleidete.

Dass von wirklichem Ruhestand bei einem Mann wie Ries keine Rede sein konnte, versteht sich fast von selbst. Kaum zurück aus Afrika, wurde der nun 65-Jährige im März 1963 wieder einmal zum Präsidenten des SV Werder gewählt – offenbar traute man ihm am ehesten zu, den Verein in der neu gegründeten Fußballbundesliga zu etablieren. Tatsächlich hatte Ries ein glückliches Händchen, unter seiner Leitung wurde der SV Werder 1965 erstmals Deutscher Fußballmeister. Damit nicht genug, wollte sich Ries politisch einbringen – wie zuzeiten der Weimarer Republik als Mitglied der linksliberalen Deutschen Demokratischen Partei. Doch er scheiterte im September 1965 als FDP-Bundestagskandidat.

Wenig später spielte seine Gesundheit nicht mehr mit. Im März 1967 musste sich Ries einer schweren Operation unterziehen, von der er sich nicht mehr erholte. Am 25. August 1967 starb Werders Präsident im Alter von 69 Jahren. Seine letzte Ruhe fand er auf dem jüdischen Friedhof in Hastedt. Mit der Zeit geriet Ries in Vergessenheit. Erst Vereinshistoriker Harald Klingebiel brachte ihn im Rahmen seiner Forschungen zu jüdischen Vereinsmitgliedern 2008 in Erinnerung. 2017 legte ein Autorenkollektiv des Fanprojekts Bremen anlässlich seines 50. Todestags eine viel beachtete biografische Broschüre des Vereinsurgesteins vor. Auch im Stadtbild ist Ries neuerdings wieder präsent: Seit August 2018 trägt eine grüne Promenade direkt am Weserstadion den Namen Alfred-­Ries-Platz.

funker am 01.02.2019, 13:02
Äußerst lobenswert, den Werder-Geburtstag zu nutzen, um in dieser Reihe auch abseits des Sport historische Ereignisse zu beleuchten und dafür auch den Rechercheaufwand nicht zu scheuen.
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